"Wir passen schon am besten zusammen"

Diese Woche wählen die Studierenden der Uni Köln einen neues Studierendenparlament. Die bisherige AStA-Vorsitzende Katharina Letzelter von den Jusos und Jonas Thiele, der mit Campus Grün die größte Liste der Opposition vertritt, ziehen im ksz-Interview Bilanz. Für die kommende Legislatur gibt Jonas Thiele schon mal ein Koalitionsangebot ab.

ksz: Ihr engagiert Euch beide sehr intensiv in der Hochschulpolitik, gleichzeitig machte sich bisher der Großteil der Studierenden in der Regel nicht mal die Mühe wählen zu gehen. Die Wahlbeteiligung lag im vergangenen Jahr gerade mal bei rund 14 Prozent. Wie enttäuschend ist das für Euch?


Jonas Thiele: Für mich gar nicht mehr, ich bin dran gewöhnt. Natürlich bin ich nicht glücklich darüber, aber man darf nicht vergessen, dass in dieser Statistik auch Erasmus- und KVB-Studierende sind, die gar nicht wissen, dass sie wählen dürfen oder die Texte nicht ausreichend verstehen. Andere wiederum bekommen von den Wahlen einfach nichts mit.
 

Katharina Letzelter: Ich erinnere noch gut an meinen ersten Wahlkampf. Damals war das schon sehr frustrierend. Ein Problem ist sicherlich das kom- plizierte Wahlsystem. Es werden ja nicht nur das Studierendenparlament, sondern unter anderem auch Fakultätsvertretungen und Fachschaftsräte gewählt. Man erhält einen Stapel mit Zetteln und auf jedem Blatt stehen andere Listen. Ein weiteres Problem ist, dass Studierende häufig nicht mitbekommen was die Gruppen nach den Wahlen alles machen. Da müssten wir an der Kommunikation arbeiten, was jedoch anhand der begrenzten Zeit die jeder Mensch hat schwierig ist.

 

Unter anderem verhandelt Ihr jedes Jahr mit den Verkehrsunternehmen über das Semesterticket.

Doch obwohl die Kölner Hochschulen mit mehr als 80 000 Studierenden eine starke Verhandlungsposition haben, steigt der Semesterbeitrag kontinuierlich. Könnt Ihr da nicht mehr rausholen?


Katharina: Ja, der Preis für das Ticket steigt und dadurch auch der Semesterbeitrag insgesamt, was sicherlich nicht unser Ziel ist. Im Vergleich zu regulären Tickets zahlen Studierende jedoch immer

noch wenig. Außerdem bekommen sie ja auch etwas für das Geld. Seit einiger Zeit können Studierende zum Beispiel neben Bussen und Bahnen auch kostenlos die KVB-Räder nutzen. Zudem setzen wir uns als AStA für bessere Verbindungen unter anderem nach Hürth und Ehrenfeld ein. Das Paket wird insgesamt besser.

 

Jonas: Man müsste bereit sein, die Verhandlungen platzen zu lassen und damit zu riskieren, ein Semester kein Ticket zu haben. Nur dann hat man wirklich eine gute Verhandlungsposition. Doch das will kein AStA den Studierenden erklären müssen. An manchen Unis verhandelt das Rektorat die Ticketpreise und akzeptiert in der Regel jedes Angebot. Wir können froh sein, dass das bei uns der AStA macht.

 

Bei einigen Sitzungen des Studierendenparlaments (Stupa) konntet Ihr Euch in diesem Jahr nicht über mangelnde Aufmerksamkeit beklagen. Als die Frage auf der Tagesordnung stand, ob die SozialwissenschaftlerInnen eine eigene Fachschaft gründen dürfen, saßen sogar ZuschauerInnen im Saal. Doch sie bekamen leider keine inhaltliche Debatte zu sehen, sondern eine Schlacht mit Geschäftsordnungsanträgen. Nicht gerade Werbung für Hochschulpolitik, oder?

 

Jonas: Ja, das mag stimmen. Aber man kann sein Verhalten im Stupa ja nicht davon abhängig machen, ob Zuschauer da sind oder nicht.

 

Katharina: Ich glaube, das Thema hat sich in den vergangenen Jahren zwischen den Unabhängigen und der HSG-SoWi hochgeschaukelt. Am Ende war offenbar keine sachliche Debatte mehr möglich. Meistens geht es im Stupa schon um Inhalte.

 

 

Gut, dann gehen wir das inhaltlich an. Das Studierendenparlament hat letztlich Anfang November beschlossen, dass alle, die Sozialwissenschaften, Soziologie oder Politikwissenschaften an der WiSo- Fakultät studieren, im Zuge der Wahlen zu dem Thema befragt werden. Sollten sie denn Eurer Meinung nach eine eigene Fachschaft bekommen?

