Jahrelang schien Köln als Musikstandort abgemeldet, doch plötzlich bringt die hiesige Szene eine angesagte Band nach der anderen hervor. Die Erfolge der Newcomer sind beachtlich –
und von langer Hand geplant.

 

 

Carlos Hufschlag kriegt den Mund nicht zu. Eben noch tanzte er im Stile Mick Jaggers über die Bühne des „Gebäude 9“ in Köln-Mülheim, die Arme in die Hüfte gestemmt, mit dem Kopf wippend wie ein Gockel. Doch jetzt starrt der Keyboarder und Sänger der Kölner Newcomer-Band „Woman“ in die Menge, knetet die Hände vor der Brust und sucht nach Worten. So viel Applaus sind er und seine Kollegen anscheinend nicht gewohnt.

 

„Vor ein paar Jahren haben wir mit dieser Sache aus Scheiß angefangen“, sagt er. „Und jetzt stehen wir hier.“ Verlegen kratzt Hufschlag sich am Hinterkopf, dabei sollte ihn die Euphorie um „Woman“ eigentlich nicht überraschen: In den vergangenen Jahren hat sich die Band vom lokalen Geheimtipp zu einer der angesagtesten Indie-Gruppen gespielt, gerade promotet sie ihr Debütalbum „Happy Freedom“. Es folgen Festival-Auftritte, Konzerte im Ausland und eine Clubtour im Herbst.

Der Weg zur Berühmtheit könnte für die drei Jungs plötzlich ganz schnell gehen – und sie sind nicht die einzige junge Band aus Köln, denen gerade eine große Zukunft vorhergesagt wird.

 

Woman ist Teil einer wahren Newcomer-Welle in Köln. Einer Bewegung von jungen Musikern, die nicht nur in ihrer Heimatstadt, sondern mittlerweile auch überregional für Schlagzeilen sorgt. Musikjournalisten sprechen schon von einem „New Sound of Cologne“, der Musikexpress schrieb vom „Pop-Aschenputtel Köln“, das sich schön mache. Genauso gut würde der Name „Dornröschen“ passen, denn es scheint fast, als sei die Musikszene der Stadt aus einem langen Schlaf erwacht und habe einiges nachzuholen: Roosevelt, AnnenMayKantereit, Neufundland, Golf, Bergfilm, Xul Zolar, Wyoming und jetzt eben Woman – die Liste der Bands und Künstler, die plötzlich auf der Bildf läche auftauchen, wächst stetig.

 

Ihr gemeinsamer Nenner ist ihr Wohnort, ihr Sound irgendwo zwischen Pop und Electro. Und der plötzliche Erfolg? Der ist von langer Hand geplant: Seit Jahren arbeitet ein Netzwerk aus Konzertver-anstaltern, Festivalbetreibern, Agenturen, Labels und der Stadtverwaltung daran, Köln wieder auf  die musikalische Landkarte zu packen. Sie fördern gezielt junge Künstler, indem sie ihnen Geld, Auftritts-möglichkeiten und wichtige Kontakte in die Industrie bereitstellen. Doch was genau steckt hinter dem

Kölner „Pop-System“? Und wie nachhaltig ist dieser Hype?

 

 

Finanzspritze für Bands

 

Wer etwas über die Kölner Musikszene herausfinden will, muss mit Till Kniola sprechen. Der 46-Jährige ist Leiter des Popkultur-Referats der Stadt Köln und sitzt damit an einem der wichtigsten Schreibtische für das hiesige Pop-Geschäft. Er ist der Herr über Fördergelder, durch seine Hände wandern jeden Tag Anträge von jungen Musikern, von Clubs und Veranstaltern, die von der Stadt unterstützt werden wollen.

 

Von seinem Büro im Kulturamt in der Innenstadt aus hat er einen guten Überblick über die Kölner Szene.

 

„Gerade konzentriert sich vieles auf den Indie- und Elektronikbereich, auf Künstler, die einen Club-Sound haben, aber als Band auftreten“, sagt Kniola.

 

Deren Erfolg sieht er als das Ergebnis langjähriger Arbeit, an der auch die Stadt ihren Anteil hat: Sie sorgt zum Beispiel schon seit langem dafür, dass es in Köln genug Proberäume zu niedrigen Mietpreisen gibt, oder unterstützt Festivals, bei denen Newcomer im Mittelpunkt stehen. Seit neuestem können sich Bands auch direkt die Produktion ihrer Platten von der Stadt fördern lassen, im Mai hat der Beirat für Popkultur dafür die ersten Projekte ausgesucht.

 

Damit will die Verwaltung jungen Künstlern die ersten Schritte ins Musikgeschäft erleichtern. „Wir wollen, dass sich die Bands hier wohlfühlen“, sagt Kniola. Rund 1,6 Millionen Euro will dieStadt im Jahr 2017 für die Musikförderung ausgeben. Damit befindet sie sich in einer Preisklasse mit Hamburg und Berlin, den beiden großen Konkurrenten auf dem Musikmarkt.

