Das Ende der freien Lehre?

August 14, 2016

Die Uni Köln eröffnet eine Business School und bietet dort bald einen Abschluss für 48 000 Euro
an. Die Uni preist das Projekt als Innovationstreiber, viele Studierende sehen darin den Ausverkauf ihrer Bildung.

 

Momentan herrscht samstags und sonntags gähnende Leere im Trakt der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen (WiSo) Fakultät an der Uni Köln. Das wird sich bald ändern. Ab dem kommenden Wintersemester, wenn der Startschuss für die Eröffnung der University of Cologne Business School gefallen ist, werden sich auch am Wochenende die Hörsäle füllen. Berufstätigen soll in diesem Rahmen ermöglicht werden, neben dem Job ein insgesamt zweijähriges MBA-Studium zu absolvieren, bei dem Manageraufgaben und persönliche

Weiterentwicklung im Fokus stehen. Derartige Abschlüsse werden in der freien Wirtschaft oft mit hohen Gehältern honoriert, haben dafür aber auch ihren Preis: 48000 Euro berechnet die Uni Köln für zwei Jahre Studium.

Kleingruppen und Lehre auf ho- hem Niveau, spezialisierte Dozenten als Ansprechpartner, so präsentieren sich Studiengänge privater Hoch- schulen in ihren Werbebroschüren. Viele staatliche Universitäten haben nachgezogen und bieten bereits ähnliche und ebenso teure Abschlüsse an ihren eigenen Business Schools an – nun möchte sich auch die Uni Köln einen Marktanteil sichern. Viele Studierende fürchten einen Ausverkauf der Lehre. Der Initiator des Projekts Ulrich Thonemann, kann das nicht nachvollziehen.

 

Droht ohne Business-School der Reputations-Verfall?

„Nicht einzusteigen wäre das größte Risiko! In fünf Jahren ist der Markt zu“ ist sich Thonemann sicher. Wenn er über sein Projekt spricht, klingt Stolz in seiner Stimme mit. Schnell merkt man ihm an, dass die Business School für ihn eine Herzensangelegenheit ist. In seinen Augen ist sie für den Erhalt der WiSo-Fakultät zwingend notwendig. 

Eine von ihm beauftragte McKinsey-Studie kam zu dem Ergebnis, dass es in fünf Jahren für einen Einstieg schon zu spät sei und andere Anbieter den Markt bereits unter sich

aufgeteilt hätten. Dann sei die WiSo- Fakultät der Uni Köln nicht mehr vor einem Reputationsverfall geschützt. Mit der Business School wolle er den bundesweit sehr guten Ruf aufrecht- erhalten, und ihr einen Platz im entsprechenden Marktsegment sichern, solange es noch möglich sei.

Dass die Business School kommt, hat der Senat entschieden. Das Gremium besteht aus dem Uni-Rektor Axel Freimuth, sechs weiteren Professoren und nur zwei Studierenden. Hätten die Studierenden mehr zu sagen gehabt – dann gäbe es in Köln wohl auch keine Business School. 

 

Im Studierendenparlament sind Kritiker in der Mehrheit

Die größte Fraktion im Studierendenparlament (StuPa), die Unabhängigen, hat sich für die Business School ausgesprochen. Die Erschließung einer neuen Zielgruppe und die Erweiterung des Portfolios der WiSo-Fakultät seien essentiell für deren weiteres Bestehen. Doch zum Thema Business School setzte sich ein Antrag der Jusos durch. Sie sehen in dem Programm die Gefahr der Förderung von Ungleichheit im Bildungssektor bis hin zur Entwicklung einer Zweiklassen-Gesellschaft von Studierenden. Bildung, ein Menschenrecht, dürfe in keinem Fall kommerzialisiert werden. „Durch die aktuelle Gestaltung engt man den Kreis der Interessierten ausschließlich aus finanziellen Gründen ein. Für so etwas gibt es je- doch private Anbieter. Das darf nicht der Weg einer öffentlichen Hochschule sein“, sagt Christopher Kohl von der Juso Hochschulgruppe. In seinen Au- gen bedeutet die Business School einen Rückschritt in Richtung einer Gesellschaft, in der der Geldbeutel über den Bildungsgrad entscheidet. Das sei nicht mit dem Streben nach Gleichheit und Fairness vereinbar. Mit diesem Standpunkt sind die Jusos nicht allein. Auch die Hochschulgruppe Campus Grün spricht sich gegen Wettbewerb, Sozialexklusivität und jegliche Ungleichheit im Bildungssektor aus und sieht in der Business School eine Bedrohung. Zudem wird befürchtet, Freiheit und Qualität der universitären Lehre könnten untergraben werden: „Wer zahlt, der bestimmt auch die Inhalte. Die Professoren werden also keine zweckfreie Lehre machen.“ 