 

Jonas: Das System an der Wiso-Fakultät ist historisch unglücklich gewachsen. Es gab im Prinzip eine Zwangsvereinigung von Fachschaften, weil einige Studiengänge abgeschafft oder an die Wiso-Fakultät verlegt wurden. Campus Grün ist klar dafür, die Studierenden abstimmen zu lassen, ob sie ein anderes Fachschaftssystem haben wollen. Allein dass es eine Befragung gibt, ist für die HSG SoWi, die den Antrag gestellt hat, schon ein großer Erfolg. Dabei haben wir sie von Anfang an unterstützt.

 

Katharina: Das ist jetzt ein schwieriges Thema. Als AStA haben wir dazu keine Position, deshalb kann ich dazu jetzt nichts sagen.

 

Die Unabhängigen, mit denen ihr den AStA bildet, haben sich klar gegen eine eigene Fachschaft für die Sozialwissenschaftler ausgesprochen, einige Ju-sos waren hingegen dafür. Auch bei anderen Fragen seid Ihr mit Eurem Koalitionspartner oft uneins. Katharina, wie schwierig war die Zusammenarbeit im vergangenen Jahr?

 

Katharina: Naja, man darf nicht vergessen, dass Jusos und Unabhängige seit vier Jahren zusammen im AStA sitzen. Die Zusammenarbeit funktioniert. Wir haben zum Beispiel einige Projekte gegen Rassismus und Sexismus zusammen umgesetzt, was nach der Silvesternacht in Köln sehr wichtig war. Eine Umfrage von uns hat gezeigt, dass Rassismus auch auf dem Kölner Campus ein Problem ist. Darauf haben wir mit einer Fotoaktion gegen Rassismus und Sexismus und natürlich mit dem Festival contre le racisme reagiert. Außerdem setzen wir uns gegen Seminarplatzknappheit und Anwesenheitspflichten ein, die trotz der Abschaffung noch praktiziert werden. Und wir haben erreicht, dass in weniger Fächern das Latinum verlangt wird oder zumindest das kleine Latinum ausreicht. Letzteres ist für mich ein besonders wichtiger Erfolg.

 

Jonas: Einiges ist gut gelaufen, das stimmt. Aber ich denke, der AStA könnte noch viel mehr machen. Das Problem ist aber: Der AStA ist unter finanziert. Und Jusos und Unabhängige trauen sich nicht, den Teil der Semestergebühren, der an den AStA geht, zu erhöhen. Dabei wurde der Beitrag seit langem nicht mehr angefasst. Ich glaube, dass es den Studierenden nicht weh tun würde, wenn sie 20 Cent pro Semester mehr zahlen.

 

Auch ohne zusätzliches Geld hat der AStA in diesem Jahr wieder ein Ökologie-Referat eingerichtet. Das müsste Dich als Campus Grünen doch eigentlich freuen, Jonas?

 

Jonas: Auf jeden Fall, nur leider hat das Referat nichts erreicht. Ein Beispiel: Das Stupa hatte entschieden, das Ringfrei-Bündnis zu unterstützen, das sich dafür einsetzt, dass Radfahrer auf den Ringen auf der Straße fahren dürfen. Das Öko-Referat hat den Stupa-Beschluss jedoch nie umgesetzt. Zu dem Thema sollte auch der Film „Bikes vs. Cars“ gezeigt werden, ist auch nicht passiert.

 

Katharina: Ja, bei dem ersten Versuch den Film zu zeigen lief einiges schief, das gebe ich zu. Wir planen derzeit noch an einer Veranstaltung zum Ringfrei-Bündnis.

 

Jonas: Das Problem ist doch, dass das Ökologie-Referat total versagt hat. Auch als das Stupa sich gegen Baumfällungen an der Universitätsstraße ausgesprochen hat, hat das Referat nichts gemacht. Nur durch den Einsatz von Campus Grün konnten immerhin ein paar Bäume gerettet werden.

 

Katharina: Ja, aber im Ökologie-Referat laufen ja auch bestehende Projekte sehr gut, wie etwa der Campus-Garten, die Fahrradwerkstatt, die Gemüsekiste oder auch der Verleih vom Lastenrad.

 

Jonas: Was ursprünglich alles Projekte von Jusos oder Campus Grün sind und die jetzt von Jusos durchgeführt werden. Dabei sind die Unabhängigen für das Referat verantwortlich. Aber dazu wirst Du jetzt wohl nichts sagen dürfen.

 

Die Straßen auf den Ringen für FahrradfahrerInnen freimachen kann am Ende nur die Stadt Köln und nicht der AStA. Die Unabhängigen wollen sich deshalb anders als Campus Grün und Jusos generell nicht mit allgemeinpolitischen Themen beschäftigen. Katharina, wie bekommt Ihr das im AStA unter einen Hut?

 

Katharina: Wir als Jusos sagen ganz klar, dass Allgemeinpolitik eine Rolle spielt und das praktizieren wir auch im AStA. Zum Semesterstart haben wir zum Beispiel eine Notschlafstelle, in der Studierende unterkommen konnten, eingerichtet. Gleichzeitig fordern wir öffentlich bezahlbaren Wohnraum, zuletzt mit einem Flashmob, den wir zusammen mit dem Studierendenwerk organisiert haben. Wir als AStA bleiben aber immer klar bei Themen, die Studierende betreffen.

