• Jona Spreter

Ausgekämpft

WG-Zimmer in Uninähe? Kaum noch zu bezahlen. Eine studentische Protestbewegung gegen Wohnungsnot bleibt jedoch aus. Die Zeiten von Großdemonstrationen und Häuserkampf scheinen vorbei.

Collage von Ina Busch und Anna Wirth

Auf dem Rudolfplatz haben sich rund 100 Menschen versammelt. Die Initiative „Wohnenwagen“ hat an einem verregneten Freitagabend Anfang November zu einer Demonstration aufgerufen. Ihr Ziel: ein Zeichen setzen gegen die dramatische Wohnungsnot in Köln. Auf einer kleinen Bühne heizt ein Redner nach dem andern die Stimmung an, versucht zu mobilisieren, die Versammelten auf die Forderungen der Initiative einzuschwören. Sie wollen günstigen Wohnraum für alle. Die meisten Teilnehmer sind schon etwas älter, auch einige Geflüchtete sind gekommen. Eben jene, die von der Wohnungsnot besonders betroffen sind. Nur eine Gruppe scheint zu fehlen: die Studierenden.

Dabei hätten gerade sie am meisten Grund zu protestieren, möchte man meinen. Wer heute ein WG-Zimmer in Uni Nähe oder gar in Ehrenfeld sucht, muss sich durch unzählige WG-Castings mit hunderten Interessenten schlagen, stundenlang vor dem Büro des Studierendenwerks Schlange stehen und die unbequemsten Übergangslösungen in Kauf nehmen. Einige müssen ihre Suche gar ergebnislos beenden, nach Hürth oder Leverkusen ziehen und jeden Tag lange Anfahrtswege in Kauf nehmen.

Jeder weiß es, jeder klagt darüber – doch Gegenwehr gibt es kaum. Die Zeiten von Großdemonstrationen und Häuserkampf scheinen vorbei.

Den Soziologen Jan Üblacker wundert das nicht. „Viele Studierende haben heute kaum noch Zeit für außeruniversitäres Engagement“, sagt Üblacker, der am Düsseldorfer Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung als Wissenschaftlicher Referent arbeitet. Schuld daran sei vor allem die Bologna-Reform und die immer verschultere Lehre, meint der Wissenschaftler, der unter anderem zu Wohnungsmärkten und deren Auswirkungen auf soziale Gefüge forscht. Die meisten Studierenden steckten sich heute einen klaren Zeitplan, von dem sie nicht abweichen wollten. Selbst

dann nicht, wenn sie so stark betroffen sind wie von der Wohnungsnot.

Wie gravierend diese sein kann, wissen allein die annähernd 12 000 Erstsemester, die jedes halbe Jahr auf den Kölner Wohnungsmarkt strömen. Lediglich ein Bruchteil von ihnen findet ein Zimmer in einem günstigen Wohnheim – von den mehr als 80 000 Studierenden in Köln haben lediglich 5,7 Prozent einen Wohnheimplatz. Die große Mehrheit muss sich auf dem privaten Wohnungsmarkt durchsetzen. In Köln zahlen Studierende dort laut dem Institut der deutschen Wirtschaft 453 Euro für eine klassische studentische Unterkunft und investieren somit mehr als die Hälfte ihres Einkommens, das laut Deutschem Studentenwerk im Durch- schnitt 864 Euro pro Monat beträgt. Die Faustregel, dass Mieten ein Drittel des Nettoeinkommens nicht übersteigen sollten, ist längst Utopie. Wer sich das nicht leisten kann, ist aufgeschmissen, wie etwa die Studentin Lara Müller.

Einfach ein Haus besetzen?

Als Lara von ihrem Auslandssemester in Polen zurückkehrte, kostete das günstigste WG-Zimmer, das sie finden konnte, satte 650 Euro. Für die 22-Jährige unmöglich zu bezahlen. Kurzerhand entschied sie sich, für zwei Monate in den Wohnwagen ihrer Familie einzuziehen. Die deutlich günstigere Variante, obwohl sie für den Stellplatz auf einer Campinganlage in Köln Poll immer noch 350 Euro zuzüglich Strom, Gas und Wasser aufbringen musste.

Was tun? Die VWL-Studentin Lara Müller zog vorübergehend in einen Wohnwagen.

