Ritalin, Modafinil und Co.: Jede*r fünfte Studierende kann sich vorstellen, leistungssteigernde Substanzen im Studium zu nehmen. Wir haben mit Studierenden darüber gesprochen, was sie dazu bewegt.

 

„Ich habe Ritalin probiert, weil ich wissen wollte, wie es sein würde, mehr leisten zu können”, sagt Nadina* und nimmt einen Schluck von ihrem Eiskaffee. Sie wirkt weder nervös noch angespannt. Über ihren Konsum zu sprechen, fällt ihr nicht schwer. Die 24-Jährige kommt ursprünglich aus Indien, lebt seit ein paar Jahren in Deutschland und macht gerade ihren Doktor in Physik an der Uni Bonn. Ritalin ist nicht die einzige Droge, die Nadina bereits ausprobiert hat. „Ich war schon immer neugierig herauszufinden wie mein Gehirn funktioniert”, erzählt die Studentin.

 

Glaubt man einer Mainzer Studie aus dem Jahr 2013, ist Nadina nicht allein mit ihren Erfahrungen. Diese fand heraus, dass ein Fünftel der Studierenden Medikamente und Drogen nutzt, um die Leistung im Studium zu steigern.  Seitdem wurde in vielen Medien über Selbstoptimierungswahn und Leistungsdruck im Studium diskutiert. „Die Faktoren, die die Einnahme begünstigen sind vielfältig”, betont Sebastian Sattler. Sattler ist Sozialwissenschaftler an der Uni Köln. In den vergangenen Jahren hat er sich viel mit „braindoping” und in diesem Zusammenhang auch mit leistungssteigernde Substanzen auseinandergesetzt. „Auch Stress, ein fehlendes Interesse für das Studium, Prokrastination - also die Neigung aufzuschieben - Prüfungsangst oder ein soziales Umfeld in dem auch konsumiert wird“, könnten Motive für den Konsum sein und diesen begünstigen, sagt er.

Nadina hingegen wollte vor allem testen, wie sie die Leistung ihres Gehirns beeinflussen kann. Sie erzählt aber auch von einem Schulfreund, dem es vor allem um Selbstoptimierung ging. Andere Studierende, die anonym bleiben möchten, berichten der ksz hingegen, dass sie zu leistungssteigernden Mitteln gegriffen hätten, um mit dem Zeitdruck im Studium klar zu kommen.

 

„Es war als hätte mein Gehirn schon immer so funktioniert”

 

Erste Erfahrungen mit leistungssteigernden Mitteln machte Nadina mit Modafinil, einem Medikament für Narkolepsie-Patient*innen. „Es hat sich so ähnlich angefühlt wie Koffein, vielleicht etwas stärker“, sagt sie. Danach probierte sie eine Mikrodosierung von LSD aus, bei der nur eine kleine Menge der halluzinogenen Substanz eingenommen wird. Dies soll leistungsfördernd wirken, war für Nadina jedoch im Gegenteil zu Modafinil zu stark, sie konnte sich nicht auf ihre Arbeit konzentrieren. „Ich muss bei meiner Arbeit kreativ sein und in die Tiefe gehen, das konnte ich mit der Mikrodosierung von LSD nicht”, erzählt sie.

 

Dann kam Nadina zu dem Klassiker unter den leistungssteigernden Mitteln: Ritalin. „Bei LSD und Cannabis tut dein Gehirn Dinge, die du nicht wiedererkennst”, beschreibt sie ihre Erfahrung, „aber mit Ritalin war das anders, eher als hätte mein Gehirn schon immer so funktioniert”. Die 24-jährige fühlte sich nach der Einnahme konzentrierter und vor allem motivierter. Ein anderer Student beschreibt gegenüber der ksz das Lernen unter Einfluss der Droge sogar als freudiges Ereignis.

 

Während LSD und Modafinil für Nadina nicht hilfreich waren, hat Ritalin, das eigentlich Menschen mit ADHS verschrieben wird, ihre Konzentration nach eigenem Empfinden effektiv gesteigert. Sebastian Sattler bestätigt, dass Ritalin keine „magische” Wirkung hat, sondern schon vorhandene Denkprozesse unterstützt. Allerdings seien die Effekte mitunter recht gering und „die Wirkung variiert von Person zu Person”. Davon kann auch Nadina berichten. Ihr Freund hat mit dem gleichen Mittel ganz andere Erfahrungen gemacht. Insbesondere Ritalin war für ihn ein intensiveres Erlebnis: „Für zwei Stunden war es so heftig, dass er einen Tunnelblick hatte.“

 

Allzweckwaffe für die Konzentration

 

Ein Tunnelblick ist ein Zustand, in dem man Symptome wie eine eingeschränkte Denkweise und Wahrnehmung zeigt. Es bildet sich gewissermaßen eine Gedankenautobahn. Generell ist das bei Ritalin aber nur ein Effekt von vielen. Weitere Wirkungen können sich durch aufheiternde Gefühle, erhöhte Wachheit und Aufmerksamkeit äußern. Außerdem kann Ritalin zu gehemmtem Appetit und erweiterten Pupillen führen. Das Medikament birgt jedoch auch das Risiko für Nebenwirkungen, die sich sogar nachteilig auf die Konzentration auswirken können. Viele Konsument*innen vertragen Ritalin zwar gut, manche spüren jedoch ein leichtes Unruhegefühl, teilweise auch Herzrasen vergleichbar mit zu starkem Kaffeekonsum. Dazu können auch Schlafstörungen, Reizbarkeit, Magenbeschwerden, Depressionen und Angstgefühle kommen. In manchen Fällen kann Ritalin sogar zu Halluzinationen führen.