 

Die nachhaltige Förderung ist auch dringend notwendig, denn – so konstatiert die Stadt Köln in einer eigens erstellten Analyse – das letzte Jahrzehnt war kein einfaches für die hiesige Musikszene: Viele Künstler, Labels und Medien wanderten nach Berlin ab. 2004 wechselte die „Popkomm“, eine Mischung aus Musikmesse und Festival und früher das wichtigste Aushängeschild der Branche, in die Hauptstadt.

 

Drei Jahre später folgte ihr die einflussreiche Musikzeitschrift Spex. Und zuletzt wurde auch noch der in Köln ansässige Ableger des früheren Labelriesen EMI abgewickelt, der für moderne Klassiker wie Herbert Grönemeyers „4630 Bochum“ und „Vun drinne noh drusse“ von BAP verantwortlich war. Doch vor allem fehlte eine „identitätsstiftende Klammer“, welche die Musikszene zusammenschweißt. Ein Sound, der die Künstler verbindet.  Ein Label, das die Musikszene der Stadt und darüber hinaus prägt.

 

 

Der letzte große Hype

 

 

So wie es Anfang der Nuller-Jahre das Label „Kompakt“ war: Vor rund zwanzig Jahren löste es den letzten großen Hype um die Kölner Szene aus. Im Mittelpunkt damals: Minimal-Techno, 130 Beats pro Minute statt weiche Gitarrenmusik. Diese harten und einfachen Klänge machten „Kompakt“ schnell international berühmt. Musikmagazine im In- und Ausland meinten einen neuen und eigenen Stil erkannt zu haben – den sogenannten „Sound of Cologne“. Der britische „Guardian“ veröffentlicht immer noch regelmäßig nostalgische Artikel über das kleine Kölner Label und schwärmt vom „elegant hedonistischen Techno“, der zur bewegendsten Tanzmusik gehöre, die jemals auf Tonbandaufgenommen wurde.

 

Wenn man sich heute auf die Suche nach dem „Sound of Cologne“ macht, wird man in der Werderstraße unweit vom Friesenplatz fündig, wo „Kompakt“ noch heute seine Räume hat. Der Konferenzraum des Labels über dem hauseigenen Plattenladen atmet Lokalpatriotismus: An der Wand hängen breite Banner mit dem Kompakt-Logo an der Wand, in das das Kölner Wappen mit den drei Kronen integriert ist. Auf den Tischen liegen karierte Tischdecken in den Farben der Stadt.

 

Wir wussten anfangs gar nicht, was wir mit dem Begriff Sound of Cologne anfangen sollen“, erzählt Tobias Thomas, einer der DJs von damals und heutiger Booker und Agent des Labels. „Doch dann haben wir uns dafür entschieden, uns ganz bewusst als Absender dieses Sounds zu identifizieren und uns stärker auf Köln zu berufen“, sagt er. Die Folge: Köln wurde mithilfe von Kompakt zur international bekannten Techno-Metropole, noch heute assoziieren viele Musikkenner die Stadt mit dem Kompakt-Sound.

Zur derzeitigen Pop-Welle sieht Tobias Thomas durchaus Parallelen. „So wie vor 20 Jahren jeden Tag ein neuer interessanter Elektronik-Künstler bei Kompakt vor der Tür stand, so entsteht seit einigen Jahren gefühlt jeden Tag eine neue Band“, sagt Thomas. Aber hat die neue Musikszene der Stadt auch einen eigenen Klang?

 

 

Matthias Kurth ist ständig auf der Suche nach diesem Kölner Sound. In einem unscheinbaren Bürogebäude in direkter Nähe des Heliosturms in Ehrenfeld bastelt er als Booker an dem Programm des Musikfestivals „c/o Pop“, dem Nachfolger der abgewanderten „Popkomm“. Kurth recherchiert im Internet, geht auf Konzerte und hört sich im Bekanntenkreis um, immer auf der Suche nach den besten Newcomern.

 

„Mir ist wichtig, dass die Bands originell sind und etwas Neues mitbringen“, sagt er. „Und ich achte darauf, wer aus meinem Umfeld das gerade abfeiert.“

 

Wer von Kurth für das Festival gebucht wird, hat beste Chancen, bald auch außerhalb der Stadtgrenzen für Aufmerksamkeit zu sorgen. Denn für Kölner Electro- und Pop-Bands ist die „c/o Pop“ zur wichtigen Plattform, zum Sprungbrett geworden: Kurth und das Festival-Team stellen für die Bands nicht nur die Bühne bereit, sie bieten den Musikern auch wichtige Kontakte zur Platten- und Konzertindustrie.

 

Am Festival-Samstag, wenn Nachwuchsbands kostenlos an verschiedenen Orten im Belgischen Viertel spielen, schicken sie Booker, Manager und Presseleute gezielt zu Künstlern, denen sie Großes zutrauen. So können die jungen Musiker sich ein Netzwerk auf bauen. Das kann Talent von Bands zwar nicht ersetzen, aber für sie doch einiges ver-

einfachen. „Wenn du ein Netzwerk hast, kennst du schneller die richtigen Leute, kommst schneller an Auftrittsmöglichkeiten, kannst schneller den richtigen Leuten deine Musik präsentieren und dann werden irgendwann auch die einf lussreichen Musikmagazine auf dich aufmerksam“, sagt Kurth.

