„Unsere Videos sollen noch lustig sein, wenn Erdogan und Trump längst vergessen sind“

In unserer Rubrik „Mitesser“ laden sich ksz-Autor*innen bei Kölner Köpfen zum Essen ein. Diesmal erzählen Florentin Will und Katjana Gerz, wie sie mit ihrem Sketchformat auf Youtube durchstarten wollen – und warum sie ihre Zuschauer*innen lieber zum Pinkeln als zum Nachdenken bringen.

ksz: Jan Böhmermann hat das Kebapland in Ehrenfeld bundesweit berühmt gemacht. Habt Ihr eine kulinarische Agenda?

 

Katjana Gerz: Ja, wir versuchen, Lidl ganz groß zu machen und kaufen normalerweise dort immer unser Mittagessen.

Florentin Will: Zu Kebapland gehen nur die hohen Herren vom „Neo Magazin Royale“.

 

Auf Deinem Instagram-Account, Florentin, findet man Fotos von kulinarischen Spezialitäten wie Mettwurst auf dem Sandwichmaker. Ihr habt uns hier in ein relativ gediegenes indisches Restaurant eingeladen. Was von beiden ist mehr Show?

 

Florentin: Ich bin ja seit Anfang des Jahres vegan. Die Mettwurst-Phase habe ich hinter mir gelassen.

 

Klingt tragisch.

 

Florentin: Das war eine wunderschöne Zeit, der ich auch manchmal hinterherweine. Ich nenne das meine Fett-Phase, weil ich wirklich jeden Tag eine halbe Sahnetorte gegessen habe. Aber mein Arzt hat gesagt, ich esse zu viel. Seitdem bin ich zähneknirschend ein bisschen erwachsener geworden.

Katjana: Hat er gesagt, du bist zu fett?

Florentin: Ich glaub’, er hat es medizinischer ausgedrückt. Aber ich habe ihn schon verstanden, denn ich wurde lange genug gemobbt. Ich kenne eure Tricks!

 

Schon mal vegane Mettwurst probiert?

 

Florentin: Man kann das ja selber machen, wenn man Reiswaffeln in Wasser einlegt. Die saugen sich dann voll und haben dann eine ähnliche Konsistenz wie Mettwurst. Aber vegane Mettwurst ist nicht lustig, darum würde ich das nicht auf Instagram posten. Mir geht es hauptsächlich um den humoristischen Effekt.

 

Darum geht es auch auf Eurem Youtube-Kanal „Gute Arbeit Originals“, den Ihr seit vergangenem Jahr mit der Kölner „Bild- und Tonfabrik“, die auch hinter dem „Neo Magazin Royale“ steht, produziert. Ihr macht da Sketch-Comedy zu allen möglichen Themen. Was war bisher Euer bestes Video?

 

Katjana: Ganz klar unser erster Sketch, Bronch.

Florentin: Sie spricht da das Wort Brunch falsch aus. Das ist unser Vorzeigesketch, an dessen Genie wir nie wieder rangekommen sind. Alle dachten da: „Oh, das ist ja ein richtig cooles Ding, mal gucken, was da noch kommt.“ Aber wir wurden seitdem immer schlechter.

 

Finanziert wird Euer Kanal von „Funk“. Die Jugendplattform von ARD und ZDF soll „Informieren, Orientieren und Unterhalten“. Was ist Euer Anspruch?“

 

Katjana: Außer lachen? Vielleicht dabei ein bisschen pinkeln?

Florentin: Nee, sag mal, was ist sonst noch unser Anspruch?

Katjana: Ablachen, ähm... Uns wunderschön finden...

Florentin: Ich habe einen kleinen Crêpeladen und brauche schöne Bilder von unseren Drehs, die ich dort aufhängen kann.

 

Also kein öffentlicher Bildungsauftrag bei „Gute Arbeit Originals“?

 

Florentin: Ich glaub’, wir wollen nur lustige Sachen machen. Damit es sich besser verbreitet, heißt es zu uns oft: „Macht doch mal etwas über Sexismus oder über irgendwelche gesellschaftlichen Themen und so“…

Katjana: ...argh...

Florentin: Wir sehen natürlich auch, dass solche Dinge gut geklickt werden. Denn starke Meinungen polarisieren. Aber wir haben im Gegensatz zum „Neo Magazine Royale“, wo der satirische Aspekt ganz stark ist, keine Meinungen oder Messages, die wir verbreiten wollen. Wir wollen Sketche machen, die auch in 20 Jahren noch lustig sind, wenn man Erdogan und Trump längst vergessen hat. Sketche, von denen man sagen kann: Die haben Comedy wirklich vorangetrieben in Deutschland.

 

Manche sagen auch, dass politische Inhalte neben den Beauty-Blogs und Gaming-Channels auf Youtube nicht funktionieren. Sind Eure Videos deshalb, naja, etwas seichter?

