Was von Polen übrig bleibt

Unsere Autorin Sylvia hat ihren Master in Polen begonnen – mit einem unguten Bauchgefühl. Die polnische Politik und Gesellschaft scheinen immer nationaler, antieuropäischer, konservativer zu werden. Doch woran liegt das? Eine Spurensuche.

“Ich ziehe für meinen Master nach Breslau.”

“Ach, Polen? Stört dich die politische Lage dort nicht?”

Dumme Frage, würde ich gerne antworten. Doch, natürlich stört sie mich. Aber so einfach ist das leider nicht.

 

Herbst 2017, inzwischen bin ich in Breslau. Ich stehe in der Schlange der Supermarktkasse. Die Kassiererin im Discounter beschuldigt den dunkelhäutigen Mann vor mir, sich die teureren Bio-Bananen erschleichen zu wollen. Ich schaue auf die Bananen, die ich selbst aufs Band gelegt habe und kann keinen Unterschied zu seinen erkennen. Der Mann versucht sich zu verteidigen, hat aber nicht nur wegen seines gebrochenen Polnisch keine Chance gegen die Kassiererin. Er verlässt den Laden – ohne die Bananen. Die Kassiererin wendet sich mit einem Lächeln im Gesicht mir zu. Das „Hallo“ bleibt mir im Halse stecken. Doch selbst wenn ich der Kassiererin in diesem Fall vielleicht Unrecht tue: Zeitungsartikel, Graffiti, Posts auf Facebook und sogar Äußerungen von Regierungsmitgliedern lassen ein erschreckend einheitliches Bild entstehen: Menschen anderer Hautfarbe, anderer Religion und aus einer anderen Kultur sind in Polen nicht erwünscht.

 

Das ist nicht das Polen, welches ich von meiner polnischen Mutter und dem Rest der Familie kenne – ein herzliches, neugieriges und gastfreundliches Land, das ich bis vor einiger Zeit hauptsächlich mit lustigen Familienfeiern und Pierogi (dem polnischen Nationalgericht schlechthin) verband.

 

Der Aufstieg der PiS

 

Wie wenig ich doch eigentlich von diesem Land wusste, machten mir die Parlamentswahlen 2015 klar. Die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) konnte damals knapp 38 Prozent der Sitze gewinnen, ihr Spitzenkandidat Andrzej Duda errang bei den Präsidentschaftswahlen im Mai des gleichen Jahres ebenfalls den Sieg. Die Polinnen und Polen hatten gewählt: Nationalismus, Katholizismus, EU-Skeptizismus, Populismus und eine gute Portion antideutscher Ressentiments. Seit den Wahlen hat die PiS kaum an Zustimmung verloren.

 

„Gott, Ehre, Vaterland!“, „Wer seinem Vaterland dient, dient sich selbst!“, „Polen den Polen!“ – Die Slogans, die man auf den Demos der rechtspopulistischen polnischen Patriot*innen hört, kann man auch im Internet gut nachlesen und sie sind denen der deutschen Nationalist*innen ziemlich ähnlich. Die selbsternannten Verteidiger*innen der polnischen Ehre, Kultur, Nation und Freiheit sind sich sicher, dass Polen ohne sie längst verloren wäre. Es gilt, das geliebte Land vor den Anderen - die Feinde der Nation wechseln - zu beschützen. Dafür ist kein Wort zu groß und jedes Pathos gerechtfertigt. Auf Seiten der Nationalist*innen reibt man sich die Augen ob der Dummheit der „Linken“: Sehen die denn nicht, dass Polen unterwandert und dominiert wird? Dass hier schlimme Dinge passieren und dass Muslime bald das Land übernehmen, wenn man sie lässt? Und wenn nicht die, dann die Juden! Das ist kein Vorurteil, sondern Fakt! Je tiefer man in den Foren und Kommentaren gräbt, desto verquerer werden die Behauptungen. Das Problem ist, dass viele von ihnen auch Einzug in den öffentlichen Diskurs gefunden haben und in Zeitschriften und Magazinen mit großer Reichweite diskutiert werden. Eine bekannte Publikation ist „W Sieci Prawdy“, die im Herbst dieses Jahres (Ausgabe 45/2017) einen Artikel über das herannahende „deutsche Kalifat“ veröffentlichte.

 

Auch über Deutschland kursieren also wilde Geschichten. Eine polnische Bekannte, die in Hamburg arbeitet, erzählt mir, dass ihre Familie sich Sorgen um sie mache. Schließlich lebe sie im gefährlichen Deutschland, einem Land, in dem man als junge Frau wegen der vielen übergriffigen Muslime nicht mehr alleine auf die Straße gehen könne. Erst ein Besuch ihrer Schwester konnte die Familie beruhigen.