 

 

Eine gut geölte Musikmaschine

 

 

Und das musikalische Netzwerk Kölns knüpft sich immer enger, was sich auch an der deutlich verbesserten Infrastruktur zeigt: Im Jahr 2010 gründete sich mit „Klubkomm“ ein eigener Verband von Kölner Clubs und Veranstaltern, der die Interessen der Szene gegenüber Politik und Verwaltung vertritt. Mit dem Club Bahnhof Ehrenfeld, dem „Heinz Gaul“, der „Baustelle Kalk“ und dem „Roxy Club“ gibt es immer mehr neue Auftrittsmöglichkeiten. Und auch Veranstaltungen wie der „Cologne Club Award“, die

„Cologne Music Week“, das „Week-End Fest“ und die „Kölner Klubnacht“ spiegeln den gestiegenen Zusammenhalt der Szene wider.

 

Die Stadt mutiert so immer mehr zu einer gut geölten Musikmaschine, die jährlich neuen Nachwuchs produziert. Für Newcomer ist der Weg zum Erfolg schon vorgezeichnet, der Kölner Fahrplansozusagen: Im Sommer gibt es den ersten Auftrittbeim c/o Pop, im Winter einen weiteren bei der Cologne Music Week, im Jahr darauf folgen das Palla-dium oder Gebäude 9 und dann geht es endlich aufdie bundesdeutschen und internationalen Bühnen. Im Hintergrund wirkt stets das Netzwerk aus Labelsund Agenten.

 

So lief es schon für AnnenMayKantereit, so lief es für Golf – und nach aller Voraussichtwerden ihnen noch einige folgen. Heiße Anwärterfür dieses Jahr sind jetzt schon Ray Novacane mit ihrem Synthie-Soul und die Elektro-Künstlerin Resch. 

 

Doch wie nachhaltig ist dieses System? Spuckt die Kölner Musikmaschinerie einfach nur einen Newcomer nach dem anderen aus, der dann schon bald wieder in der Versenkung verschwindet? Tobias Thomas von Kompakt ist jedenfalls skeptisch: Ihm fehlten vor allem Künstler, die auch über Deutschland hinaus Bekanntheit erlangen. Gelungen ist das bis jetzt nur Marius Lauber alias Roosevelt, der zurzeit auf Welttournee ist. Thomas hat vor ein paar Jahren in Köln dessen allererstes Konzert organisiert.

 

„Da muss jetzt jemand mit dem Format eines Roosevelt nachfolgen, sonst ist es mit dem Hype ganz schnell wieder vorbei“, sagt er. Einen neuen Sound of Cologne sieht der Techno-DJ heute ohnehin nicht. Dafür wären die Künstler zu unterschiedlich. „Bands wie Golf, Bergfilm oder Woman kennen sich zwar untereinander, aber hängen nicht permanent zusammen ab und prägen auch keinen gemeinsamen Sound“, sagt der 47-Jährige. Die Bands machten alle eher ihr eigenes Ding und würden daher auch nicht so stark mit einem Ort verknüpft wie etwa Kompakt.

 

 

Kölner Clique 

 

Doch wenn man mit den Künstlern selber spricht, ergibt sich ein ganz anderes Bild: Unabhängig von finanzieller Förderung durch die Stadt, von neuen Auftrittsmöglichkeiten und von Kontakten zu Agenturen, Clubs und Bookern – für sie ist ein Netzwerk in Köln noch viel wichtiger: das unter den Künstlern selbst. Fast alle Musiker kennen sich untereinander, tauschen sich aus, geben sich Ratschläge oder gehen zusammen ins Studio.

 

Für Roosevelt war dieser Zusammenhalt der Grund, nach einerkurzen Stippvisite in Berlin nach Köln zurückzukehren. Und auch für die Jungs von Woman machtdas die Anziehungskraft der Stadt aus. Sie sprechen vom „Solidaritätsgedanken“ in der Kölner Szeneund vom „Stolz“ auf die Kollegen.

 

Gibt es also wirklich eine Bewegung, einen „New Sound of Cologne“? „Ich weiß nicht, ob es wirklich der ‚Sound of Cologne‘ ist, aber es gibt auf jeden Fall eine ‚Class of Cologne‘", sagt Carlos Hufschlag. „Wir müssen ja auch ein bisschen zusammenhalten. Man hilft sich einfach und das ist der gemeinsame Nenner.“ Also keine Träume von der großen Stadt Berlin? Hufschlag zögert kurz. „Wenn es uns voranbringen würde, könnte man drüber diskutieren. Aber steht momentan nicht zur Debatte. Wir sind alle sehr gerne hier.“

Zumindest für den Moment.

 

Konzertfotos & Gruppenfoto "Woman": Franziska Schardt

 

 

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