In Köln gibt es mehr Medizinstudentinnen als -studenten. Die große Karriere machen in der Hochschulmedizin aber immer noch meist die Männer. Wie kommt das?

 

Claudia Fuchs stellt sich neuen Patient*innen immer auf dieselbe Art vor: „Guten Tag, mein Name ist Fuchs. Ich bin Ihre behandelnde Ärztin.“ Bei vielen Menschen scheint dieser Satz einige Fragen offen zu lassen. „Haben Sie studiert? Kommt auch ein Arzt?“, sind Sätze, die sie in ihrem Alltag als Assistenzärztin an der Uniklinik häufig zu hören bekommt.

 

Der Arzt ist ein Mann, die Schwester eine Frau. Dieses Bild ist in den Köpfen vieler Menschen tief verankert und der Grund dafür, dass Claudia Fuchs sich als angehende Chirurgin ständig beweisen muss. „Ich werde fast täglich als Schwester angesprochen. Manchmal stört mich das nicht. An anderen Tagen nervt es einfach. Ich bin als Ärztin eingestellt worden, genauso wie der Mann neben mir.“ Fuchs ist 30 Jahre alt und in ihrem fünften Weiterbildungsjahr. Damit hat sie die Facharztausbildung fast abgeschlossen.

 

Obwohl es mittlerweile mehr Medizinstudentinnen als -studenten gibt, sind Ärztinnen in der Hochschulmedizin stark in der Unterzahl. Unter den Assistenzärzt*innen ist dieser Unterschied noch nicht so ausgeprägt. Doch je höher man die Karriereleiter hinauf blickt, desto weniger Frauen findet man. Das ist auch in Köln so: Der Professorinnenanteil liegt hier, wie im Landesschnitt, bei nur rund 15 Prozent. Im Medizinstudium sind dagegen über 60 Prozent der Studierenden weiblich.  Dieser Umstand wird als „Leaky Pipeline“ bezeichnet. Der Ausdruck Leaky Pipeline bedeutet undichtes Rohr. Am Anfang des Rohres sind die Frauen in der Überzahl. An den undichten Stellen gehen sie verloren, sodass am Ende kaum noch welche übrig sind. Die Frage ist: Wo sind diese undichten Stellen?

 

Der Fehler liegt in der Struktur

 

Das beschäftigt auch Agnes Wojtacki. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Prodekanat für Gender und Entwicklung der medizinischen Fakultät der Uni Köln. Abgesehen von Münster gibt es ein solches Prodekanat an keiner anderen medizinischen Fakultät in NRW. Hier arbeitet Wojtacki daran, Medizinerinnen schon früh für eine wissenschaftliche Karriere zu begeistern. Ihr Ziel ist es, den Frauenanteil bei Professuren zu erhöhen. „Die Vereinbarkeit von Karriere und Familienplanung muss mehr gefördert werden“, sagt sie. „Die strukturellen Voraussetzungen müssen sich ändern, damit die Chancengerechtigkeit  zu erreichen ist. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.“

 

Erfolg durch Vitamin B

 

Einer der Gründe dafür, dass die Karriere von Frauen nach der Promotion stockt, ist laut Agnes Wojtacki die fehlende Vernetzung der Frauen. „Frauen konzentrieren sich auf ihre fachliche Leistung und unterschätzen Netzwerke, die einem weiterhelfen. Die männlichen Kollegen können das anscheinend besser.“

 

Der Einfluss von Beziehungen auf beruflichen Erfolg ist zwar nur schwer messbar, dennoch sind sich Arbeitsforscher*innen einig, dass persönliche Netzwerke eine große Rolle beim Aufstieg auf der Karriereleiter spielen. Menschen vernetzen sich vor allem mit Personen,  die ihnen ähnlich sind. Zu diesen Ähnlichkeiten zählt auch das Geschlecht. Diesen Zusammenhang nennt man homosoziale Kooption. In einem Gefüge, in dem vor allem Männer auf der nächsthöheren Ebene stehen, ist es für Frauen dementsprechend schwieriger, die informellen Wege zu nutzen.  

