Mein Winter mit einer Leiche

January 13, 2017

Im Anatomiekurs an der Uni Köln schneiden Studierende verstorbene Menschen auf. Der Medizinstudent Lukas* hat ksz-Autorin Sophie Halcour erzählt, wie sich das anfühlt und wie er sich am Ende des Semesters von einem Mann verabschiedete, von dem er nur die leblose Hülle kannte.

 

 

Ich stehe vor der großen weißen Tür der Präpariersäle des anatomischen Instituts. Zum ersten Mal in meinem Leben trage ich einen richtigen, weißen Kittel. In der Hand halte ich ein kleines Holzschächtelchen mit meinem „Präpbesteck“: Ein Skalpell und zwei Pinzetten. Ich bin müde. In der letzten Nacht lag ich noch lange wach. Mein Herz schlägt ein bisschen schneller, als ich die Tür öffne und den Saal betrete. Es ist so weit - heute beginne ich meinen Präparierkurs. Ein Semester lang werde ich in die Tiefen der menschlichen Anatomie vordringen, einen toten Menschen vor mir liegen sehen, ihn berühren und mit einem Skalpell aufschneiden.

Das Erste, was ich in dem großen Anatomiesaal wahrnehme, ist der intensive Geruch, der mir entgegenschlägt. Es riecht seltsam säuerlich, fast nach verdorbenem Fleisch, das jemand vergessen hat in den Kühlschrank zu tun. Meine Finger schwitzen in den Plastikhandschuhen. Auf den Metalltischen erkenne ich menschliche Umrisse, doch noch sind die Leichname mit weißen Tüchern zugedeckt. Ich versuche nicht zu lange dorthin zu starren und suche meine Tischnummer.

Nach einer kurzen Ansprache des Institutsleiters heben meine Kommilitonen und ich am Tisch das weiße, feuchte Tuch hoch. Vor uns liegt ein kleiner schmächtiger Mann. Er ist nur 1,50 m groß, weshalb sein Körper fast kindlich wirkt. Die Haut ist blässlich gelb, an einigen Stellen ist sie mit bräunlichen Flecken überzogen. Die Rippen stehen hervor. Die Beine sind dünn. Ich berühre den Mann am Bauch.

Er gibt kaum nach - der ganze Körper ist steif. 

Ich soll den Kopf der Leiche präparieren. Alles, was ich bisher im Medizinstudium gelernt habe, aus Büchern, aus Vorlesungen oder aus Lerngruppen weiß, scheint auf einmal nichts mehr wert. Jetzt stehe ich mit einem Messer in der Hand vor einer Leiche. Ich atme tief durch. Dann schneide ich vom

Scheitel des Mannes Richtung Nacken. Zuerst soll die Hautschicht und danach das Fettgewebe abgetragen werden. An Nachbartischen mit besonders korpulenten Leichen sehe ich, wie Studenten bereits große Löffel verwenden, um Fettgewebe aus den Leichen zu holen. Weil die Körperspender zum Konservieren in die Chemikalie Formaldehyd eingelegt werden, hat sich das Fett gelb verfärbt. Es sieht ein bisschen aus wie Rührei. Mein Magen krampft sich zusammen.

 

Wer warst du?

Während der Arbeit an der Leiche haben meine Kommilitonen und ich am Tisch anfangs noch viel Zeit zum Reden. Wir überlegen, was unser Körperspender wohl für ein Mensch war. Hat er körperlich gearbeitet? Bei dieser Statur wohl kaum vorstellbar. Woran ist er gestorben? Der Mann vor uns ist gerade einmal Mitte sechzig geworden – manche am Tisch haben Eltern, die so alt sind – ein gruseliger Gedanke.

Außer dem Alter erfahren wir Medizinstudenten nichts vom Körperspender – trotzdem bleibt das Bedürfnis nach einer Identität. Meine Freunde und ich beschließen der Leiche keinen Namen zu geben. Wir finden das respektlos. Mit der Entscheidung sind wir eindeutig in der Minderheit. Viele Kommilitonen geben ihren Leichen Namen. Um uns herum liegen auf einmal “Jürgen” oder “Berta”.

Der Druck wächst. Bald steht die erste von vier Prüfungen an. Im Anatomiesemester sollen die Studierenden alle Strukturen inklusive Organe, Muskeln, Gefäße und Nerven des menschlichen

Körpers kennenlernen. In den Testaten werden deren Ort und Funktion abgefragt. Merklich wird die Stimmung am Tisch schlechter. Nach jedem Tag zeigen wir uns gegenseitig, was wir präpariert haben, damit jeder für das Testat gleich gut vorbereitet ist. Bin ich mit meinem Tagesziel nicht fertig geworden, merke ich deutlich die Anspannung und den Ärger der anderen.

