Kapital im Bücherschrank

November 24, 2016

Es gibt sie: Studierende, die sich für Primärliteratur begeistern und diese auch fernab der Hörsäle mit sich tragen. Unser Autor Jona Spreter als Fürsprecher vermeintlich verstaubter Literatur eines ergrauten Metiers. 

 

Wenn Karl und ich uns verabreden, dann zumeist abends und in stets privater Atmosphäre. „Privat“ in Bezug auf eine Lokalität bezeichnet hier weder das Separee eines Restaurants noch eine versteckte Parkbank im Kölner Volksgarten, sondern schlichtweg das Ikea’sche Ausziehsofa meines Wohnzimmers. Ich mache es uns dann immer besonders gemütlich, zünde Kerzen an und stelle die eine oder andere Schale mit Snacks bereit. Karl greift zwar eher selten zu, aber ich würde mich als schlechter Gastgeber fühlen, fehlten Nüsschen und Salzbrezeln.

Nach kurzem Vorgeplänkel und sanftem Rückenstreicheln meinerseits kommen wir dann auch direkt zur Sache. Und wenn ich sage, dass ich Karl nun aufschlage, dann hat das nichts mit SM, wohl aber mit MS zu tun. Multiple Sklerose? Nope. Marx-Studien. Marx zum Vergnügen.

Mein Hauptantrieb, diesen Text zu verfassen, ist meine immer größer werdende Angst davor, in einem Deutschland der nahen Zukunft von der EDYP (Erste Deutsche Youtuber Partei) regiert zu werden. Ich weiß nicht, ob ich meine Wortsammlung als Appell verstanden wissen möchte, ein Anstoß soll sie aber allemal sein. Und es geht hier auch eigentlich nicht um Karl Marx. Der dient wohl lediglich dem Namedropping. Es macht mich immer etwas wütend, wenn der Dozent oder die Dozentin einer Vorlesung direkt im Anschluss an die Nennung der empfohlenen Pflichtlektüre erwähnt, dass diese natürlich nicht in ihrer Gänze zu lesen sei. Man wolle schließlich niemanden überfordern und man wisse ja, wie belastend das studentische Leben sein könne. Doch die quasi nicht vorhandene Erwartungshaltung der Dozenten ist nur ein Teil des Problems, das zu schildern ich versuche. Denn das größte Hindernis auf dem steinigen Pfad hin zur Primärliteratur ist logischerweise zunächst einmal die Sekundärliteratur, also diejenige, welche auf erstgenannter aufbaut. In zu vielen Vorlesungen und Seminaren werden einem hauptsächlich sekundärliterarische Texte offeriert, die es einem praktisch unmöglich machen, sich mit dem ursprünglichen Text, der ursprünglichen Idee auseinanderzusetzen und sich diese auf Basis des eigenen Verständnishorizontes zu erschließen. Sekundärliteratur, so objektiv und reliabel sie auch wirken mag, jubelt einem unterschwellig Interpretationen Anderer unter. Wenn ich Bertrand Russells Ausführungen über Plato lese, so ist das eine andere Erfahrung als die eigene Studie platonischer Texte.

 

Lediglich zu überfliegende Sekundärliteratur avanciert also immer mehr zum fragwürdigen Steckenpferd der Lehre bundesdeutscher Hochschulen. Doch lesen Studierende auch generell zu wenig? Wohl eher nicht. Fast mein gesamter Bekanntenkreis hat irgendeine Zeitschrift abonniert, egal ob Titanic oder TAZ. Auch in den Vorlesungssälen und Straßenbahnen sitzen mir überall junge Menschen mit Büchern oder Kindles in der Hand gegenüber und führen sich Belletristik und Sachbücher en masse zu Gemüte. Und wie im aktuellen Studierendenmarketing der Wochenzeitung Die Zeit nachzulesen ist, sind 207.000 ihrer Leser Schüler oder Studierende. Zahlen erzeugen Vertrauen. Danke, Marc-Uwe Kling.

