Ein Terabyte Pluralismus

February 19, 2017

In Kuba haben die meisten Menschen immer noch keinen Zugang zum Internet. Der Student Carlos hat daraus ein Geschäft gemacht: Auf einer kleinen Festplatte bringt er internationale Filme und Serien in die Wohnzimmer der Kubaner und verdient damit mehr als seine Professoren an der Uni. 

Hauptstadt mit Sehnsüchten: Nach der schrittweisen Öffnung Kubas zum Westen fiebern viele Bewohner Havannas dem Wandel entgegen. 
 

Auf den Straßen Havannas herrscht Feierabendstimmung. An der pulsierenden Hauptschlagader der Stadt, der 23. Straße, quetschen sich Menschen nach Büroschluss in die wenigen Stadtbusse, Liebespaare flanieren händchenhaltend über die berühmte Uferpromenade, den Malecón, und in der Luft hängt der Geruch zu oft verwendeten Frittierfetts.

Vor einem der Cafés steht ein großer schlaksiger Junge. Er trägt ein US-amerikanisches Basketballtrikot und eine große Baseballcap, ganz so, als käme er direkt aus Miami, das nur 90 Seemeilen entfernt liegt. Seinen richtigen Namen will er nicht nennen. Denn was der 23-jährige Geschichtsstudent, hier Carlos genannt, verkauft, ist illegal - trotz Annäherung an die USA und der Erlaubnis, sich beruf lich selbstständig zu machen.
 

In der Plastiktüte, die an seinem Arm baumelt, verbirgt der Student eine kleine externe Festplatte. Darauf ist alles, was die Zensur den Kubanern bisher unzugänglich machte: die neusten Serien, Filme, Musik, Tutorial-Videos, Online-Zeitschriften und Smartphone-Apps. Alles, was das dürftige Programm des Staatsfernsehens nicht bietet. Carlos vermietet die Festplatte an seine Landsleute und setzt damit das jahrzehntelange Informations- und Unterhaltungsmonopol des Staates außer Kraft. Wer ihm durch Vedado, dem Ausgehviertel Havannas, folgt, versteht, wie sehr gerade die junge Generation Kubas dem Wandel im Land entgegenfiebert.
 

Carlos biegt in eine der wenig befahrenen Seitenstraßen Vedados ein und schlängelt sich an zwei Fußballtoren vorbei, die Kinder aus der Nachbarschaft aus ein paar Brettern aufgebaut haben. Er geht schnell und zielsicher, seine Route durch das Zentrum Havannas ist geschäftliche Routine. Er weiß: Seine Stammkunden warten nicht gern auf el paquete, wie die Kubaner die Zusammenstellung des aktuellen Netzgeschehens in der Offline-Version nennen, die nun schon seit einigen Jahren auf dem Schwarzmarkt kursiert.
 

Lukratives Pflaster: Viele von Carlos‘ Kunden wohnen in Vedado, dem Ausgehviertel Havannas

 

Nur wenige Minuten von der Universität entfernt, vor einem Haus mit blassrosa abbröckelnder Fassade, wartet Carlos‘ erster Kunde an diesem Nachmittag, ein kleiner schmächtiger Junge namens Mario.
„Llegó el paquete – Das Paket ist da!“, ruft er mit weitaufgerissenen Augen, als er Carlos

entdeckt. Zusammen laufen die beiden durch einen grauen Innenhof in die Wohnung im ersten Stock. Carlos präsentiert seine Ware: Für den siebenjährigen Mario hat er neue Zeichentrickserien dabei, seine Mutter Yvette erhält die neusten Folgen ihrer Lieblingsserie.

Während Yvette auf dem abgewetzten Sofa zwanzig Filme und mehr als sechzig Videos von der Festplatte auf den Laptop kopiert, wacht über dem eingeschalteten Fernseher ein angestaubtes Bild Fidel Castros.

In dem engen Ein-Zimmer-Appartement, das sich Yvette und ihre zwei Söhne teilen, riecht es nach abgestandenem Kaffee. Die 37-Jährige arbeitet als Verkäuferin in einer Cafeteria und kommt mit ihrem Gehalt gerade so über die Runden. Den Laptop haben ihr Freunde aus dem Ausland mitgebracht. Carlos zahlt sie umgerechnet zwei Euro, um für zwei Stunden Daten von der ein Terrabyte großen Festplatte zu kopieren. „Für das wöchentliche Informationsprogramm spare ich, wo ich kann“, sagt sie. Denn das Paket ist für sie deutlich günstiger, als selbst ins Internet zu gehen und bei schlechter Verbindung stundenlang Daten herunterzuladen.