Oft werden auch Vergleiche zwischen dem Dritten Reich und dem Deutschland von heute gezogen, indem Bilder aus dem zweiten Weltkrieg heraufbeschworen werden. Bundeskanzlerin Merkel mit Hitler zu vergleichen, ist nicht nur in der Türkei in Mode.

 

Jung und rechts

 

Besonders auffällig dabei: die vielen jungen Polinnen und Polen, die online und offline ein Teil dieser Bewegung sind. Sie sammeln sich in Gruppen wie der „Gesamtpolnischen Jugend“ („Młodzież Wszechpolska“), die in den letzten Jahren enormen Zulauf gehabt hat und unter anderem eine der Hauptorganisatoren der Aufmärsche zum diesjährigen Unabhängigkeitstag war. Sind nicht die jungen Menschen in einer Gesellschaft normalerweise deren progressive Vorreiter*innen? In gewisser Weise ist genau das in Polen der Fall. Gerade diese jungen Menschen nehmen sich selbst als diejenigen wahr, die gegen das ganze korrupte und ehrlose politische System aufbegehren müssen.

 

Teil dieses Systems ist ihrem Verständnis nach auch die Vorgängerregierung, und seit neuestem sogar der Nationalheld Lech Wałęsa. Er sorgte in den Achtzigerjahren als Anführer der Gewerkschaft Solidarność für den friedlichen Systemwechsel und wird dafür in Polen bis heute verehrt. Er war auch der erste frei gewählte Präsident Polens nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems. Heute wird er beschuldigt, damals ein Spitzel der Sowjets gewesen zu sein und sich auf Kosten der Polinnen und Polen bereichert zu haben. Am Beispiel der Wahrnehmung seiner Person zeigt sich, wie tiefgreifend der Wandel ist, der im Land stattgefunden hat.

 

Momentan ist Jarosław Kaczyński die zentrale politische Persönlichkeit in Polen. Offiziell ist er nur Vorsitzender der Regierungspartei PiS, tatsächlich hat er jedoch einen erheblichen Einfluss auf die Premierministerin und den Präsidenten. Seine persönlichen Vorstellungen formen maßgeblich die Linie der Partei und der Regierung. Auf eine Rüge der EU-Kommission hinsichtlich der Reform des polnischen Verfassungsgerichts und anschließende Kritik im eigenen Land reagierte Kaczyński unwirsch: „Es gibt in Polen diese fatale Tradition des nationalen Verrats. [...] Das ist sozusagen in den Genen mancher Leute, dieser schlechtesten Sorte von Polen, nun und diese schlechteste Sorte ist in diesem Moment außerordentlich aktiv, weil sie sich bedroht fühlt.“ Die schlechteste Sorte von Polen – gemeint sind die Kritiker*innen der Partei PiS und der Regierung. Kaczyński beschwört hier unverblümt eine Spaltung der Gesellschaft herauf – und weite Teile der Bevölkerung nehmen diese willig an. Auch die angesprochene „schlechteste Sorte“ Polen hat sich diesen Begriff in einem Akt typisch polnischen Humors angeeignet. In einigen Kreisen ist die Bezeichnung schon zur Auszeichnung avanciert; ein Signal an alle, dass man sich von den anderen Polinnen und Polen deutlich abhebt und mit ihnen nichts zu tun haben will. Der Spruch „Jestem gorszego sortu“ („Ich gehöre zur schlechten Sorte“) findet sich in Memes, auf T-Shirts und allen möglichen anderen Gadgets wieder.

 

Ist von „meinem“ Polen also noch etwas übrig? Ich glaube ja. Dem politischen Diskurs ist ohne Zweifel Objektivität und guter Wille verloren gegangen, und das auf allen Seiten. Ein großer Teil dieser fehlenden Objektivität geht aber darauf zurück, dass unter der Oberfläche der polnischen Seele immer noch Emotionen schlummern, die nie hinterfragt wurden und sich jetzt auf chaotische Weise Bahn brechen. Es geht um verletzten Nationalstolz und das alte Misstrauen gegenüber den deutschen und russischen Nachbar*innen, von denen man mit Blick auf die Vergangenheit nur das Schlechteste erwartet. Das gilt nicht nur für die Ultranationalist*innen, sondern auch für ganz durchschnittliche Polinnen und Polen. Und die Regierung weiß, welche Knöpfe sie drücken muss, um diese Emotionen zu aktivieren. Eine reales Bedrohungsszenario braucht sie dafür nicht.

 

Manchmal, wenn ich wieder Sehnsucht nach „meinem“ Polen habe, fahre ich zwei Stunden weiter in den Osten zu meiner Familie. Bald findet dort wieder eine Feier statt – und ich weiß, dass zumindest dort noch alles beim Alten ist.

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October 10, 2019

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