Frauen, die in Deutschland abtreiben, erfahren noch immer Ablehnung und Hass – und handeln sogar rechtswidrig. Selbst unter Studierenden ist Toleranz nicht die Regel. Warum eine Neuauflage der Abtreibungsdebatte überfällig ist.

 

„Rationalität ist in dieser Diskussion leider völlig außen vor. Die existiert nicht.” Nele* sitzt auf der Wiese zwischen Mensa und Hauptgebäude der Uni Köln. Sie rutscht nervös hin und her, rupft Grashalme aus, schlägt dann die Beine zu einem Schneidersitz übereinander. Nele ist 21 Jahre alt und hat abgetrieben. Sie erzählt offen von dieser Zeit. Scham empfindet sie keine.

 

Mit ihrer Entscheidung ist Nele nicht allein: Laut offiziellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes gab es in Deutschland im Jahr 2016 insgesamt 98.721 Schwangerschaftsabbrüche. Ein Viertel dieser Abtreibungen wurde bei Frauen zwischen 18 und 25 Jahren vorgenommen. Etwa 96 Prozent der Frauen, die sich für einen Abbruch entschieden haben, waren davor bei einer Schwangerschaftskonfliktberatung. Die ist in Deutschland per Gesetz vorgeschrieben und somit eigentlich Voraussetzung für einen medizinischen Eingriff. Die restlichen vier Prozent gaben an, aus medizinischen Gründen abgetrieben zu haben oder Opfer einer Vergewaltigung geworden zu sein und mussten deshalb vorher nicht zu einer Beratung.

 

Wenn das Leben eines Kindes endet, bevor es beginnt, können sich die werdenden Eltern schwer belastet fühlen. Aber ist deswegen auch jeder gewollte Schwangerschaftsabbruch belastend? „Nein“, meint Nele. Für sie war die Entscheidung zum Abbruch ein wichtiger Schritt, aber kein traumatisches Erlebnis. Jetzt möchte sie dem Thema seinen Schrecken nehmen. Die Studentin kritisiert, dass vor allem andere Frauen versuchen, ihr ein schlechtes Gewissen zu machen. „Wenn du sagst, du hast abgetrieben, dann bekommst du im besten Fall Mitleid. Wenn du aber zu deiner Entscheidung stehst, sind viele völlig entsetzt“, erzählt sie. Auf einer Party kam die junge Frau mit einer Studentin und angehenden Frauenärztin ins Gespräch. „Sie meinte zu mir, dass Abtreibungen unnötig seien. Wir hätten so viele Verhütungsmethoden und seien selbst schuld, wenn wir doch ungewollt schwanger werden.”

 

 

Paragraf 218

 

Für die 24-jährige Isabell* erklärt sich die mangelnde Toleranz vor allem durch die paradoxe gesetzliche Grundlage. Die junge Studentin wird vor drei Jahren während ihres Studiums in Holland ungewollt schwanger und treibt ab.  „Es ist Teil der Schikane, dass Abtreibungen bis heute nicht legal sind, sie werden bloß als Straftat nicht verfolgt“, sagt sie. Dreh- und Angelpunkt der Abtreibungsdebatte ist der Paragraf 218 des Strafgesetzbuches. Ab 1871 war jede Form des Schwangerschaftsabbruchs in Deutschland unter Strafe gestellt. Eine Abtreibung war nur aus medizinischen Gründen möglich. Erst die Aktivist*innen der in den 70ern aufkommenden Frauenbewegung störten sich an dem Gesetz. Sie forderten die Legalisierung jedes Schwangerschaftsabbruchs. Frauen sollte es möglich sein, straffrei abzutreiben.

 

1974 versuchten FDP und SPD deshalb, den Paragrafen so zu erweitern, dass Abtreibung als Straftatbestand abgeschafft gewesen wäre. Doch Mitglieder der CDU machten ihnen einen Strich durch die Rechnung. Sie sahen den Schutz des menschlichen Lebens gefährdet und klagten erfolgreich vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Reform. Doch die sozialliberale Koalition gab nicht auf, wandelte den Gesetzentwurf ab. Demnach sollten Abtreibungen zwar weiterhin einen Strafbestand darstellen, aber nicht verfolgt werden. Dafür musste eine Ärztin oder ein Arzt attestieren, dass eine Schwangerschaft aus medizinischen, ethischen oder sozialen Gründen nicht möglich sei. Die Frauenbewegung war mit dem Entschluss unzufrieden, da die Realität doch oft anders aussah: Viele Regionen Deutschlands waren zu dieser Zeit streng katholisch geprägt und untersagten Krankenhäusern und Ärzt*innen, schwangeren Frauen das nötige Attest auszustellen.

 

Erst Mitte der 90er folgte ein Kompromiss der verschiedenen Parteien, der durch das Schwangeren- und Familienhilfeänderungsgesetz besiegelt wurde. Seitdem ist eine Abtreibung zwar grundsätzlich rechtswidrig, in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft wird aber von einer Strafverfolgung abgesehen. Voraussetzung hierfür sind die Inanspruchnahme einer Beratung bei einer vom Land vorgeschriebenen Einrichtung und drei Tage Bedenkzeit nach dem Gespräch. Isabell fühlt sich wegen dieser Gesetzeslage „wie das Feindbild Nummer Eins.”