 

Florentin: Doch, das würde schon funktionieren. Man muss sich nur dem Youtube-Publikum anpassen. Also feingeschliffene AfD-Kritik geht weniger gut, als einfach auf die Meinungstube zu drücken. Wenn man offensichtliche Dinge sagt, wie, „Ah, da ist eine Bombe explodiert, wie scheiße ist das denn“, dann sind da alle dahinter. Auch das „Neo Magazin Royale“ wird ja viel über Youtube geguckt und da laufen die politischen Sachen immer richtig gut. Unser Konflikt bei „Gute Arbeit Originals“ ist nur, ob wir so etwas machen können, ohne unseren eigenen Stil zu verlieren.

 

Aber warum? Du hattest ja sogar mal eine institutionelle politische Karriere gestartet. Du hast für die Grünen bei der Kommunalwahl in Bayern kandidiert.

 

Florentin: Das war nur ein Dienst an der Familie. Meine Mutter ist im oberbayrischen Ebersberg Stadträtin für die Grünen. Wenn in Kommunen gewählt wird, müssen die Parteien ihre Wahllisten füllen. Deshalb nehmen die Politiker immer ihre Familien mit auf die Liste und dann stand ich da halt auch mal mit drauf. Aber ich bin weder Mitglied bei den Grünen, was mir oft unterstellt wird, noch habe mit der Partei inhaltlich zu tun gehabt. Das satirische, tagesaktuelle liegt mir auch nicht so hundertprozentig, wie man ja beim „Neo Magazin Royale“ gemerkt hat. Da habe ich mich auch nicht mit Themen wie der AfD oder dem nächsten Despoten beschäftigt.

 

Dabei liefert gerade Donald Trump Satirikern derzeit fast täglich Steilvorlagen. Katjana, brennt’s dir da nicht unter den Nägeln? Du hast ja auch die amerikanische Staatsbürgerschaft.

 

Katjana: Nee. Ich würde sagen, wenn wir einen uniquen Weg finden, uns auszudrücken, dann würden wir auf jeden Fall auch politische Sketche machen. Aber ich habe das Gefühl, da gibt es schon so viele witzige Sachen, dass es schwer ist, da reinzukommen und zu sagen: Wir haben noch mal etwas ganz anderes.

 

Ihr habt durchschnittlich 40.000 Views pro Video. Dagi Bee beispielsweise kommt mit ihren Filmen auf Youtube regelmäßig in den Millionenbereich. Wie zufrieden seid Ihr mit Euren Klickzahlen?

 

Katjana: Wir wollen auf jeden Fall noch mehr Klicks haben, deshalb machen wir auch das Interview mit Euch.

Florentin: Ich finde es okay. So etwas muss langsam wachsen. Als das „Neo Magazin Royale“ und die „Heute Show“ ihre Kanäle aufgemacht haben, hatten die ähnliche Zahlen.

 

Funk hat ein Jahresbudget von 45 Millionen Euro…

 

Katjana: What? 45 Millionen?

 

…Ja. Wie viel davon habt Ihr?

 

Katjana: 40.

Florentin: (Lässt das Besteck fallen.) Tschuldigung… Ich glaube nicht, dass wir das sagen dürfen. Aber ich denke, wir sind das teuerste Projekt.

 

Setzt Euch das unter Druck oder spielen Klickzahlen bei gebührenfinanzierten Youtubekanälen eh keine Rolle?

 

Florentin: Ja, natürlich haben wir Druck. „Funk“ hat schon recht konkrete Vorstellungen, zum Beispiel was Wachstum angeht. Wir versuchen uns damit nicht allzu sehr zu beschäftigen, sondern wollen vor allem das machen, worauf wir Bock haben. Aber es kann natürlich auch sein, dass das Projekt irgendwann wieder eingestellt wird, wenn gewisse Zahlen nicht erreicht werden. Das wissen wir auch. Dann muss ich vielleicht irgendwann wieder zurück zum „Neo Magazin Royale“ kriechen. Mal schauen.

 

Als wir uns durch Eure Videos geklickt haben, mussten wir kurz an die in den 80er Jahren sehr erfolgreiche ARD-Serie Sketchup denken. Seid Ihr die Iris Berben und der Dieter Krebs des Internets?

 

Florentin: Ich weiß es nicht, ich habe eine grobe Vorstellung davon, wer das ist. Dieter Krebs, war das der, der so Witze erzählt hat?

Katjana: Ah warte, doch, Iris Berben kenne ich.

Florentin: Noch vor Loriot oder danach? Nee, ich weiß es nicht. Mit Comedy-Klassikern kennen wir uns beide glaube ich nicht so gut aus. Unsere Vorbilder sind auch eher zeitgenössisch.

 

Zum Beispiel?

