Die Geister, die man rief

August 12, 2016

Das Semesterticket, ein billiger Wohnheimplatz, Sondertarife bei Versicherungen: Es gibt viele Gründe dafür, sich auch ohne echte Studienabsicht an einer Hochschule einzuschreiben.
Zu befürchten haben die Phantomstudenten hier wenig.

 

Sieben Semester lang war Sebastian Mattern (*) ein normaler Student an der Universität zu Köln. Jahr für Jahr sammelte er Punkte bis zum Bachelorabschluss. Es folgte ein unbezahltes Praktikum bei einem Kölner Musiklabel – als Sprungbrett in den Job. Trotz des festen Plans, künftig keinen Fuß mehr auf den Albertus-Magnus-Platz zu setzen, schrieb Sebastian sich wieder ein. Sein neuer Status: Phantomstudent.

Ein günstiges Semesterticket für den öffentlichen Nahverkehr, ein billiges Zimmer im Wohn- heim, subventioniertes Mensa-Essen oder Einsparungen bei der Krankenversicherung: Die Vergünstigungen für Studenten locken eine wachsende Zahl von Trittbrettfahrern an, die an einem Abschluss gar nicht interessiert sind. Auch das nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerium ist aufmerksam geworden: Es gebe „Steigerungen bei der Nachfrage nach Studienplätzen, die sich nur teilweise erklären lassen“. Maßnahmen gegen den Trend zum Fake-Studium bleiben dennoch aus – auch weil die Hochschulen davon sogar profitieren.

 

Stark gefragt: Vektoranalysis und Meteorologie

Die Initialzündung für den Boom des Phantomstudiums war der Wegfall der Studiengebühren von

bis zu 500 Euro pro Semester in Nordrhein-Westfalen zum Wintersemester 2011/2012. Seitdem steht den zahlreichen verbilligten Leistungen nur noch der Semesterbeitrag gegenüber – aktuell beläuft er sich an der Universität Köln und der Technischen Hochschule (TH) auf gerade einmal rund 255 Euro. Die Bewerberzahlen für überwiegend exotischen Fächer ohne Numerus Clausus (NC) sind so stark angestiegen, dass die Verantwortlichen der Kölner Uni gegensteuern mussten. Heute gilt auch für Antike Sprachen, Sprache und Kulturen Afrikas, Niederlandistik sowie Physik und Geophysik eine Zulassungsbeschränkung.

Offizielle Zahlen darüber, wie viele Phantomstudenten in Köln inzwischen umhergeistern, gibt es nicht. Nachfragen werden ausweichend beantwortet. Ein Eldorado für Phantomstudenten zu sein – damit möchte der akademische Betrieb nur ungern in Verbindung gebracht werden. Eine Spreche- rin der TH Köln wiegelt ab: Die Studienmotivation sei etwas sehr Persönliches. Zahlen zur Studiendauer seit dem Wegfall der Gebühren stelle man nicht zur Verfügung. 

 

Was die TH zumindest preisgibt: Knapp jeder Dritte der 24.420 Studierenden ist hier in einem zulassungsfreien Studiengang eingeschrieben. Zumindest sind die Hürden für ein Studium ohne ernsthafte Absichten niedrig. An der Universität zu Köln ist die Lage anders: Hier gibt es keine Studiengänge ohne Zulassungsbeschränkung. Aber wer schlau ist, der findet immer noch ein Fach, das – wie Physik – de facto je- den nimmt. Der NC lag hier im vergangenen Semester bei 4,0. Es bekommt also jeder Interessent einen Platz. „Es gibt hier sicher eine Reihe Phantomstudenten, aber dem gehen wir nicht nach“, sagt ein Mitarbeiter der Studienberatung für Physik.

 

Phantomstudenten hübschen Statistiken auf

Für Sebastian Mattern gab es keine Hürden auf dem Weg zurück zur Uni. Mit seinem Bachelorzeugnis schrieb er sich ganz bequem für den Masterstudiengang Politikwissenschaften ein. Ein ganzes Jahr lang blieb er immatrikuliert. „Mit dem Studierendenausweis konnte ich weiter im Wohnheim leben“, sagt er. Dafür nahm er in Kauf, dass andere möglicherweise in der Warteschleife hängen blieben: „Ich wusste schon, dass ich eventuell jemandem den Studienplatz oder auch das Wohnheimzimmer wegnehme.“ Wichtiger war ihm die eigene Rückfalloption: „Ich hatte so die Sicherheit, jeder- zeit an den Campus zurückkehren zu können, wenn mein Praktikum in die Hose geht.“

Zu befürchten hatte Sebastian wenig. „Wer ein- geschrieben ist, muss nicht auch zwangsläufig studieren“, sagt Christian Birnbaum, Anwalt für Hochschulrecht in Köln „Es gibt keinen Studierzwang.“ Phantomstudenten seien politisch durchaus gewollt. „Wenn Leute ohne Job sich an der Hochschule einschreiben, schönt das auch die Arbeitslosenstatistik“, erläutert Birnbaum. Entsprechend halbherzig seien Versuche, die Zahlen einzudämmen.

Das Wissenschaftsministerium widerspricht und verweist auf das Hochschulgesetz (HG) mit dem „das Land Maßnahmen ergriffen habe“. In § 64 Abs.3 des Gesetzes heißt es: Verpassen Studierende Prüfungsfristen, verlieren sie ihren Prüfungsanspruch. Ein Studium kann dann nicht mehr abgeschlossen werden. Phantomstudenten, die nicht an einem Abschluss interessiert sind, dürfte das kaum interessieren. Denn bis zu einer möglichen Exmatrikulation können einige Semester verstreichen.