„Wenn die hohen Preise einfach nicht

mehr zu bezahlen sind und einem

niemand helfen kann, muss man sich

halt selbst etwas einfallen lassen“

Lara Müller, Studentin

Bei schlechtem Wetter sei das Dauercampen keine spaßige Angelegenheit gewesen. Ein Hochwasser zwang Lara fast dazu, ihren Platz zu räumen. Dennoch könnte sie sich vorstellen, erneut eine Zeit lang im Wohnwagen zu leben. „Wenn die hohen Preise einfach nicht mehr zu bezahlen sind und einem niemand helfen kann, muss man sich halt selbst etwas einfallen lassen“, sagt Lara Müller.

Doch was soll das sein? Ohne einen Wohnwagen in Familienbesitz ist das mit der Kreativität so eine Sache. Wer 800 Euro für ein WG-Zimmer am Hansaring oder 450 Euro für ein 16-Quadratmeter-Kabuff in Köln-Ostheim nicht bezahlen kann, hat wenig Möglichkeiten. Jeden Tag zwei Stunden zur Uni und wieder zurück pendeln? Mehrere Wochen bei Freunden auf der Isomatte nächtigen? In den 1980er Jahren hätte die Antwort womöglich gelautet: Einfach ein Haus besetzen.

Die Besetzung der ehemaligen Stollwerck- Schokoladenfabrik im Severinsviertel ging als größte Hausbesetzung in die Geschichte Kölns ein. 49 Tage lang blockierten rund 600 Aktivisten, da- runter einige Studierende, im Sommer 1980 den Abriss des Fabrikgebäudes. Die Besetzer erhielten

internationale Aufmerksamkeit und konnten zumindest den Abriss des Gebäudes um einige Jahre hinauszögern. „Die Hoffnung wirklich etwas bewegen zu können, war damals sehr groß. Es herrschte Aufbruchsstimmung“, sagt der Kölner Stefan Peil, einer der Besetzer von damals. Man habe der ärmeren Bevölkerung einen Verbleib in der Südstadt ermöglichen wollen.

„Heute haben Hausbesetzungen ein bisschen an Symbolkraft verloren“, erklärt der 75-Jährige. Das zeige unter anderem das Beispiel der Zülpicher Straße 290 in Lindenthal. Aktivisten hatten das lange leerstehende Gebäude ein halbes Jahr lang besetzt, bis sie sich im Juli 2016 mit der Hausverwaltung und der Stadt Köln einigten. Nach einer Sanierung sollen Geflüchtete in das Wohnhaus ein- ziehen. Aus Sicht der Hausbesetzer ein Erfolg. Die Öffentlichkeit habe sich davon jedoch kaum beeindruckenlassen, meint Stefan Peil. Eine Signalwirkung sei ausgeblieben.

Demos gegen TTIP ziehen besser

In Köln ist eigentlich das Studierendenwerk dafür zuständig, Studierenden günstigen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Doch das Werk sieht sich ohne stärkere Unterstützung der Stadt Köln und des Landes Nordrhein-Westfalen dazu kaum noch in der Lage und rief Mitte September zu einer Demonstration auf dem Alter Markt auf, um auf die Wohnungsnot aufmerksam zu machen.

„Wir haben mit der Aktion ein ordentliches Presseecho verursacht und ein Zeichen an die Stadtverwaltung gesendet“, sagt die Referatsleiterin für „Kultur & Internationales“ des Kölner Studierendenwerks, Ruth Schamlott. An der Demo beteiligten sich jedoch lediglich 70 Studierende.

Demonstratiönchen - Im September protestierten etwa 70 Studierende auf dem Alter Markt gegen Wohnungsnot. Foto: KStW

Aus Sicht des AStA der Uni Köln viel zu wenig. „Wir hätten uns eine höhere Beteiligung gewünscht“, sagt Katharina Letzelter. Die AStA-Vorsitzende weiß genau, wie groß die Not ist. Zu Beginn des Wintersemesters hat sie mit dem AStA erneut eine sogenannte Notschlafstelle für Wohnungssuchende eröffnet. Ein Matratzenlager, wo bis zu 20 Studierende für zwei Wochen übernachten konnten. „Besonders komfortabel ist das nicht, aber immerhin haben die Leute ein Dach über dem Kopf“, sagt Jana Thomas, die als Sozialreferentin des AStA die Notschlafstelle organisierte. Während der vergangenen drei Jahre hätten sich die Anmeldungen verzehnfacht, so Jana. Von drei auf 30.