 

Jonas: Die Unabhängigen sagen halt, dass allgemein politische Fragen nicht relevant sind und es nur um

Studienbedingungen gehen muss. Nach der Wahl kümmern sich andere Gruppen dann zum Glück trotzdem darum. Aber alleine diese Ablehnung im Wahlkampf vergiftet die Stimmung, um sich vollumfassend für studentische Interessen einsetzen zu können. Wäre Campus Grün im AStA, dann würde ganz sicher thematisiert, dass kaum 30 Kilometer von Köln entfernt der Hambacher Forst dem Braunkohleabbau weichen soll. Zum Glück gibt es andere engagierte Menschen, die sich entschieden dagegen wehren.

 

Ist nicht gerade für das Thema eher der Landtag zuständig, die richtige Politik eben? Immerhin gibt es genügend andere Probleme, die den meisten Studierenden deutlich näher sind, wie etwa Wohnungsnot.

 

Jonas: Aus meiner Sicht gibt es kaum Themen, die für Studierende nicht relevant sind. Der Braunkohletagebau verschlechtert auch die Luft in Köln. Und spätestens, wenn Klimaflüchtlinge nach Köln kommen, um hier zu studieren, sind wir auch alle direkt vom Klimawandel betroffen. Als Studierendenvertretung sind wir in diesen Politikfeldern zwar nicht entscheidungsbefugt, aber ein AStA kann ja zumindest Lobbypolitik im Sinne der Studierenden betreiben.

 

Eine Zusammenarbeit zwischen den Unabhängigen, auch Unabs genannt, und Campus Grün kommt dem- nach nicht in Frage, mit den Jusos hingegen könnte es passen. Katharina, wenn Ihr nach der Wahl aussuchen könnt, wer mit Euch in den neuen AStA geht, für wen entscheidet Ihr Euch?

 

Katharina: Dazu positioniere ich mich jetzt nicht. Wir sind zurzeit mit den Unabhängigen im AStA. Nach den Wahlen schauen wir weiter.

 

Jonas: Dann antworte ich mal für Dich: Wenn man sich die Wahlprogramme von Campus Grün, Juso HSG und den Unabs anguckt, dann passen unsere, also die von Campus Grün und Jusos, schon am besten zusammen. Wir haben natürlich Gemeinsamkeiten. Für Campus Grün gilt: Wir sehen uns schon ein bisschen als die An- ti-Unabs, wir wollen ein allgemeinpolitisches Mandat, wir wollen einen aktiven AStA, Aktionsformen und Proteste, deshalb würden wir aus meiner Sicht definitiv nicht mit den Unabs koalieren. Und da wir alleine keine Mehrheit bekommen, wäre eine Koalition mit den Jusos logisch.

 

Wenn man Euch so zuhört, klingt ihr manchmal schon wie Berufspolitiker. Ist die Arbeit im Studierendenparlament und im AStA der erste Schritt auf dem Weg zu einer politischen Karriere?

 

Jonas: Ich glaube viele, die in der Politik sind, waren vorher in der Hochschulpolitik aktiv. Aber der Umkehrschluss kann nicht gezogen werden, die meisten, die sich im Stupa und im AStA engagieren, gehen danach nicht in die Politik. Bei mir ist das ähnlich. Ich wüsste gerade auch nicht, für welche Partei ich mich engagieren sollte. Man weiß zwar nie, aber aktuell sehe ich mich nicht als Berufspolitiker.

 

Katharina: Ich bin SPD-Mitglied. Mir macht Politik einfach Spaß. Ich kann mir schon vorstellen, dass ich mich auf lokaler Ebene engagiere, wenn ich mit dem Studium fertig bin. Aber das ist eine ganz individuelle Entscheidung. Als Sprungbrett funktioniert die Hochschulpolitik sicherlich nicht. Man müsste sich trotzdem erst mal in einer Partei hocharbeiten.

 

Habt ihr politische Vorbilder?

 

Jonas: Ich bin natürlich schon fasziniert von den ganzen Leuten, die Anfang der Neunziger bei den Grünen aus Protest gegen die realpolitische Wende ausgetreten sind, wie Jutta Dittfurth zum Beispiel. Volker Beck oder Katja Kipping von den Linken schätze ich auch sehr. Genauso wie Leute, die gegen Castor-Transporte demonstrieren oder versuchen, den Hambacher-Forst zu retten.

 

Katharina: Ich finde ein Vorbild zu nennen schwierig. Ich denke, jeder Mensch muss mit seinem eigenen Charakter seinen eigenen Weg gehen.

 

Sigmar Gabriel?

 

Katharina: Nein.

 

Fotos: Franziska Schardt

 

 

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October 10, 2019

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