 

„Das Schwierige an dieser Gesetzgebung zur Schwangerschaftskonfliktberatung ist, dass es eigentlich einen widersprüchlichen Auftrag gibt“, sagt Sören Bangert. Er ist Leiter der Beratungsstelle von Pro Familia am Hansaring und kennt sich mit den Tücken des Paragrafen 218 aus. „Die Beratung soll auf der einen Seite dem Schutz ungeborenen Lebens dienen, auf der anderen Seite aber ergebnisoffen sein. Das widerspricht sich aus meiner Sicht inhaltlich“, sagt Bangert. Er versucht deshalb im Gespräch mit betroffenen Frauen grundsätzlich neutral zu bleiben.

 

Manipulation und Perspektiven

 

Isabells Beratung bei einer Stelle von Pro Familia in NRW verlief allerdings alles andere als sachlich. Die Frau, die sie berät, war gerade Oma geworden und hatte das Beratungszimmer mit Bildern ihres Enkelkindes bestückt. „Rückblickend war das richtig manipulativ”, findet Isabell. Für sie war ihre Entscheidung trotzdem klar: Ein Kind konnte sie nicht mit ihrem aktuellen Leben und dem Studium vereinbaren. „Die Beraterin ist dann ganz emotional geworden und hat angefangen zu weinen“, erzählt Isabell. Unter Tränen riet ihr die Beraterin: „Das Einzige, was Sie einem Kind schenken müssen, ist das Leben.“

 

Sören Bangert  kann über eine solche Beratung nur den Kopf schütteln. „Allein das Wort ‚müssen‘ würde mich schon stören“, sagt Bangert. Er selbst versucht jungen Frauen, gerade wenn sie studieren, eher eine finanzielle Perspektive aufzuzeigen, da sie oft das Gefühl hätten, dem Kind materiell nichts bieten zu können. Ein Problem hat er damit, wenn man versucht, anderen seine moralische Vorstellung aufzudrücken. „Man hat schnell das Klischee des naiven 16-jährigen Mädchens vor Augen, das nicht richtig aufgepasst hat“, sagt Bangert. Zu Unrecht: Nur bei zwölf Prozent der Schwangerschaftsabbrüche im Jahr 2016 waren die Schwangeren noch keine 20 Jahre alt. Dennoch leiden Frauen unter diesem Klischee. „Die schämen sich häufig dafür, weil sie denken, sie wären die Einzige, der so etwas in ihrem Alter passiert“, sagt Bangert.

 

Eine Scham, die durch Vorwürfe rigoroser Abtreibungsgegner*innen befeuert wird. In regelmäßigen Abständen meldet sich ein Mann bei der Pro Familia-Einrichtung, um die Angestellten davon zu überzeugen, dass Abtreibungen niemals vertretbar seien. In seinen Briefen vergleicht er Pro Familia mit einem Konzentrationslager. 2010 lässt er über 1000 kleine Embryofiguren aus Plastik anfertigen und verschickt sie an Briefkästen verschiedener Haushalte, Beratungseinrichtungen und Abtreibungskliniken. Der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet, dass der katholische Verein „Durchblick e.V.” für die Aktion verantwortlich gewesen sei.

 

Doch der Haupttreffpunkt für Abtreibungsgegner*innen ist mittlerweile das Internet. In verschiedenen Foren tummeln sich überzeugte Gegner*innen, die jede Möglichkeit nutzen, ihre Geschichte zu erzählen. Oft geht es darin um verzweifelte junge Frauen, die sich in einer ausweglosen Situation wähnten, aber inzwischen sehr zufrieden von ihrer Mutterschaft erzählen. Auch Nele stößt bei der Suche nach Informationen im Netz auf viel Feindseligkeit. Besonders die Seite abtreibung.de bleibt ihr im Kopf. Die Website gehört zu der Organisation „Lebenshelfer“. Hier wird auf den ersten Blick Unterstützung und Aufklärung angeboten. Als Nele genauer hinschaut, fallen ihr jedoch die wertenden Aussagen auf, von denen sie sich manipuliert fühlt.

 

So heißt es auf der Seite in der Beschreibung der Embryoentwicklung während der ersten zehn Schwangerschaftswochen: „Die Zahnknospen werden dort solange ruhen, bis sie rund sechs Jahre später an die Oberfläche drängen und für das niedliche Zahnlücken-Lächeln des Sprösslings verantwortlich sind.“

Inzwischen hat Isabell ein neues Studium angefangen und setzt sich in einer feministischen Gruppierung für eine Enttabuisierung des Themas unter jungen Mädchen und Frauen ein. Zusammen mit ihrem Verein möchte sie Frauen das Gefühl geben, nicht allein zu sein mit ihrer Geschichte. Auf Demos protestiert sie für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. „Erst, wenn Abtreibungen gesetzlich legal sind, kann ein Umdenken in der Gesellschaft stattfinden”, sagt die 24-jährige Studentin.

 

Auch Nele ist  für einen offeneren Umgang mit der Thematik ohne Mitleid und Vorwürfe. Stattdessen hofft sie darauf, dass das Thema irgendwann rational besprochen werden kann und fordert, „dass es möglich sein muss, als Frau ohne Schuldgefühle und legal abtreiben zu dürfen.“

 

*Namen von der Redaktion geändert

 

 

 

 

 

 

 

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