 

Wie schwierig es ist, als Frau in diesem Netzwerk zu bestehen, hat auch Clara Lehmann erlebt. Sie ist Leiterin des Infektiologischen Versorgungszentrums der Uniklinik Köln. Das ist eine hohe Position, doch mit 40 Jahren sieht sie sich noch nicht am Ziel. Als sie mit ihrem Chef darüber spricht, dass sie weiter an ihrer Karriere arbeiten möchte, zeigt dieser kein Verständnis: „Aber Frau Lehmann, Sie sind doch glücklich auf ihrer Position.“

 

Hierarchie wie beim Militär

 

Laut Ulrike Ley, einer Beraterin für Führungskräfte in der Medizin, entwickeln Frauen ein Gefühl der „Fremdheit“, das nicht auf ihre ärztliche Tätigkeit, sondern auf das „System Medizin“ zurückzuführen ist. Doch wie sieht dieses System aus?

„Die Medizin, vor allem die Uniklinik, ist im Vergleich zu allen anderen Disziplinen extrem hierarchisch aufgebaut, wie beim Militär. Einmal die Woche gibt es eine Fortbildung. Vorne sitzt der Chef, dann kommen die Oberärzte, noch weiter hinten das Fußvolk und hinten stehen dann die Studierenden“, beschreibt Clara Lehmann.

 

Laut dem aktuellen Genderreport der Hochschulen in NRW ist es vor allem die Dreifachbelastung, die neben der Hierarchie den Unterschied zu anderen Fachdisziplinen ausmacht. Neben dem ganz normalen Klinikalltag forschen und lehren die Ärzt*innen an der Uniklinik. „Wenn man sich für eine Uni-Karriere entscheidet, entscheidet man sich, dass das Hobby die Uniklinik ist, mit Haut und Haaren. Im Regeldienst versorgen wir die Patienten. Mit der Forschung beschäftigen wir uns in unserer Freizeit", sagt  Claudia Fuchs. Sie hat sich bewusst für den Weg an der Uniklinik entschieden. Ihr gefällt das Unplanbare, die Herausforderung. „Es gab aber auch Zeiten, in denen ich mir gewünscht hätte, auch mal um fünf gehen zu können oder eine Verabredung einhalten zu können. “

 

In der Chirurgie arbeiten besonders wenige Frauen. Nicht einmal 20 Prozent der Ärzt*innen in chirurgischen Disziplinen sind weiblich. „Auf Kongressen überlegt man sich genau, was man anzieht, damit man ernst genommen wird in einem Vortragssaal von 50 Männern und vier Frauen“, sagt Fuchs.

In dieser männerdominierten Welt müssen sich Frauen häufig beweisen. „Frauen geben häufig 120 Prozent, um als vollwertige Ärztin gesehen zu werden.“

 

Kinder oder Karriere

 

Der größte Unterschied für Männer und Frauen bei der Karriereplanung liegt klar auf der Hand: Die Habilitationsphase ist genau das Alter der Familienplanungsphase. „Noch heute ist es so, dass die Sorgearbeit für Kinderbetreuung überwiegend den Frauen zugeschrieben wird“, sagt Agnes Wojtacki. Das Bild der fürsorgenden Mutter ist tief in unseren Köpfen verankert. Väter haben den gleichen Anspruch auf Elternzeit wie Mütter. Dennoch ist es eher die Ausnahme, dass ein Mann die Erziehungsarbeit übernimmt. Laut Zahlen des statistischen Bundesamtes machten Männer im Jahr 2014 unter den Empfänger*innen des Elterngeldes weniger als ein Viertel aus. Frauen pausieren also weitaus häufiger ihre Karriere für die Kinderbetreuung. Eine karriereinteressierte Mutter muss sich hingegen oft rechtfertigen.

 

Clara Lehmann ist selbst Mutter dreier Kinder. Das erste bekam sie schon früh, während ihrer Zeit als Assistenzärztin. „Warum hast du überhaupt Kinder in die Welt gesetzt, wenn du so viel arbeitest? Dann siehst du die ja überhaupt nicht.“ Diese Anschuldigungen bekommt Clara Lehmann sowohl von Männern als auch von Frauen zu hören. „Es kommt nicht gut an, als Mutter karriereorientiert zu sein.“ Laut einer Umfrage des Genderreports 2016 sehen 60 Prozent der Assistenzärztinnen Kinder und Karriere als unvereinbar an, jedoch nur 30 Prozent der befragten Assistenzärzte.

