Achtung, Testosteron!

Wer mit „falschem“ Hormonhaushalt zum Frauenarzt kommt, kann sich auf was gefasst machen: Die Pille. Unsere Autorin macht da nicht mit – und lässt sich lieber einen Bart wachsen.

 

Meine Frauenärztin erzählt mir, dass ich zu viele männliche Hormone habe. Sie kann das an einem feuchten Wattebäuschchen ablesen; frisch entnommen aus der weiblichsten Stelle meines Körpers. Ist das nun eine Diagnose wie „Sie haben Würmer“? Habe ich zu viele Eier gegessen oder es mit dem „Pumpen“ im Fitnesscenter übertrieben? Habe ich mir zu viele Pornos reingezogen und mir zu sehr gewünscht, Sex mit einer Frau zu haben? Habe ich meine Weiblichkeit verloren?

Wenn ich so zurückdenke, war ich schon immer etwas Mann. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich lieber Boxershorts als String trug, lieber mit den Jungs skaten ging, als ihnen Liebesbriefe mit komplizierten Falttechniken zu schreiben. Meine Friseurin weigerte sich damals, mir einen Kurzhaarschnitt zu verpassen, weil ich sonst so „burschikos” aussehen würde. Erst vor Kurzem hat mich ein kleiner Junge gefragt, ob ich ein Mann oder eine Frau sei.

 

Ich schließe meine Beine, während die Ärztin ihre Instrumente reinigt. In der Umkleidekabine betrachte ich die vor mir stehende, halbnackte Person. Mein Blick wandert vom blassen Gesicht über das Iron Maiden Girlie T-Shirt bis hinunter zur entblößten Intimzone. Bin ich männlicher als ich dachte? Ich erinnere mich an Zeilen aus der Autobiografie von Kim Gordon. Sie schreibt, dass sie sich ihrer Weiblichkeit nicht andauernd bewusst war. Eigentlich habe sie sich nie explizit feminin gefühlt, es sei denn, sie habe High Heels getragen – und dann eher wie ein Transvestit. Meine Hände verdecken meine Scheide, so als ob ich dort etwas Größeres verbergen wollte.

 

Während sich meine Weiblichkeit immer mehr in Luft aufzulösen scheint, hämmert die Ärztin auf der 

Computertastatur. Ganz beiläufig meint sie: „Ich verschreibe ihnen die Pille. Nicht, dass Ihnen durch den Testosteronüberschuss noch ein Bart wächst.“

 

Und was, wenn mir ein Bart gefallen würde? Wer sagt, dass nur Männer Bärte tragen, wenn mir als Frau auch einer wächst? Vielleicht wachsen mir wegen der ganzen männlichen Hormone auch noch ein Penis und zwei hübsche Hoden? Mich durchströmt ein Gefühl von Entschlossenheit, meiner Männlichkeit Raum zu geben.

 

„Was treiben Sie so lange in der Kabine?”, fragt die Ärztin. Schnell schlüpfe ich in meine Röhrenjeans und bekomme den Knopf kaum geschlossen. Ich springe hinter dem Vorhang hervor und fühle mich wie Superman, nachdem er sich in seiner Telefonzelle umgezogen hat. „Behalten sie Ihre Pille. Ich nehme den Bart.“

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