Welcher zum Lesen Gewillte nun aber verzweifelt nach einem möglichen Zugang zu primärliterarischen Texten sucht, dem sei gesagt, dass es sich mit der genesungsfördernden Wirkung von Fachliteratur ähnlich verhält wie mit der Homöopathie: Wer glaubt, gewinnt. Man könnte auch sagen: Wer wagt, gewinnt – aber das Lesen der wenigsten Autoren kann in unseren pluralistisch liberalen Zeiten noch als Wagnis ver- standen werden. Egal ob Charles Darwin oder Charlotte Roche – (r)evolutionstheoretische Feuchtgebiete werden literarisch erkundet und die Gesellschaft freut sich. Bis auf Stephenie Meyer schockt uns nichts mehr.

 

Natürlich ist ein sich zusätzlich auferlegtes Studium der Primärliteratur keine reine Freude. Zumindest nicht ausschließlich. Zumeist ist es sogar ein Biegen und Brechen und Stampfen und Zerren. Auch ich, als Verfechter dieser Disziplin, gäbe und gebe mich nur zu gern dem allabendlichen Studium von TV-Serien aus den Häusern Showtime oder ABC hin. Einzige Parallele zu einem Abend mit Marx sind hierbei die Nüsschen, wegen der schlaumachenden Proteine. Doch die Überwindung lohnt sich letzten Endes allemal. Primärliteratur bildet und schafft Grundlagen, so wie Lateinunterricht in der Unterstufe Grundlagen für

ein Verständnis romanischer Sprachen schafft. Primärliteratur verschafft Ein- und Ausblicke in große gedankliche Konstrukte und ermöglicht die Konzeptualisierung eigener Weltbilder. Primärliteratur ist heißer Shit, so wie Facebook anno 2009.

Ich will nun jedoch nicht dazu raten, zu Beginn eines jeden Semesters den Reader zur jeweiligen Vorlesung zu kaufen und sich diesen kurzzeitig einzuverleiben, wie eine Aufbackpizza morgens um halb sieben. Siehe: Bulimielernen, Bologna, Bolognese. Blablabla. Schluss mit italienischer Küche. Vielmehr geht es mir um bewusstes Herauspicken einzelner Texte und Autoren, die einem in besonderem Maße interessant erscheinen. Ganz egal ob man das – inhaltsignorant – lediglich am Autorenfoto oder der Autorenvita festmacht. Insgeheim greifen wir doch alle zum Wein mit dem schönsten Etikett.

Mit dem Bildchen und der Vorstellung vom aufregenden Leben des anvisierten Autors sollte man dann in die nächste Buchhandlung oder verwerflicherweise vielleicht auch zu Amazon marschieren, ins (virtuelle) Regal greifen, zur Kasse schreiten und das Buch dann im Schrank verstauben lassen. Ironie-Legastheniker, aufgemerkt!

 

Wahrscheinlich ist es abschließend nicht die mangelnde Lesebereitschaft junger Menschen, welche die Primärliteratur an den Rand des soziokulturellen Aussterbens drängt, sondern viel eher das veränderte Rezipieren gerade theoretischer Texte. Wo früher noch um der persönlichen Bewusstwerdung willen gelesen wurde, sind Marx, Platon, Habermas & Co. heute lediglich noch Mittel zum Zweck. Die „Generation Praktikum“ liest zur Weiterbildung, zur Kompetenzsteigerung, zum Ausbau des eigenen Humankapitals. Vielleicht verhält es sich mit dem Lesen mittlerweile wie mit der Publicity: There is no such thing as bad reading. Vielleicht aber auch nicht. „Burn after reading!“

Karl konnte heute leider nicht so lange bleiben wie gewöhnlich. Ihm stand da noch dieses Jobinterview via Skype ins Haus. Und mir tausend Fragezeichen ins Gesicht geschrieben. 

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