 

Ob Phantomstudent oder nicht: gefördert werden alle Studenten
Die Gelassenheit im Umgang mit den Geisterstudenten in NRW könnte aber noch einen ganz anderen Grund haben. Im sogenannten Hochschulpakt zwischen Bund und Ländern wurde im Jahr 2007 eine Art Kopfgeld vereinbart. Die Kölner Universität und die TH erhalten beispielsweise beide 18.000 Euro pro Student, der immatrikuliert ist. Oben drauf gibt es noch eine leistungsorientierte Vergütung vom Land, die sich nach der Höhe der eingeworbenen Drittmittel, dem Frauenanteil bei den Professuren und nach der Zahl der Absolventen richtet. Für jeden Abschluss gibt es dann noch einmal 4.000 Euro. Das Missverhältnis ist offensichtlich: 4,5 Mal mehr Geld bekommen Uni und TH für einen eingeschriebenen Studenten als für einen Absolventen. Phantomstudenten können also viel Geld in die Hochschulkasse spülen – und dürften dabei wenig Kosten verursachen, weil sie ja gar nicht kommen. Die Uni-Verwaltung sagt zwar: Mit der wachsenden Zahl Studierender werde auch mehr Personal eingestellt. „Das ist ein Nullsummenspiel“, erläutert Pressesprecher Patrick Honecker. Ein Blick in die Bilanz jedoch zeigt: Die Personalkosten sind zwar von 2010 bis 2014 um 22,6 Millionen Euro gestiegen. Die Zuwendungen von Bund und Land legten im gleichen Zeitraum aber um 38,8 Millionen Euro zu. Die Differenz ist mit 16,2 Millionen Euro beträchtlich – selbst wenn davon noch bis zu 15 Prozent abgezogen werden müssen, die in Infrastrukturinvestitionen fließen dürfen. Dafür könne es verschiedene Gründe geben, sagt Honecker. Zusätzliches Personal werde beispielsweise erst künftig eingestellt. „Alle Fördergelder, die dann noch ungenutzt bleiben, werden von der nächsten Zuwendung abgezogen.“

 

Freifahrtschein: Scheinstudium

Keinen Widerstand gegen Phantomstudenten lassen Unternehmen erkennen, denen Einnahmen entgehen. „Beim Semesterticket gibt es für uns kaum Risiken“, sagt Stephan Anemüller, Pressereferent der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB). Das Angebot lohne sich schon dadurch, dass alle Studenten mit dem Semesterbeitrag für das Ticket zahlen müssen, aber nicht alle gleichermaßen Bus und Bahn fahren. Immerhin: Der Großteil des Semesterbeitrags fließt an den Verkehrsverbund. Allerdings müssten Phantomstudenten ja eigentlich mehr für regelmäßige Bahnfahrten bezahlen. Ein besonders gravierendes Problem sei das aber nicht: „Wir glauben, dass das nur sehr wenige unserer Fahrgäste betrifft – das spielt sich im niedrigen, einstelligen Prozentbereich ab“, sagt Anemüller.

Auch die Krankenkassen verzichten auf Geis- terjäger. Die Barmer GEK verweist darauf, dass der günstige Studierendentarif nur bis zum 14. Fachsemester oder 30. Lebensjahr gilt – wer sich unterhalb dieser Grenze durchschnorrt, wird toleriert. Beim Kölner Studierendenwerk, das die heiß begehrten Wohnheimplätze verteilt, wird das Problem kom- plett heruntergespielt. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Studierende sich nur für diesen Zweck ein- zuschreiben“, sagt Sprecherin Cornelia Gerecke.

Auf die jährlich 10.000 Bewerbungen kämen nur 3.000 Zimmer. „Ein Studienplatz ist deshalb keine Garantie für einen Wohnheimplatz“, sagt Gerecke. Umso ärgerlicher für die wirklich Studienwilligen, wenn doch Phantomstudenten einen Teil der begehrten Plätze besetzen. Für einige Phantomstudenten geht es jedoch gar nicht um die Vergünstigungen. Sie schreiben sich nach dem Abschluss wieder ein, weil sie fürchten, sonst kein Praktikum zu bekommen. Denn für Studenten gilt eine Ausnahme von der Mindestlohnregel, wenn sie ein Pflichtpraktikum absolvieren. Dann entfallen für Unternehmen auch die Sozialversicherungsabgaben. So profitiert auch die Wirtschaft von den zahlreichen Geisterstudenten. Wer also nicht mehr studiert, läuft Gefahr, dass die Bewerbungsmappe vom Personalverantwortlichen der Firma als erstes aussortiert wird. Scheinstudent Sebastian Mattern hat sein Praktikum inzwischen abgeschlossen. Heute ist er in Baden-Württemberg ernsthaft eingeschrieben. Studiengang: Musikwissenschaften; Status: Vollzeitstudent. Das Fach zu wechseln, darin hat ihn sein Praxisjahr nach dem Studium in Köln bestärkt. In zwei Jahren will er den Bachelor machen, es wäre sein zweiter Abschluss. Das Ziel danach: einen Job bei einer Plattenfirma oder Konzertagentur anfangen. Dass Sebastian zwischendurch zwei Semester lang Politik studiert hat, wird bei der Bewerbung aber keine Rolle spielen. In seinem Lebenslauf taucht das Schummeljahr nicht auf.

 

*Name von der Redaktion geändert

 

Illustration: Alex Tackenberg und Laura Quarz

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