 

Florentin: Eric André und Louis C.K. aus den USA.

Katjana: Oder Karl Valentin. Können wir den auch nehmen, Florentin?

Florentin: Ja, das geht auch.

 

Katjana, Du hast, anders als Florentin, vorher weniger Comedy gemacht, sondern unter anderem bei den ZDF-Serien Notruf Hafenkante und Soko Wismar mitgespielt. Die logische Konsequenz wäre Rosamunde Pilcher gewesen. Warum ist es anders gekommen?

 

Katjana: Ach, die Sachen sind ja schon einige Jahre her. Obwohl, eigentlich mache ich das immer noch. Also Telenovela und so.

 

Was genau?

 

Florentin: Nochmal Notruf Hafenkante?

Katjana: Nee, Großstadtrevier mach‘ ich jetzt. Noch mal so ein kleines Filmchen, weißte?

Florentin: Ahja, Großstadtrevier, klar.

Katjana: Rosamunde Pilcher hätte eigentlich kommen sollen, aber ich hab‘ mir dann gesagt, diesen Weg will ich nicht einschlagen. Bei Dahom ist Dahom hab‘ ich noch mitgespielt…

Florentin (spricht herkunftsbedingt fließend bayrisch): Dahoam is Dahoam, meinst du.

 

Eine Vorabend-Soap des Bayerischen Rundfunks, die in einem Dorf in Oberbayern spielt…

 

Katjana: Ja, genau. Danach wurde mir ein Zweijahresvertrag am Theater in Jena angeboten …da hab‘ ich mir gedacht: Erst Dahoam und Dahoam und jetzt Jena? Nee, fuck it und bin nach New York gezogen. Dort hab‘ ich dann bei einer Episode der US-Serie Law and Order mitgespielt.

 

Katjana war in den USA, Du hast in München Philosophie studiert, Florentin. Warum hast Du das nach drei Semestern wieder abgebrochen?

 

Florentin: Weil Frank Elstner mich angerufen und gefragt hat: „Hey, willst du nicht Fernsehstar werden?“ Ich hab‘ gesagt, „Ja, jetzt direkt?“ Und dann bin ich halt auf der Stelle zu ihm nach Berlin gefahren, so mit dem Fahrrad.

 

Der Umzug von München nach Berlin fällt vielen auch mit weniger glamourösen Aussichten vermutlich eher leicht. Katjana, Du hast mal in einem Video gesagt, Du würdest vorerst gerne in Köln bleiben statt in die USA…

 

Katjana: War das mein Fazit? Ich glaube das Fazit war eher: Ich geh‘ wieder.

Und wir dachten schon, wir hätten Deine Liebe zu Köln entdeckt.

Katjana: Ihr wollt unbedingt, dass ich es sage, oder? Na gut: Ich liebe Köln.

Florentin: So, dann ham‘ wir es jetzt (haut mit der flachen Hand auf den Tisch).

 

Wart Ihr mal an der Uni in Köln?

 

Florentin: Ja, einmal.

 

Und wie war es?

 

Florentin: Großartig, war richtig gut. Richtig gutes Gebäude, gut angebunden, fantastisch. Ich habe direkt ein Parkplatz in der Nähe gefunden. Toll. Stabiles Gebäude...

Katjana: … Würdest Du es weiterempfehlen?

Florentin: Ich würde es weiterempfehlen. Saubere Fenster. Ich bin zufrieden, völlig zufrieden. Stabiles Gebäude.

 

Youtuber in Köln können oft kaum noch auf die Straße gehen, weil sie von Horden verrückter Teenies verfolgt werden. Wie ist das bei Euch, werdet Ihr erkannt in Köln?

 

Katjana: Ja, aber wegen Soko Wismar.

Florentin: Bei uns ist es nicht so krass wie bei anderen Kölner Youtubern. Letztens am Hauptbahnhof habe ich Andre von Apecrime gesehen. Er war komplett vermummt und trug Sonnenbrille und Cap, um nicht erkannt zu werden. Er ist Longboard gefahren und hinter ihm kam wie so ein Zombie-Schwarm eine ganze Schar Fans, vor denen er geflohen ist. Ich glaube, deswegen haben Youtuber auch immer ein Longboard dabei, um besser vor ihren Fans fliehen zu können. Die Fans haben ja auch so Netzwerke, wo alle ihre Posten haben und sich gegenseitig sofort Bescheid geben, wenn irgendwo ein Youtuber auftaucht. Die sind besser organisiert als der KGB.

 

Profitiert Ihr von der großen Youtuber-Szene in Köln?

 

Florentin: Nee, wir haben mit denen auch nicht so viel zu tun. Wir sind nicht so in der Youtube-Welt, wir ham‘ unser eigenes Youtube. Wir ham‘ das coole Youtube.

 

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October 10, 2019

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