"Wir würden bauen, wenn wir könnten"

In Köln können nur wenige Studierende in Wohnheimen wohnen. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Ein Interview mit Geschäftsführer Jörg Schmitz über die Machtlosigkeit des Studierendenwerks. 


Kölner Studierendenzeitung: Herr Schmitz, die Wohnungsnot in Köln ist groß. Warum bauen Sie nicht mehr Wohnheime?

Jörg Schmitz: Wir sind zuständig für Studierende mit kleinem Geldbeutel und dafür, Wohnungen unter dem Marktpreis zur Verfügung zu stellen. Deshalb können wir für Grundstücke und Gebäude umgekehrt auch nicht den Marktpreis zahlen. Für eine Freifläche in Ehrenfeld beispielsweise, die wir gerne nutzen würden, setzt die Stadt Köln einen zu hohen Preis an. 

 

Blockiert die Stadt Köln ihre Arbeit?

Die Stadtverwaltung will Grundstücke nicht unter Wert verkaufen, um möglichst viel für die Kölner Bürger rauszuholen. Das Geld soll ja in den Stadtsäckel fließen. Es ist eben manchmal eine Prioritätenentscheidung der Stadt: Was ist das höhere Gemeinwohl, ein gefülltes Stadtsäckelchen oder Wohnraum für Studierende?

 

Wollen Sie nicht verhandeln?

Ich bin nicht dagegen, dass wir etwas aushandeln. Aber dass das so lange dauert, stört mich. Das ist keine gute Performance der Stadt Köln. Wir sind seit 2014 im Gespräch und werden seitdem immer wieder hingehalten, zum Beispiel mit neuen Gutachten zum Grundstückspreis. In der öffentlichen Agenda der Stadt sind die Interessen der Studenten immer weiter nach unten gerutscht.

 

Das Kölner Studierendenwerk hat zwischen den Jahren 2010 und 2013 kaum neue Wohnheimplätze geschaffen. Lag auch das an den Verhandlungen mit der Stadt oder haben Sie die Lage auf dem Wohnungsmarkt lange verkannt?

Wir wollten immer bauen. Aber bis Anfang 2014 gab es keine öffentlichen Mittel für studentisches Wohnen, nur zinsgünstige Darlehen vom Land. Trotzdem hat mein Vorgänger auch schon gebaut, es ist dann nur teurer geworden. Seit 2014 gibt es eine neue Wohnungsbaurichtlinie für studentisches Wohnen und wir haben wieder bessere Bedingungen. Wir arbeiten natürlich auch mit eigenen Mitteln, für Großinvestitionen sind wir jedoch stark abhängig von Fördergeldern.

 

Stichwort Großinvestitionen: bei ihrem Antritt haben Sie gesagt, dass Sie ein neues Bürogebäude für das Studierendenwerk wollen. arbeiten Sie in einer Bruchbude?

Ja. 

 

Sie können nicht genügend Wohnungen für Studierende bauen, für ein neues Verwaltungsgebäude reichen jedoch die Mittel: ist das nicht paradox?

Naja, wir sind ja nicht untätig, was das studentische Wohnen angeht. Ich fände es zu schlicht, zu sagen: Ein standardgemäßes Verwaltungsgebäude vom Studierendenwerk darf erst kommen, wenn – ja, wie viele? – 1000 Wohnungen da sind? Oder nur 500? Bisher arbeiten in unserem Hauptgebäude in der Universitätsstraße nur wenige Kollegen: die BAföG- Abteilung und die Geschäftsführung. Alle anderen Mitarbeiter sind über die Stadt verteilt. Das ist keine klare Adressierung und das ist weder für die Studierenden noch für unsere Angestellten gut.

 

Und wo soll das neue Gebäude hin?

Wir bauen wahrscheinlich direkt nebenan auf dem Uni-Center-Parkplatz neu. Ein sehr zentraler Standort.
 

Warum bauen Sie dort kein Wohnheim?

Dort ist so viel Platz, dass wir darüber diskutieren, einen Teil auch für studentisches Wohnen zu nutzen. Über all das verhandeln wir derzeit mit der Universität zu Köln und der Stadt. Wir wollen gemeinsam einen Architektenwettbewerb ausloben, der im Herbst diesen Jahres beendet sein soll. Wenn alles klappt, wollen wir ab 2017 anfangen zu bauen.

 

Wann soll das Haus stehen?

Es wird ein größeres Gebäude, das wird sicherlich nicht in einem Jahr gebaut sein, aber in anderthalb bis zwei Jahren könnten wir fertig werden. Wir hoffen, dass wir 2019 einziehen können. 

 

Selbst wenn es mit dem Wohnheim auf dem Parkplatz klappt: Müssen sich Studierende auf immer weitere Wege einstellen, wenn sie in einer ihrer Wohnungen leben wollen?

Ja, denn die innerstädtischen Grundstücke werden knapp. Wir reden mit der Stadt Köln höchstens über eine Handvoll Grundstücke und die sind nicht besonders groß. Deshalb müssen wir vermutlich auch weiter außerhalb bauen. Wir planen zum Beispiel, das Studierendendorf in Hürth-Efferen auszubauen; die Liegenschaft hat sich für Kölner Studierende bewährt. Außerdem hat uns die Kommune Kerpen angesprochen, ob wir nicht da auch direkt am Bahnhof ein Studentenwohnheim bauen wollen.

