Mit Flüchtlingskindern den Grüffelo jagen

November 26, 2015

Kinder, die nach Deutschland flüchten, bekommen oftmals keinen Schulplatz. Lehramtsstudenten der Uni Köln unterrichten sie deshalb ehrenamtlich. In einem alten Straßenverkehrsamt.

Catiana Krapp war dabei.

 

Sven Ceglarek zeigt auf den Grüffelo und guckt die Kinder fragend an. „Monster!“, rufen sie im Chor. Svens Finger wandert weiter über die Bilderbuchseite. „Maus!“, triumphieren die Kinder, „Baum!“. Dann müssen sie die Begriffe in einen Lückentext auf ihren Arbeitsblättern einsetzen. Ein Mädchen stockt bei der letzten Lücke. Sie flüstert kurz mit ihrer Sitznachbarin. Einvernehmlich schreiben die beiden das Wort „Baum“ in die Lücke. Sven nimmt das Blatt und muss lachen. „Die Maus geht in den Baum?“, fragt der 26-Jährige und hebt das Bilderbuch hoch. Er zeigt auf einen einzelnen Baum. „Da geht die Maus rein?“ 

 

Die Mädchen quietschen und schlagen die Hände vor den Mund. „Nein“, rufen sie – „Wald!“ „Der Grüffelo“ ist eine Kindergeschichte. Darin trifft eine Maus das Monster Grüffelo, vor dem sie eigentlich Angst haben müsste. Doch die Maus überzeugt das Monster, dass sie gerne „Grüffelogrütze“ isst – und muss dank dieser Geschichte nicht vor dem Grüffelo flüchten. Nicht nur im Bilderbuch ist das Sprechen entscheidend. Einmal pro Woche fahren die Lehramtsstudenten Sven Ceglarek und Johannes Häffner deshalb in die Kölner Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge und bringen den Kindern dort kostenlos Deutsch bei.

Die Flüchtlingsunterkunft ist im ehemaligen Straßenverkehrsamt von Köln. Es ist ein kastenförmiges Back- steingebäude und liegt an der sechsspurigen Herkulesstraße. Bis das Land NRW eine Stadt und eine reguläre Unterkunft für die Menschen in der Erstaufnahmestelle findet, fallen sie durch fast jedes soziale Netz – deshalb gehen die meisten Kinder nicht in die Schule. Die Zahl der Flüchtlinge in der Herkulesstraße ändert sich täglich. Anfang Mai waren es 500, darunter 84 Kinder. Sven und Johannes unterrichten die Acht- bis Zehnjährigen.

Der Unterrichtsraum ist mindestens so bunt wie der einer normalen Grundschulklasse. Die Wand hinter der Tafel ist gelb gestrichen, daran hängen Bilder mit Tieren, bunte Zahlen, Buchstaben und eine große Uhr aus Pappe. Die Tische bilden ein U, vier Jungen und drei Mädchen sitzen daran. Zu Beginn des Unterrichts läuft Johannes von Platz zu Platz und fragt die Kinder nach ihren Namen. Sven verteilt Arbeitsblätter und Stifte aus einer grünen Box. Die Kinder probieren schon mal die deutschen Wörter aus, die sie kennen. 

 

Schmeiß dein Unterrichtskonzept über‘n Haufen!

Ein Junge, der Johannes aufmerksam zugehört hat, wendet sich an seinen Sitznachbarn und spricht nach: „Wie heißt du?“. Und ein Mädchen zeigt auf ein pinkfarbenes und ein weißes Kissen und fragt: „Das für Mädchen, das für Jungen?“. Sven kniet sich neben das Mädchen. „Was ist das?“, fragt er sie und zeigt auf ein großes V. „We“, sagt das Mädchen. Sven dreht das Blatt um und malt ein W auf die Rückseite. „Das ist ein ‚We‘“, sagt er sanft und dreht das Blatt zurück, „und das hier ist ein ‚Vau‘“. Er zeigt auf ein Wort. „Vater“, liest das Mädchen richtig.

Etwa 30 Lehramtsstudierende unterrichten pro Semester in der Herkulesstraße, die Idee dazu kam von der Stadt Köln. Die Arbeit hilft den Flüchtlingskindern und wird den Studierenden als Berufsfeldpraktikum angerechnet. Dafür müssen sie nicht unbedingt Deutsch studieren. So sind Svens Fächer Geschichte und körperliche motorische Entwicklung, Johannes studiert Chemie und Sozialwissenschaften. Soft-Skills sind beim Flüchtlingsunterricht entscheidender als Fachkenntnisse.

Ein kleiner Junge, der sich auf sei- nem Blatt verschrieben hat, ruft seiner Schwester auf der anderen Seite der Klasse etwas zu. Sven stellt sich vor ihn, der Junge versucht, an ihm vor- bei mit seiner Schwester zu sprechen. „Was ist?“, fragt Sven und beugt sich zu dem Jungen hinab. Er begreift und holt einen Radiergummi. „Brauchst du den?“, fragt er freundlich. Der Junge nickt. Sven hält den Radiergummi hoch und spricht langsam vor: „Gib- mir-bitte-den-Radiergummi“ und dann noch einmal die einzelnen Worte. „Gib“, wiederholt das Kind, „mir, bitte, den, ...“. Der „Radiergummi“ geht in einem recht undeutlichen Nuscheln unter, aber Sven legt ihn trotzdem auf den Tisch und der Junge strahlt stolz.

