Die neuen Grenzen des Anstands

August 2, 2018

An der New York University fordert eine neue Generation von jungen Aktivist*Innen die Uni-Verwaltung heraus. Sie kämpfen für mehr Gleichberechtigung, Klimaschutz und Fingerspitzengefühl. Gehen die Studierenden dabei zu weit?

 

Am Ende sind es Anrufe bei den Eltern der Aktivist*innen, die ihre Protestaktion beenden: Seit 36 Stunden besetzen zu diesem Zeitpunkt 19 Studierende von „NYU Divest“ das Kimmel Center der New York University (NYU), eine Art Studien- und Lernzentrum. „Globale Universität, globale Verantwortung“ und „Hört auf, die Armen und zukünftige Generationen zu berauben“ steht auf ihren Plakaten, mit denen sie auf der Treppe im Foyer sitzen. Das störe den Betrieb, urteilt die Hochschule und leitet Disziplinarverfahren gegen die Studierenden ein. Denen droht damit die Suspendierung von der Hochschule und auch ihre Stipendien und Wohnheimplätze könnten sie verlieren. Das teilt die Universität den Eltern der Demonstrant*innen mit.

 

„Als ich das gehört habe, war ich extrem wütend“, sagt Lola Jusidman. Sie gehört zu den Besetzer*innen des Zentrums. „Die haben unsere Eltern als Druckmittel eingesetzt, um unseren Widerstand zu brechen“, sagt sie. Die Uni sagt, es sei „altbewährte Praxis“, die Erziehungsberechtigten in einem solchen Fall zu informieren, die Mitglieder von NYU Divest sehen darin hingegen einen Verstoß gegen die Richtlinien der Universität. Doch die Aktivist*innen ziehen ab. Fürs Erste.

 

Trump hat die Studierenden wachgerüttelt

 

Kaum ein Tag auf dem Campus der New Yorker Universität vergeht ohne Demonstration oder Sit-ins. Denn die Studierenden haben sich in den vergangenen Jahren politisiert und sind aktiv geworden. NYU Divest ist nur eine von vielen Gruppen, die zu dieser neuen Bewegung gehören. Die Forderungen der Gruppen sind sehr unterschiedlich. Während NYU Divest möchte, dass die Uni aufhört, in Unternehmen zu investieren, die fossile Brennstoffe nutzen, fordern andere mehr Unterstützung für Studierende ohne Aufenthaltspapiere oder Barrierefreiheit in Universitätsgebäuden. Eines haben jedoch alle Gruppen gemein: Sie sind unbequem und hartnäckig.

 

Die Aktivist*innen fühlen sich gerade im Aufwind – und das hat zwei Gründe, sagt Lola, die sich schon seit fast fünf Jahren bei NYU Divest engagiert. „Zum einen haben wir ein gutes Organisationsgedächtnis: Wir haben von den vorherigen Aktivisten-Generationen gelernt und wissen zum Beispiel, wie man Demonstrationen und Besetzungen richtig organisiert. Zum anderen gibt es mittlerweile eine Kultur, in der radikale politische Ansichten akzeptierter sind als zuvor.“  Dazu haben auch der Präsidentschaftswahlkampf 2016 und der Sieg von Donald Trump beigetragen. „Es ist uns klar geworden, dass diese Regierung eine Gefahr für alle Anliegen ist, für die sich Studierende hier einsetzen. Das hat uns auf jeden Fall vereint.“

 

Dass sich das Klima ändert, zeigt sich auch in Debatten um den Umgang zwischen Professor*innen und Studierenden. Die Studierenden ziehen neue Grenzen, was akzeptabel ist und was nicht.

 

Ein Beispiel dafür ist eine Serie von Zwischenfällen an der Schauspielschule der NYU-Kunst-Fakultät, welche die Journalistin Miranda Levingston für die Campus-Zeitung „Washington Square News“ aufdeckte. In ihrem Artikel berichten Afro-Amerikanische Studierende der „Tisch School of Arts“ vom unsensiblen Verhalten ihrer Professor*innen. Eine Auswahl: Zwei Professoren hätten die Haare einer Studentin ohne ihre Erlaubnis angefasst. Ein Professor habe zunächst die Bitte einer Studentin ignoriert, das N-Wort in einem Stück zu streichen. Ein anderer Professor habe eine Studentin dazu gezwungen, ein Afro-Amerikanisches Gang-Mitglied in rassistischer Art und Weise darzustellen. Und in vielen Kursen sei der Lehrplan ausschließlich auf weiße Autoren ausgerichtet. 

 

Zusammenfassen lassen sich diese Vorfälle unter dem Stichwort „Mikroaggressionen”: Das sind kurze, alltägliche Äußerungen, die an eine andere Person abwertende Botschaften senden und sich auf ihre Gruppenzugehörigkeit beziehen. Die Betroffenen an der „Tisch School of Arts“ sprechen von einer Kultur, in der die Mitglieder des Lehrstuhls vorurteilen, ausgrenzen und Studierende zum Schweigen bringen. Da ihre Professor*innen häufig über ihren späteren beruflichen Erfolg entscheiden, fühlen sie sich machtlos. Doch sie wollten nicht weiter schweigen – und gingen an die Presse.