Im Sommer 2015 eröffnete die Regierung zwar landesweit die ersten WLAN-Spots, doch auch dort bleibt der Zugang ins Netz ein Privileg. Umgerechnet zwei Euro kostet eine Stunde surfen. Ein Hochschulprofessor auf Kuba muss dafür vier Tage arbeiten. Im Jahr 2014 hatten laut der Internationalen Fernmeldeunion nur 4,1 Prozent der kubanischen Haushalte einen Internetanschluss. 

 

Selbst an der Universität von Havanna haben Studierende an den meisten Fakultäten nur 200 MB pro Monat, um im Netz zu surfen. Carlos ist dadurch zum Großverdiener geworden. Sein Geschäft bringt ihm rund 75 Euro im Monat ein. Seine Landsleute verdienen im Durschnitt gerade mal ein Drittel davon. Während die Sonne bereits untergegangen ist und Yvette und Mario noch immer die neusten Internettrends herunterladen, vertreibt sich Carlos draußen auf der Straße die Zeit damit, Musik zu hören und Videoclips zu schauen. Auf seinem großen Smartphone finden sich die aktuellen Charts genauso wie kubanische Klassiker. „Durch das Paket sehen wir die gleichen Serien und hören die gleiche Musik wie unsere Alters- genossen in anderen Ländern. Aber wenn wir den Laptop oder das Smartphone ausmachen, leben wir doch wieder in verschiedenen Welten“, sagt Carlos während er Pharell Williams hört.
 

Die älteste Uni Kubas: ksz-Autorin Cristina Helberg studierte ein Semester an der Universität von Havanna.

 

In der Nähe der großen Plaza de la Revolución wartet bereits seine nächste Kundin. Die 16-jährige Yolanda blickt ungeduldig aus dem Wohnzimmerfenster auf die mit Schlaglöchern übersäte Straße. Gerade ist sie vom Tanzunterricht nach Hause gekommen und steckt noch in ihren neonfarbenen Sportklamotten. Mit sich überschlagender Stimm fasst sie ihrem Vater die letzten Ereignisse in ihrer Lieblingstalentshow zusammen. Jetzt will sie wissen wie es weitergeht. „Im Fernsehen kommt auf Kuba immer das Gleiche. Mit dem Paket können wir endlich dieselben Sachen sehen wie alle auf der Welt.“, sagt Yolanda. Das staatliche Programm schaue von ihren Freunden fast niemand mehr.

Dass der Deal nicht ganz legal ist, nehmen Yolanda und Carlos in Kauf. Trotzdem hat Carlos manchmal Angst vor Konsequenzen. „Ich arbeite in einer rechtlichen Grauzone. Deshalb bin ich lieber vorsichtig“, sagt er. Möglicherweise weiß das Regime jedoch ohnehin genau Bescheid. Die Verbreitung der illegal heruntergeladenen Materialien ist auf Kuba ein offenes Geheimnis. Selbst im staatlichen Fernsehabendprogramm machen Komiker öffentlich Witze darüber. „Viele glauben, dass die Regierung den Inhalt des Pakets kontrolliert“, sagt Carlos. Dafür spricht, dass pornografische und regimekritische Inhalte in der Standardversion nicht zu finden und höchstens auf Nachfrage zu beschaffen sind.

Denkbar ist auch, dass die Hintermänner bewusst auf pikante Dateien verzichten, um keine Strafverfolgung des Regimes zu provozieren. Carlos selbst lässt seine Festplatte immer am Anfang der Woche für umgerechnet zwei Euro von einem Freund mit neuem Programm befüllen.

Woher dieser die Daten hat, wisse er nicht.

 

Für die kubanische Regierung ist das Paket Fluch und Segen zugleich. Innenpolitisch dient es einerseits als Ventil für die wachsenden Hoffnungen der kubanischen Jugend, die sich lange Zeit vom Weltgeschehen ausgeschlossen fühlte und auf einen massiven Ausbau der Internetinfrastruktur drängt. Doch die Videos und Serien wecken zunehmend auch Ansprüche an einen höheren Lebensstandard und freie Meinungsäußerung.

Solange es kein flächendeckendes Internet gibt, profitiert zumindest Carlos. Sein Onkel, der in Miami lebt, hat sich für den nächsten Monat mit einer zweiten Festplatte angekündigt. „Dann kann ich das Paket zwei Kunden gleichzeitig überlassen und meine Einnahmen verdoppeln“, sagt Carlos und fragt in der Nachbarschaft schon mal nach neuen Interessenten. 

 

Fotos: Cristina Helberg

 

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