Bevor die Studierenden das erste Mal in die Klassen gehen, sprechen sie mit ihrer Projektbetreuerin Mona Massumi über grundlegende Dinge wie Alphabetisierung und über die Situation der Flüchtlinge, die in der Aufnahmestelle ankommen. Die Studierenden bereiten auch Arbeitsblätter für ihre Schüler vor. Den genauen Unterrichtsverlauf planen sie aber nicht. Zwar treffen sich Sven und Johannes vor dem Unterricht, um Pappkärtchen mit Begriffen zu laminieren und danach, um die Stunde auszuwerten. Doch als Sven in seiner ersten Stunde mit einem genauen Plan vor der Klasse stand, kam er nicht weit. Nach einer Dreiviertelstunde warf er sein Konzept über den Haufen. Zu unterschiedlich waren die Kenntnisse und die Bedürfnisse der Kinder. 

 

Alle Kinder können lachen

Mittlerweile haben sich Sven und Johannes an die Situation gewöhnt. Wenn der Zahnarzt kommt, bringen sie den Kindern Arztbegriffe bei. Und wenn das Schreiben für die Kinder zu anstrengend wird, spielen sie mit ihnen.

Nachdem die Kinder ihre Arbeitsblätter fertig ausgefüllt haben, rückt Johannes die Tische bei Seite und bittet sie, sich in einem Kreis aufzustellen. Er holt einen kleinen Ball hervor. „Ich heiße Johannes“, sagt er und wirft den Ball zu einem Jungen. „Wie heißt du?“ Der Junge antwortet und fragt den nächsten. So geht der Ball von Kind zu Kind. Als das Spiel langweilig wird, packt Sven ein Plastikkrokodil aus und stellt es auf einen Tisch. Abwechselnd drücken die Kinder einen Krokodilzahn herunter. Plötzlich schnappt das Krokodil zu. Die Kinder kreischen vergnügt – Sven klappt das Krokodilmaul wieder auf und das Spiel beginnt von vorne.

Anders als der Grüffelo soll das Krokodil den Kindern einfach Spaß bereiten. Dass sie perfekt Deutsch lernen, ist wohl auch nicht der Zweck des Unterrichts. Mona Massumi vom Zentrum für LehrerInnenbildung sagt: „Der Unterricht kann keine Schule ersetzen.“ Aber er könne etwas Anderes leisten: „Die Kinder sollen ein positives Gefühl gegenüber einer Lernatmosphäre bekommen.“ Die Idee für den Flüchtlingsunterricht war im Frühjahr 2014 von der Stadt Köln gekommen. Seitdem bereitet Mona Massumi ihre Studierenden jedes Semester auf den Flüchtlingsunterricht vor und macht Zwischenevaluationen mit ihnen.

 

Als letzte Unterrichtseinheit spielt Johannes mit den Kindern Galgenmännchen: Er schiebt ein Whiteboard in die Mitte des Klassenraums und malt ein Strichmännchen darauf. „Hier ist euer Freund ...“, sagt er zu den Kindern, „... ihr wollt ihn retten!“ Das Wort, dass die Schüler erraten sollen, hat nur drei Buchstaben. Für jeden falschen Buchstaben malt Johannes einen Strich mehr an den Galgen. Die Kinder rufen alle Buchstaben, die ihnen einfallen, und sprechen sie aus wie Grundschulkinder es tun: „‚Be‘, ‚Pe‘, ‚Se‘ !“ Johannes schreibt alle Buchstaben auf. Als noch ein Buchstabe fehlt ist der Galgen eigentlich fertig. „Ich muss kreativ werden“, stellt Johannes fest und fängt an, Querbalken zu malen. Dann kommt ein Mädchen auf die Lösung: „Arm!“ Mona Massumi stellt bei ihren Studierenden oft einen Wandel fest. „Die Studierenden hinterfragen viel stärker persönliche Vorurteile oder die ihres Umfelds“, erklärt Massumi. Sven und Johannes sagen, sie hätten Vorurteile auch vor ihrem Praktikum schon stark abgelehnt. Verändert hat sie ihre Arbeit aber trotzdem. Sven musste vor allem sein Bild von Flüchtlingsheimen korrigieren, die Menschen dort hatte er sich trauriger vorgestellt. „Dass sie auch herzhaft lachen können, hat mich überrascht“, sagt er.

Bevor die Stunde ganz vorbei ist, ruft Sven die Kinder noch einmal in ei- nem Kreis zusammen. Sie singen ein Abschiedslied. Ein Junge läuft bereits zur Klassentür. „Gehst du zur Toilette?“, fragt Johannes. „Nee ...“, sagt der Junge. „... nach Hause?“ Er nickt. Ein kleines Mädchen schaut zu, wie die Tür sich hinter dem Jungen schließt. „Nach Hause“, flüstert sie. Sven und Johannes sehen deutsche Flüchtlingspolitik jetzt mit anderen Augen. „Zuflucht suchende Menschen werden zurück in Länder geschickt, in denen entweder Krieg herrscht oder sie verfolgt werden – wie human ist das?“, fragt Sven. Und Johannes sagt: „Asylverfahren dauern häufig Jahre, in denen die Kinder und Jugendlichen wertvolle Zeit verlieren. Mein Wunsch wäre, dass sie Zugang zum regulären Bildungssystem bekommen.“ 

 

 

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