„Gerade ausländische Studierende haben es auf dem Kölner Wohnungsmarkt sehr schwer“, sagt Jana. Diese kämpften mit Vorurteilen der Vermieter, vor allem gegenüber männlichen, muslimischen Studierenden, und Sprachbarrieren.

„Die meisten Studierenden schieben das

Problem Wohnungsnot einfach beiseite,

sobald sie selbst versorgt sind und

engagieren sich nicht mehr“

Katharina Letzelter, AStA-Vorsitzende an der Uni Köln

Katharina Letzelter fordert deshalb die Studierendenschaft auf, sich aktiv für studentischen Wohnraum einzusetzen. „Die meisten schieben das Problem Wohnungsnot einfach beiseite, sobald sie selbst versorgt sind und engagieren sich nicht mehr“, kritisiert die AStA-Vorsitzende. Weitere Protestaktionen wären nur wirksam, wenn sich auch genügend Studierende beteiligten. Wichtig sei dabei vor allem eine gute Planung. Die Proteste auf dem Alter Markt fanden parallel zu einer großangelegten Anti- TTIP-Demonstration statt, an der laut Veranstalter rund 55.000 Menschen teilnahmen. Mit der Demo konkurrieren zu wollen, sei Letzelter zufolge ein Fehler gewesen. Laut dem Studierendenwerk wurde die TTIP-Demo jedoch erst bekannt, als die Planungen schon zu weit fortgeschritten waren, um die Veranstaltung noch zu verschieben.

Wilde Achtziger - Etwa 600 Aktivisten besetzten im Sommer 1980 die Stollwerck-Schokoladenfabrik. Foto von Eusebius Wirdeier

Es gibt keinen Mr. Wohnungsnot

Ob sich der Protestaktion zu einem anderen Termin mehr Teilnehmer angeschlossen hätten, ist jedoch fraglich. Studierende engagierten sich eher gegen die vermeintlich großen Themen wie Freihandelsabkommen oder Atomkraft, erklärt der Soziologe Jan Üblacker. Der Grund: Beim Widerstand gegen hohe Mieten fehlt ein gemeinsames Feindbild. „Es gibt einfach keinen Mr. Wohnungsnot“, sagt Üblacker. Vielmehr sei die Situation auf dem Wohnungsmarkt ein komplexes Wechselspiel verschiedener Akteure mit unterschiedlichen ökonomischen und sozialen Interessen.

Die Stadt, das Studierendenwerk, Wohnbaugenossenschaften, das Immobilienunternehmen GAG, private Investoren und sogar Airbnb mischten mit. Daher ist oft nicht eindeutig klar, gegen wen oder was sich der Protest richten kann“, meint der Soziologe.

„Den heutigen Studierenden würde

ich manchmal etwas mehr von dem

Aufständischen und Radikalen

von damals wünschen“

Stefan Peil, ehemaliger Hausbesetzer

Dabei könnte die riesige Kölner Studierendenschaft durchaus Druck ausüben, glaubt der ehemalige Hausbesetzer Stefan Peil. Großdemonstrationen und Petitionen könnten etwas bringen. Man müsse beim Kampf gegen Wohnungsnot einen langen Atem haben und dranbleiben. Politische Prozesse brauchten nun mal ihre Zeit, neuer Wohnraum müsste erst gebaut werden. Vielen Studierenden fehle heute jedoch die Ausdauer. „Nach drei vier Jahren, wenn sie ihr Studium beendet haben, ändern sie ihre Interessen wieder“, sagt der Alt-Achtundsechziger. Das sei 1980 noch anders gewesen. „Den heutigen Studierenden würde ich manchmal etwas mehr von dem Aufständischen, Radikalen und dem gesellschaftspolitischen Weitblick von damals wünschen“, meint Peil.

Dem Soziologen Jan Üblacker zufolge gibt es für den ausbleibenden Protest möglicherweise jedoch eine ganz simple Erklärung. Er vermutet: „Vielleicht ist die Not auch einfach noch nicht groß genug“.

Collage von Ina Busch und Anna Wirth,

Foto Wohnwagen: Lara Müller, Foto Demo Alter Markt: Kölner Studierendenwerk, Foto Demo Schokoladenfarbik: Eusebius Wirdeier

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