 

Testattag

Der Tag des ersten Testats ist furchtbar. Ich habe die ganze Nacht mit dem drei Kilogramm schweren Anatomieatlas im Bett verbracht und bin völlig übermüdet. Viele meiner Kommilitonen weinen vor Anspannung und vor Angst. Nach 30 qualvollen Minuten Prüfung ist klar: Ich habe bestanden.

 

Tag 12: "Eine zähe Flüssigkeit spritzt mir entgegen"

Heute soll die Brusthöhle der Leiche geöffnet werden. Wir fragen uns wie fest man auf einen menschlichen Brustkorb drücken kann bevor der nachgibt. Ich versuche es. Ein meterhoher Strahl zäher Flüssigkeit spritzt mir entgegen. Zwischen meinen Kittelärmeln und Handschuhen tropft sie mein Handgelenk herunter. Nachdem wir am Tisch den Brustkorb geöffnet haben sehen wir, dass der linke Lungenflügel komplett schwarz und stark verkleinert ist. Die Todesursache unseres Spenders ist vermutlich Lungenkrebs.

Je weiter wir die Leiche öffnen, desto schlimmer brennen meine Augen vom Formaldehyd. Ich kann mich immer schlechter konzentrieren und muss immer wieder vor die Tür gehen. Viele der Studierenden klagen über starke Kopfschmerzen. Einige tragen Skibrillen oder spezielle Masken mit einem Filter für Formaldehyd mit denen sie atmen wie Darth Vader aus Star Wars. Manche können die schlechte Luft trotzdem kaum ertragen und überlegen den Kurs abzubrechen.

In Deutschland misst der TÜV jährlich den Formaldehydgehalt in den Präpariersälen aller Universitäten. In Köln sei dieser Wert im derzeitigen Semester so absurd hoch, dass die Institutsleitung schnell handeln müsse erklärt uns unser Professor wenige Wochen später. Die Hälfte der Leichen muss nun gehen, darunter unsere. Wir stehen ratlos im Präpsaal. Ich habe das seltsame Gefühl jemand sehr Vertrautes zu verlieren, als wir unseren halbpräparierten Leichnam in den viel zu großen, hellen Holzsarg legen.

 

 

Der Tag des Abschieds

Ein paar Wochen und zwei weitere Testate später stehen wir alle dicht gedrängt in einer kleinen Kirche

auf dem Gelände der Uniklinik. Ich bin aufgeregt, es ist die erste Trauerfeier zu der ich gehe und ich bin froh ein paar nicht allzu löchrige, schwarze Sachen in meinem Kleiderschrank gefunden zu haben. Die Veranstaltung ist freiwillig, aber ich habe das Gefühl der ganze Kurs ist gekommen. Sogar ein paar Dozenten sind da und viele Menschen, die ich nicht kenne, vermutlich die Angehörigen der Spender. Manche von ihnen warten schon seit zwei Jahren auf die Trauerfeier der Verstorbenen, wird mir klar. Nach der Trauerfeier werden die Särge verbrannt und die jeweiligen Urnen auf einem Friedhof in Köln oder Umgebung beigesetzt. Erst danach, und nur auf expliziten Wunsch, werden die Angehörigen über den Ort der Beisetzung informiert.

Eine Band spielt Popsongs. Der Sound ist furchtbar, weil es schrecklich hallt. Danach folgen Reden. Studierende sprechen von ihrer unglaublichen Dankbarkeit gegenüber dem Körperspender und darüber wie viel sie im vergangenen Semester gelernt haben. Zuletzt werden alle Namen der Spender vorgelesen und ich versuche mir vorzustellen, welcher zu unserer Leiche passt. Oft kann man erkennen, welche Angehörigen zu welchem Namen gehören. Viele weinen, schließen die Augen oder nehmen sich in die Arme.

Jetzt, nach Monaten realisiere ich erst wieder, dass unsere “Leiche” bevor sie zum Modell wurde ein Mensch war. Ein Freund, Partner, Bruder, Onkel, Vater oder Großvater. Oder vielleicht auch alles auf einmal. Ich bin unglaublich erschöpft als ich die Kirche verlasse. Ich muss endlich mal wieder schlafen.

 

Außerdem interessant: "Woher die Leichen kommen"

 

*Name von der Redaktion geändert.

 

Fotos von Ina Busch

 

 

 

 

 

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