Lasst uns streiten

Niemand kann sich vor Rechtspopulismus heute noch verstecken – auch nicht wir Studierende.

Die Menschen in den USA haben jüngst einen Mann zu ihrem Präsidenten gewählt, der Muslime deportieren will, gegen Einwanderer hetzt und mit sexuellen Übergriffen auf Frauen prahlt. In Frankreich will eine Frau Präsidentin werden, die sich offen für die Todesstrafe ausspricht, Folter nützlich nennt und Straßengebete von Muslimen mit der Besetzung Frankreichs durch die Nazis vergleicht. In Deutschland verzeichnet eine Partei Wahlerfolge, deren Mitglieder sich für Schießbefehle an Grenzen aussprechen, den Begriff „völkisch“ wieder positiv besetzen wollen und Gleichbehandlung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften ablehnen. Rechtspopulisten sind in nahezu allen westlichen Gesellschaften angekommen, haben es bis in die höchsten politischen Ämter geschafft und sind in allen sozialen Schichten vertreten.

 

Nur unter Studierenden soll es kaum Rechtspopulisten geben. Lediglich zwei Prozent der Studierenden in Deutschland würden laut einer Umfrage von infratest dimap die AfD wählen. Klar: Die Universitäten sind international, Erasmus-Studierende gehen ein und aus und in den meisten Studierendenparlamenten stellen linke Listen die Mehrheit. Rechtspopulismus hat dort, wo Geflüchtete willkommen sind, sexuelle Orientierung keine Rolle spielt, kaum Platz.


Was für uns im Mikrokosmos Universität größtenteils selbstverständlich ist, könnten wir Studierende nach unserem Abschluss in die Gesellschaft hineintragen.

So ließe sich die Geschichte beenden. Doch es ist wiederum einer Zahl, die stutzig macht: 24 Prozent der AfD-Wählerinnen und Wähler haben einen Hochschulabschluss. Unter ihnen sind mit großer Wahrscheinlichkeit auch Menschen, die in den siebziger Jahren studiert haben und damit zu Zeiten, als die Universität noch mehr als heute eine Projektionsfläche für gesellschaftliche Utopien war. So sehr es sich auch manch einer wünschen mag: Ein Universitätsstudium führt weitaus seltener zu einer bestimmten Grundeinstellung.

 

Wir als Studierendenschaft dürfen davor nicht die Augen verschließen. Rechtspopuplisten wie Donald Trump, Marine Le Pen, oder die Politiker der AfD können heute nicht mehr ignoriert werden. Das musste Hillary Clinton in den USA feststellen und das haben auch die etablierten Parteien in Frankreich und Deutschland längst erkannt. Eine gewählte Partei wie die AfD, die in einigen Bundesländern mittlerweile sogar zweitstärkste Kraft ist, lässt sich nicht vom demokratischen Diskurs ausschließen. Nicht von Politkern, nicht von Studierenden und auch nicht von Medien.


Für unsere Podiumsdiskussion am sechsten Dezember anlässlich der Landtagswahlen in NRW haben wir, die Kölner Studierendenzeitung, daher alle relevanten Parteien eingeladen. Wir finden es wichtig, mit allen politischen Lagern um die drängendsten Themen zu streiten, dabei Meinungen kritisch zu hinterfragen und Falschdarstellungen mit Fakten zu begegnen.

 

Der Kölner Studierendenzeitung wurde vorgeworfen, sie handle haltungslos, indem sie die AfD zu einer kritischen Diskussionsrunde einlade. Wir denken das Gegenteil: Es ist haltungslos, sich der politischen Debatte nicht zu stellen und demokratische Werte im Diskurs nicht zu verteidigen.

Denn wenn Studierende den Argumenten von Rechts, die ihnen in Zukunft wahrscheinlich noch öfter begegnen werden, nichts entgegensetzen können, kann es niemand.

 

Für die ksz-Redaktion Jurik Caspar Iser und Jona Spreter (Chefredaktion)

Lisa Reitinger (Gestaltung)

 

Foto: Cem-Odos Güler

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