Von der Liebe zum Kulturgeräusch

In unserer Rubrik „Mitesser“ laden sich ksz-Autorinnen und Autoren bei Kölner Köpfen zum Essen ein. Doch der Klubbetreiber und Soziologe Heiko Rühl ist ziemlich beschäftigt. Bei einem stillen Wasser haben wir mit ihm über Stadtplanung und Klubsterben gesprochen.

 

ksz: Heiko, wäre das „Gewölbe“ ein Essen, was wäre es dann?

Heiko: Ein gutes Wiener Schnitzel. Es ist ein einfaches Essen, man muss es aber trotzdem richtig gut machen, damit es fein wird.

 

Es war nicht einfach, einen Termin mit Dir zu finden. Scheint, als hätten wir Deine letzte freie Stunde diese Woche bekommen. Schafft es ein Klubbetreiber überhaupt zu essen?

Heute habe ich bisher zwei Brötchen gegessen… vor allem in der Klubsaison beansprucht der Laden schon sehr viel Zeit. Darüber hinaus habe ich immer noch das ein oder andere Projekt am Laufen. Letztes Jahr hat beispielsweise unsere Studie zur lokalen Klub- und Veranstalterszene in Köln viel Beachtung bekommen. Momentan erarbeite ich ein Konzeptpapier, um die Kulturarbeit von Musikspielstätten und Veranstaltern von städtischer Seite stärker zu unterstützen. Zum Ende des Jahres evaluiere ich, wie die Situation für Proberäume in Köln ist.

 

Findest Du bei so viel Arbeit noch Zeit, feiern zu gehen?

Ausgehen funktioniert für mich tatsächlich am besten außerhalb von Köln. Ganz prima geht das beispielsweise in Amsterdam oder Berlin.

 

Und dennoch setzt Du dich für die Kölner Szene ein?

Selbstverständlich. Durch meine Arbeit hier bin ich auf der einen Seite Teil dieser Szene und sehe es deshalb auch als meine Aufgabe an, mich für die Belange von Klubs und Veranstaltern auch auf politischer Ebene stark zu machen. Meine Tätigkeit im Gewölbe übe ich aus Leidenschaft aus und erfreulicherweise gibt es ausreichend Gäste, die das wertschätzen. Das motiviert mich natürlich, mein Engagement auch grundsätzlich für Musikspielstätten einzubringen.

 

Mit dem Verein „Klubkomm“ fordert Ihr bei Stadt und Verwaltung, dass sie sich mehr für die Musikklubs einsetzen müssen. Eine Grundlage für Eure Forderungen war die Studie, die Du schon angesprochen hast. Warum ist das so wichtig?

Köln ist eine Musikstadt. Es gibt ein unglaublich großes Angebot an Spielstätten mit verschiedenen musikalischen Genres – ähnlich wie in Berlin. Und das tagtäglich. Das sollten Stadt und Politik stärker als bisher nutzen, um Köln als urbane Metropole zu positionieren. Daher fordern wir – insbesondere auf lokaler Ebene – mehr Anerkennung und Unterstützung für diese Kulturarbeit, die sich gerade nicht am Mainstream orientiert. Vor allem junge Bands und Künstler brauchen kleine Spielstätten in der Stadt für ihre ersten Gehversuche als professionelle Künstler. Daher müssen diese Orte stärker gefördert und geschützt werden.

 

Auch am Beispiel größerer Klubs wie dem „Jack In The Box“ ist aber erkennbar, dass die Entwicklung der Stadt der Szene einen Strich durch die Rechnung macht...

Ja, dieses Beispiel zeigt, wie im Zuge der Stadtentwicklung ein kultureller Akteur – der diese Ecke Ehrenfelds erst belebt und interessant gemacht hat – am Ende den Kürzeren zieht. Selbstverständlich ist klar, dass die Nachfrage und der Bedarf an neuem Wohnraum immens ist in einer Stadt wie Köln. Im Fall des Jack In The Box-Geländes hatten die verschiedenen Akteure, die am Entwicklungsprozess des Güterbahnhofareals beteiligt sind, eine  Absichtserklärung abgegeben, sich für den Erhalt einzusetzen. Das Jack In The Box gibt es nun nicht mehr. Das ist sehr schade. Hier wird deutlich: Weil der Stadtteil Ehrenfeld eine Aufwertung erfahren hat, konnten die Pioniere dem ökonomischen Druck nicht mehr standhalten und mussten den Standort aufgeben. Hier fordern wir ein Umdenken von der Stadt, solche Flächen zu erhalten oder Alternativstandorte anzubieten.