 

Ob Ritalin abhängig macht, ist jedoch umstritten. Professor Josef Kessler ist Leiter der Arbeitsgruppe Neuropsychologie an der Uniklinik Köln. Er bestätigt die oben genannten Wirkungen der Substanz und betont, dass vor allem auch die Dosisbestimmung sehr individuell betrachtet werden sollte, da die „Dosisfindung unter ‘normalen’ Umständen etwas anderes ist als in einer Prüfungssituation.” Laut Kessler seien Körper und Geist zu dieser Zeit sowieso bereits am Limit. Außerdem kann Ritalin trotz konzentrationsfördernder Wirkung nicht zwingend bei jeder Lernmethode helfen. Nadina erzählt, dass Ritalin zwar bei reinem Auswendiglernen helfe, jedoch in ihrem Studiengang keinen Vorteil bringen würde. „Als theoretische Physikerin geht es mehr darum, sich etwas auszudenken, Dinge zu erschaffen und kreativ zu sein“, erklärt sie. Vielleicht sei das auch der Grund dafür, dass sie in ihrem Studienumfeld sonst keine Konsument*innen kenne.

 

Massenkonsum oder Einzelfälle?

 

Stutzig macht dies vor allem in Betracht der zuvor genannten Mainzer Studie. Glaubt man ihr, nimmt jede*r fünfte Studierende leistungssteigernde Drogen. Dabei lohnt es sich einen genaueren Blick auf die Daten zu werfen. Zum einen wurden von den Forschenden relativ viele Wirkstoffe als ‘leistungssteigernd’ definiert. Das führt zu einer viel größeren Bandbreite an Substanzen wie Koffeintabletten, die in diesem Zusammenhang berücksichtigt wurden. Zum anderen fehlt in der Studie die Information, wie häufig die Probanden auf die Drogen zurückgegriffen hatten. Dies hat zur Folge, dass auch einmalige oder Gelegenheitsnutzer in die Studie mit aufgenommen wurden.

 

Auch Sattler sieht die Zahlen skeptisch: „Zwar gibt es Spekulationen, dass es eine Zunahme des Konsums gibt, aber meines Wissens gibt es keine verlässlichen Zahlen in Deutschland, die das belegen.” Langzeitstudien zu diesem Thema gebe es noch nicht. Außerdem spricht er von ganz anderen Zahlen als die Studie von 2013. Sattler betont, dass zwar jede*r Fünfte bereit sei solche Mittel in Zukunft zu nehmen, aber es bislang nur etwa jede*r Zwanzigste gemacht habe. Studien in diesem Rahmen seien nur sehr schwer vergleichbar. Wie viele Studierende also tatsächlich versuchen, dadurch ihre geistige Leistungsfähigkeit zu verbessern, ist unklar.

 

Mehr Offenheit für besseres Verständnis

 

Nadina hat nicht vor, für ihr Studium noch einmal auf leistungssteigernde Mittel wie Ritalin zurückzugreifen. „Ich könnte genauso fokussiert und motiviert sein, wenn ich eine anstehende Deadline habe”, erzählt sie. Nichtsdestotrotz wünscht sie sich mehr Offenheit im Bezug auf das Thema. Die könne dann auch dazu führen, dass leistungssteigernde Effekte von Ritalin weiter erforscht und somit unerwünschte Nebenwirkungen besser ausgeschlossen werden könnten. „Ich glaube auch, dass die Leute sich dann viel mehr damit auseinandersetzen würden, was sie da eigentlich nehmen”, ist Nadina sich sicher.

 

Auch Sebastian Sattler wirft in diesem Zusammenhang einen Blick auf zukünftige Entwicklungen. „In der Neuroethik gibt es das Argument, dass solche Substanzen soziale Ungleichheit verringern können, da Studierende mit schlechteren elterlichen Startbedingungen dieses Defizit ausgleichen können”, erklärt er. Dabei weist er darauf hin, dass hier natürlich die Frage bestünde, wie so etwas dann verteilt werden solle. Denn wenn leistungssteigernde Substanzen frei verkäuflich wären, könnten sich vor allem Studierende aus einem ökonomisch besser gestellten Umfeld Diese leisten. Das würde es wiederum schwierig machen, den gewünschten Effekt zu erzielen.

 

Nadina hat ihren Eiskaffee mittlerweile ausgetrunken. Kondenstropfen am Glas haben sich auf dem Untersetzer zu einer kleinen Pfütze gesammelt. „Für mich ist die Einnahme okay, wenn ich es wirklich brauche, aber ich möchte nicht abhängig werden. Vielleicht ist der regelmäßige Konsum für mich okay, wenn ich älter bin und das Gefühl habe, wirklich mit den Konsequenzen umgehen zu können.”
 

*(Name von der Redaktion geändert)

 

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October 10, 2019

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