Freiheit im Studium? Blauäugiger Bullshit!

August 10, 2016

Endlich keine Anwesenheitspflicht mehr dachten alle – und ksz-Autor Jona Spreter jubelte mit. Dann ging er für ein Auslandssemester nach Frankreich und findet plötzlich sogar Hausaufgaben irgendwie gut.

 

Hätte man mich noch vor einem Jahr gefragt, wie mir das Studium an der Universität zu Köln gefällt, ich hätte geantwortet: es gibt nichts Besseres; Ich war voller Enthusiasmus. Ich hatte Abitur und Kleinstadt hinter mir gelassen und politische Diskussionen und falafelbekleckerte Bürgersteige lagen vor mir. Weil ich das Lesen liebte, schien mir die Universität von weitem wie ein Schlaraffenland. Ich freute mich sogar auf übervolle Vorlesungssäle und lange Nächte in der Bibliothek.

Nachdem ich die ersten Vorlesungen besucht hatte, empfand ich die erst kaum und später dann nicht mehr vorhandene Präsenzpflicht als einen Segen. Endlich selbstverantwortlich arbeiten, endlich keine Hausaufgaben mehr, Studium aus Leidenschaft.

Es sollte sich schon bald herausstellen, dass all das blauäugiger Bullshit feinster Sorte gewesen war. Die Statistik Veranstaltungen verschlief ich ab der dritten Woche meines Studiums konsequent und fadenscheinige Argumente à la „Also ich geh da jetzt nicht hin, weil grade bin ich ja zuhause so produktiv“ begannen sich zu häufen. Ich las zwar immer noch viel, aber irgendwie nie das, was ich eigentlich lesen sollte.

Ich redete mir ein, meine mangelnde Leistungsbereitschaft gründe sich darauf, dass mein Idealbild einer Universität einfach an der Realität zerbrochen wäre. Dass es keinen Diskurs mehr gäbe, dass das akademische Leben nur noch aus Kaffeetrinken und Instagram-Selfies bestünde. Doch das stimmte nicht. Ich hatte lediglich verkannt, dass zum Studium nebst der Liebe zur Theorie eben auch die Liebe zu Fleiß und Leistungsbereitschaft gehören.

 

Ein besserer Wecker als jeder Scooter-Song

An die Sciences Po Grenoble kam ich vergangenen Winter dann selbstverständlich mit der Absicht, alles besser zu machen. Und das – ich vermochte es selber kaum zu glauben – gelang. Plötzlich stand ich früher auf, kam pünktlich zur Vorlesung, verpasste kaum noch Veranstaltungen und hinkte dem Stoff nicht mehr hinterher. Ausschlaggebend dafür waren jedoch nicht meine großen Ambitionen, sondern die Präsenzpflicht, die ein besserer Wecker ist als jeder Scooter-Song. Mit dieser Erkenntnis mutierte ich während meines Auslandssemesters vom freiheitsliebenden Uni-Schwänzer zum eisernen Verfechter von Vorgaben und Verpflichtungen.

Das Lernen an französischen Universitäten mit der Quintessenz „Anwesenheitspflicht“ zwingt Studierende sich auch mit vermeintlich unliebsamen Themenfeldern auseinander zusetzten, weil sie einem durch kontinuierliches Schaffen auch kontinuierlich hilfreiches Feedback und Erfolgserlebnisse beschert und weil die Uni sich, ganz schlicht gesagt, einfach mehr nach Zuhause anfühlt, wenn man sie öfters von innen betrachtet.

Im Französisch Sprachkurs gab meine Dozentin in jeder Sitzung Hausaufgaben auf. Meist nur kleinere Albernheiten, kurze zu verfassende Texte, Rechercheaufträge oder Lektüre. Und klar das nervte, jedoch war ich inhaltlich stets auf dem aktuelle Stand.

Mein Dozent in einem Seminar über britische Kultur ließ uns jede Woche Präsentationen über die englische Arbeiterklasse, die Angry Young Men und Margarete Thatcher halten. Und klar, das strengte an. Jedoch brachten mich die Aufgaben kontinuierlicher der jüngeren britischen Geschichte näher.

Die Präsenzpflicht ist für mich kein „Schreckgespenst“ sondern ein logisches Konzept. Wer sich anmeldet, hat da zu sein. Das beginnt beim Kuchenverkauf des örtlichen Musikvereins und endet bei den Präsenzlisten der Mitglieder des deutschen Bundestages. Es entsteht Planungssicherheit auf beiden Seiten.

 

Einfach den Hintern aus dem Bett hieven

Dort, wo keine Erwartungshaltung existiert, da kann sich auch kein Potenzial entfalten. Ksz-Autor Cem-Odos Güler nannte die völlige Abschaffung der Präsenzpflicht an den Hochschulen in NRW in der vergangenen Ausgabe „Scheinfreiheit“. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und von der „Mär der Autodidaktik“ sprechen.

Studieren in Frankreich verheißt erst einmal guten Käse, XXL-Supermärkte und gesalzen teure Bierpreise in der Kneipe. Ein Studium in Frankreich verheißt aber ebens, und das ist der eigentliche Vorteil, kleine Seminargruppen, regelmäßige Leistungskontrolle und Diskurs unter den Studierenden. Alles einfach auf der simplen Grundlage dessen, dass man morgens seinen Hintern aus dem Bett hieven muss.

 

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