 

Und wie schafft man das Miteinander von Wohn- und Kulturraum zu realisieren?

Das beginnt in unseren Köpfen. Wir sollten uns überlegen, wie wir als Stadtgesellschaft in einem urbanen, dicht besiedelten Raum miteinander klarkommen können. Im Grunde ist doch der Konsum von kulturellen Inhalten, wie einem Konzert mit Live-Musik, so etwas wie Naherholung. Dafür will ich doch nicht an den Stadtrand fahren. Und es darf nicht sein, dass neue Bewohner in unmittelbarer Nachbarschaft zu Musikspielstätten auf der einen Seite dieses urbane Lebensgefühl und die dazugehörigen Angebote konsumieren möchten und gleichzeitig erwarten, dass abends ab 22 Uhr eine dörfliche Ruhe herrscht. Diese Kulturgeräusche sind Teil der Stadt.

 

Naja, aber vielleicht hat nicht jeder Lust auf „Kulturgeräusche“ – wie Du das nennst, oder?

Ganz egal, in welchem Alter die Menschen sind – man braucht in einer Stadt Orte der Begegnung und Auseinandersetzung, damit künstlerisch und gesellschaftlich etwas passiert. Ich persönlich möchte genauso auf ein Hip Hop Konzert wie auch in die Oper gehen können. Genau diese Bandbreite an kulturellen Angeboten macht für mich das Leben in der Großstadt aus.

 

In Großbritannien gibt es mittlerweile ein Gesetz, nach dem Investoren Musikspielstätten in ihre Planung miteinbeziehen und für zusätzlich notwendigen Schallschutz finanziell aufkommen müssen. Ist das auch in Deutschland denkbar?

Ähnliche Auflagen sind auch in Deutschland denkbar, es scheitert nur allzu oft an der Umsetzung beziehungsweise daran, ausreichenden Druck auf Investoren auszuüben. Ein positives Beispiel in Köln ist das „Gebäude 9“. Der Erhalt dieser bundesweit bekannten Spielstätte gelang durch das Zusammenspiel aus lokaler Politik und insbesondere auch einem offenen Investor, der den Wert dieser Kulturstätte erkannt hat und die notwendigen, zusätzlichen Schallschutzmaßnahmen auch finanziell mitträgt. Dieser Fall ist jedoch bisher eher die Ausnahme als die Regel.

 

Für wie realistisch hältst Du es, dass Ihr mit Euren Forderungen zum Erhalt und Schutz von Musikspielstätten in Köln Erfolg haben werdet?

Das ist sicherlich ein dickes Brett, was es zu bohren gilt. Es wird nur gelingen, wenn wir uns in der lokalen Politik und Verwaltung Gehör verschaffen können. Vor allem die Politik ist hier gefragt, ein klares Bekenntnis zur Musikstadt Köln zu formulieren. Wenn diese Aufmerksamkeit gegeben ist, wird sich im Zuge künftiger Stadtentwicklungsmaßnahmen sicherlich mehr Positives für die kulturelle Szene umsetzen lassen.

 

Was kann der oder die Einzelne tun, um ein Klubsterben zu verhindern?

Proaktives Engagement ist das A und O. Petitionen sind ein wichtiger Punkt. Sei es bei Bürgerinitiativen für das Heliosgelände oder für den Güterbahnhof Ehrenfeld. Als Bürger hat man das Recht und die Pflicht, sich in Stadtentwicklungsmaßnahmen einzumischen. Zum anderen hilft den Spielstätten selbst natürlich am meisten, wenn man ihre Angebote regelmäßig nutzt, damit diese auch wirtschaftlich überleben können. Dadurch kann man aktiv helfen, Frei- und Kulturräume auch für die Zukunft zu bewahren.

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October 10, 2019

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