 

Und wollen Sie?

Wir waren offen für Gespräche und haben uns das angeguckt. Die Stadt Kerpen muss das Grundstück jetzt zum Bauland machen, dann sind dort weitere Wohnungen für uns gut vorstellbar.

Das scheint länger zu dauern, die Wohnungsnot ist aber akut.

 

 

 

Denken Sie über Container nach?

Grundsätzlich ja. Aber das ist auch eine Frage von Standortoptionen. Container brauchen grundsätzlich die gleiche Infrastruktur wie andere Häuser auch. Bisher ist das nicht wesentlich billiger. Aber es gibt Hinweise von der Bundesebene, dass die Auflagen für vorübergehende Unterkünfte gesenkt wer- den sollen, zum Beispiel, was Wärmedämmung angeht. Damit könnte es sein, dass der Preis für Container signifikant sinkt. 

 

Studierende würden angesichts der Wohnungsknappheit wahrscheinlich überall einziehen. Oder sind die Erwartungen der Studierenden an Wohnungen heute höher als früher?

Man darf die Diskussion um Wohnungsstandorte nicht mit zu hohen Ansprüchen der Studierenden verwechseln. Wenn die eigene Wohnung zu weit außerhalb ist, ist das ein objektiver Nachteil. Man kann nicht für zwei Seminare von Hennef nach Köln fahren. Studierende haben Arbeitszeiten, die vergleichbar sind mit denen eines Beschäftigten. Ganz klar: Studierende brauchen schnell zu erreichende Wohnungen.

 

Es gibt unter Studenten ein Gerücht: Wenn man dringend eine Wohnung braucht, lohnt es sich dann, beim Studierendenwerk persönlich vorbeizukommen und nachzufragen?

Auf jeden Fall. Kommen Sie vorbei und beschreiben Sie Ihre persönliche Situation. Es ist keine einfache Aufgabe für unsere Sachbearbeiter, bei so vielen Bewerbern und einem beschränkten Angebot abzuwägen. Anliegen, die uns nicht vorgetragen werden, können wir auch nicht bearbeiten.

 

Was ist beliebter: WGs oder Einzimmer-Wohnungen?

Die Nachfrage nach Wohngemeinschaften ist gestiegen. Vor fünf Jahren hatten wir noch einen Trend zum Apartment.

 

Mit wem man zusammen wohnt, kann man sich jedoch in einer Wohnheim-WG nicht aussuchen. Wie stehen Sie zu selbst organisierten WG-Castings?

Wir wollen, dass ein freies Zimmer so kurz wie möglich leer steht. Dass alle Mitbewohner mit dem oder der Neuen zufrieden sind, hat nicht die höchste Priorität für uns. Wir wissen, das ist ein konfliktträchtiges Feld. Aber es gibt viele Fälle, in denen sich die Spannungen wieder lösen, weil sich die Menschen sich kennenlernen und dann miteinander arrangieren.

 

Und wenn nicht?

Auf Bitten der Bewohner versuchen wir dann, das Umziehen zu forcieren. Umzüge zwischen den Wohnungen haben Vorrang vor einem Neueinzug, wenn es begründet ist. Aber wie gesagt: Bei der aktuellen Wohnungsknappheit hat das Thema Schnelligkeit Priorität.

 

Bei ihrem Amtsantritt vor zwei Jahren haben Sie gesagt, dass Sie innerhalb von fünf Jahren 1000 neue Wohnungen für Studierende schaffen wollen. Wie weit sind sie?

Ich bin nicht zufrieden mit dem, was wir bisher erreicht haben. Wir würden ja bauen, wenn wir könnten. Und wir wissen auch, wo wir es könnten. Aber leider nutzt es nichts, dass wir die Pläne in der Schublade haben, weil wir nicht an die Grundstücke herankommen.

 

Wenn es nach ihnen ginge: Sollten alle Studenten in Wohnheimen des Studierendenwerks wohnen können?

Nein, das ist ja auch nicht unser Auftrag. Wir würden gerne auf den NRW-Durchschnitt von sieben bis siebeneinhalb Prozent kommen. Das wäre ein erstes Etappenziel. Der Bundesdurchschnitt von knapp zehn Prozent wäre ein nächster Schritt.

 

Warum ist Köln mit knapp sechs Prozent so weit hinten?

Das Land NRW hat jahrelang keine substantiellen Fördermittel für studentisches Wohnen zur Verfügung gestellt. Wir sind die größte Stadt im Bundesland mit der höchsten Zuwachsrate an Studierenden. Deshalb ist die Abdeckungsquote so niedrig.

 

Wie viele Wohnheimplätze wollen Sie in den nächsten zweieinhalb Jahren noch schaffen?

Wir wollen unsere derzeitigen Pläne von 1000 zusätzlichen Plätzen umsetzen. Dabei werden vor allem politische Bretter zu bohren sein. In Efferen könnten wir 800 neue Plätze schaffen. Die baut man aber nicht von heute auf morgen, die baut man leider auch nicht in zwei Jahren. Wenn wir in den nächsten zwei Jahren eine politische Grundsatzentscheidung hinbekommen und mit der Stadt Köln im Hinblick auf die zur Disposition stehenden Grundstücken einig werden, wäre das schon ein riesiger Erfolg.

 

Fotos: Ina Busch
Grafik: Kim Huber

 

 

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October 10, 2019

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