 

Die Uniklinik besteht aus 27 Kliniken. Drei dieser Kliniken an der Uni werden von einer Frau geleitet. Veerle Visser-Vandewalle ist eine von ihnen. Sie ist Klinikdirektorin der Stereotaxie und Neurochirurgie. Daher ist sie regelmäßig Teil von Berufungskommissionen und hat erlebt, wie die Mutterschaft Frauen zum Nachteil ausgelegt werden kann. „Eine Bewerberin kam von weiter weg und hätte für die Arbeit umziehen müssen. Da argumentierte ein Mann in der anschließenden Besprechung: ‚Sie hat ja vier Kinder. Würde sie dann überhaupt umziehen?‘ Bei einem Mann würde die Frage nicht gestellt werden. Man geht schon davon aus, dass Frauen weniger ambitioniert sind als Männer.“ Um zu verhindern, dass Bewerberinnen unzulässige Fragen gestellt werden, sitzt eine Gleichstellungsbeauftragte der Fakultät ebenfalls in der Kommission. Bei einer Mutter besteht die Angst, dass sie ihren Job aufgrund der Kinderbetreuung vernachlässigt. Bei Männern ist das Gegenteil der Fall. Laut einer US-Studie aus dem Jahr 2007 werden Väter als engagierter angesehen und erhalten ein höheres Einstiegsgehalt als Männer ohne Kind.

Veerle Visser-Vandewalle kann die Bedenken bei der Einstellung von Frauen verstehen, obwohl sie selbst Mutter ist: „In der Zeit meiner Weiterbildung in der Neurologie hatten wir vor allem weibliche Kolleg*innen. Auf einmal waren fast alle gleichzeitig schwanger. Und dann hatten wir auf einmal ein Riesenproblem. Daher kann ich verstehen, dass man genug Männer haben will.“

 

Agnes Wojtacki sieht darin aber keine Lösung. Sie will, dass sich die Strukturen ändern, damit Kinder und Karriere sich für Ärztinnen nicht mehr ausschließen: „Ein Kulturwandel sollte in der Medizin stärker propagiert werden: Auch Männer können in Teilzeit gehen oder in Elternzeit gehen. Kinder sollten nicht mit dem Verzicht auf die Karriere gleichgesetzt werden.“

 

Förderprojekte als Chance

 

Das Prodekanat für akademische Entwicklung und Gender versucht mit verschiedenen Maßnahmen, die Familienfreundlichkeit an der Uniklinik zu fördern. Ein Projekt des Dekanats sind Familienförderstellen. Dabei wird eine Ärztin oder ein Arzt für ein Jahr von Schicht- und Wochenenddiensten befreit, um sich um die Kinder kümmern zu können. Die Klinik erhält im Gegenzug Geld vom Dekanat oder vom Vorstand. Mit diesem Geld soll entweder eine neue Stelle finanziert oder die Überstunden der anderen Mitarbeiter*innen bezahlt werden.

 

Ein anderer Ansatz ist Jobsharing bei Führungskräften. Bei diesem Modell teilen sich zwei Personen einen Chefposten. „Es heißt immer, dass Führungspersonen nicht in Teilzeit arbeiten können. Wir versuchen herauszufinden, welche Klinik offen dafür wäre, das Jobsharing-Modell auszuprobieren“, sagt Agnes Wojtacki. Gemeinsam mit Chirurginnen der Uniklinik organisiert das Prodekanat außerdem die „Perspektive Chirurgie“. Ziel des Projekts ist es, Frauen zu ermutigen, Chirurgin zu werden. Claudia Fuchs ist ebenfalls Teil des Projekts: „Ich habe zwar nicht so viele Muskeln wie ein Mann. Aber vielleicht habe ich mehr Technik oder mehr Köpfchen und kann das damit wettmachen. Die Muskelkraft ist in unserer super technisierten Welt nicht entscheidend.“

 

Die Maßnahmen des Prodekanats scheinen jedenfalls bereits zu wirken: In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Anteil der Professorinnen an der Uniklinik Köln bereits um rund fünf Prozent erhöht. Das ist ein erster Schritt, doch der Wandel geht noch zu langsam voran: Ginge es in diesem Tempo weiter, wäre die Gleichstellung von Mann und Frau in etwa 70 Jahren erreicht. Und so lange wollen die Kölner Ärztinnen nicht mehr warten.

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