 

Gewinne werden zunächst nicht erwartet

Trotz der vielen kritischen Stimmen ist die Gründung und Eröffnung der Business School bereits beschlossene Sache. Im kommenden September wird sie erstmals für voraussichtlich 17 Studierende ihre Türen öffnen. Klingende Kassen wird es höchst- wahrscheinlich zunächst nicht geben: Kurzfristig müssen die Initiierungskosten von einer halben Million Euro und die laufenden Kosten gedeckt werden. Mit Gewinnen sei erst längerfristig zu rechnen, sagt Professor Thonemann.

Die Proteste der Studierenden kann Thonemann nicht verstehen. Schließlich werde die reguläre Lehre durch die Business School nicht beeinträchtigt werden. Im Gegenteil: Neue, auf Praxisrelevanz ausgerichtete Lehrprogramme würden Innovationen an die Uni bringen und wären für alle Studierenden von Vorteil. Außerdem käme allgemein mehr Kontakt zwischen Uni und Unternehmen zustande, wovon die gesamte Studierendenschaft profitieren könne. Eine Einschränkung der Lehrkapazitäten

habe dabei niemand zu befürchten, da die Zahl der Business School-Studierenden in Relation zu den regulären WiSo-Studierenden verschwindend gering sei. Thonemann betont, dass es sich um ein zusätzliches Angebot und nicht um eine Kannibalisierungsstrategie handle.

 

Gefährden teure Studiengänge die freie Lehre?

Werner Rügemer, Experte auf dem Gebiet der Privatisierung und Lehrbeauftragter an der Uni Köln, sieht einen gefährlichen Privatisierungstrend an deutschen Unis. Eine Kommerzialisierung der Bildung stehe im Konflikt mit der ursprünglichen wissenschaftlichen Zielsetzung, nämlich der Wahrheitsfindung und der Suche nach freier, wissenschaftlicher Erkenntnis. Durch den Eingriff von geldgebenden Unternehmen würden die inhaltlichen Vorgaben teilweise sehr verengt, das Denken konform gemacht: „Unternehmen wollen keine Querdenker, die Studierenden werden unkritisch herangezogen“. Ein weiterer Punkt, den er scharf kritisiert, ist die geschaffene Abhängigkeit der Business School-Studierenden von Unternehmen. Dadurch, dass der Arbeitgeber oftmals einen großen Teil der hohen Kosten über- nähme, könne ein jahrelanges Abhängigkeitsverhältnis entstehen, die Studierenden würden buchstäblich an den Unternehmen festgekettet. Dennoch kann Rügemer die Entscheidung der Uni für die Business School in einigen Punkten nachvollziehen. Die Universitäten stünden in einem harten Konkurrenzkampf, auch die Anforderungen vonseiten der Unternehmen seien hoch. Nicht mit dem Trend zu gehen wäre sehr riskant: „Die Uni Köln befindet sich in einer absolut zwiespältigen Situation. 

 

Illustrationen von Madeleine Sahl und Elisabeth Prehn 

 

 

 

 

 

 

 

 

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload

UPCOMING EVENTS: 

Ihr habt Lust bei uns mitzumachen und eine Sonntagskolumne zu schreiben oder einen Artikel, kommt vorbei!

 

FOLGE DER KSZ: 

  • Black Facebook Icon
  • Black Twitter Icon
  • Black YouTube Icon

RECENT POSTS: 

October 10, 2019

Please reload

Die Kölner Studierenden-zeitung erscheint einmal im Semester mit einer Auflage von 9.600 Exemplaren und behandelt Themen rund um den Campus: Ob Hochschul- oder Stadtpolitik, Kunst und Kultur sowie aktuell relevante Gesellschaftsthemen.

Die KSZ wird von jungen engagierten Menschen in Teamarbeit realisiert. Bei uns arbeiten angehende Medienwissenschaftler*innen, Mediziner*innen, Jurist*innen und Designer*innen sowie Schüler*innen und Absolvent*innen der Kölner Journalistenschule.