 

Levingston verfolgte den Hinweis einer Studentin, den sie im Dezember erhielt . Sie hat fünf Monate lang recherchiert und immer wieder mit Studierenden gesprochen. 40 Seiten Interviewmaterial hat sie gesammelt. „Als Journalisten ist es unsere Aufgabe, Mächtige zu kontrollieren und in Frage zu stellen und Leuten, die von der Gesellschaft zum Schweigen gebracht werden, ein Megafon zu reichen“, sagt sie. Fast zwei Monate hat Levingston gebraucht, um eine Stellungnahme der Universität zu den Vorwürfen zu erhalten – die PR-Abteilung sei sehr skeptisch gewesen. Ruben Pollendo, der Präsident des Lehrstuhls an der „Tisch School of Arts“, sei jedoch großartig gewesen. „Er will, dass sich etwas verändert und dass die Gemeinschaft so inklusiv wird, wie er es selbst ist.“

 

Der Großteil des Personals an der NYU ist jedoch weiß und die Uni damit eine sogenannte „Predominantely White Institution“, eine vorwiegend weiße Institution. Levingston sagt, die Uni bemühe sich zwar um mehr Vielfalt im Lehrplan und bei den Professor*innen, aber es gebe noch viel Arbeit. Sie glaubt nicht, dass die Vorfälle an der Kunst-Fakultät ein Einzelfall an der NYU sind oder dass es an anderen Universität anders zugehe. „Unsere Universität ist Teil eines Landes, in dem es viele Systeme der institutionalisierten Unterdrückung gibt.“  

 

Kritiker*innen sprechen von autoritären Methoden

 

Die NYU gilt als eine der liberalsten Unis Amerikas. Stolz verweist sie auf ihre Offenheit und ethnische Vielfalt. Was Levingston und andere als Mikroaggressionen oder institutionalisierte Unterdrückung bezeichnen, ist für NYU-Professor Michael Rectenwald nicht mehr als eine Lappalie – und die Reaktion der Studierenden darauf sieht er als Gefahr für die Meinungsfreiheit an der Universität an. Rectenwald ist einer der größten Kritiker der Gruppen des Social Justice Movements, einem Sammelbegriff für Feminist*innen und Multikulturalist*innen, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen, denn aus seiner Sicht arbeiten sie mit autoritären Methoden. Er hat in den vergangenen Jahren einen fast beispiellosen Wandel durchlebt: Früher war er Kommunist, heute tritt er auf Veranstaltungen der Republikaner auf und gibt Interviews beim rechten Nachrichtensender „Fox News“.

 

Er sagt: Die Anhänger dieser „Gerechtigkeits-Bewegung” gingen davon aus, dass nicht nur Taten, sondern Worte allein schon ausreichen, um Menschen zu verletzen und das solches Verhalten sanktioniert werden müsse. „Damit befinden wir uns auf einem gefährlichen Weg“, sagt er. „Bald dürfen wir gar nichts mehr sagen, weil alles als schädigend oder verletzend ausgelegt werden kann. Am Ende landen wir in einer Tyrannei.“

 

Miranda Levingston sieht das anders. „Ich glaube, dass es so etwas wie Überreaktionen, ob von Einzelnen oder einer Gemeinschaft, nicht gibt“, sagt sie. „Es gibt nur Reaktionen. Und es steht mir – und anderen übrigens auch – nicht zu, über die individuellen Reaktionen von Menschen zu urteilen, weil Leute im Kontext ihres eigenen Lebens und ihrer Erfahrungen reagieren.“ Sie selbst sei als weiße Frau nicht von Mikroaggressionen betroffen, Mitglieder marginalisierter Gruppen müssten jeden Tag mit Ungerechtigkeit umgehen.

 

Michael Rectenwald hat ein Buch über die Gerechtigkeits-Bewegung geschrieben: „Springtime for snow flakes“, Frühling für Schneeflocken – ein Schmähbegriff der Neuen Rechten für aus ihrer Sicht übersensible junge Menschen. Ein Titel mit doppelter Bedeutung: Die Schneeflocken erlebten laut Rectenwald gerade zwar ihre Hochzeit, doch schon bald fingen sie an zu schmelzen und die Bewegung verschwinde. Doch an der NYU, so scheint es, hat dieser Kulturkampf um die neuen Grenzen des Anstands für Studierende und Uni gerade erst begonnen.

 

 

In der aktuellen Ausgabe der Kölner Studierendenzeitung (#ksz12) haben wir anlässlich des Jubiläums der 68-Revolution Geschichten über studentischen Protest gesammelt. Denn vor 50 Jahren gingen Studierende in Deutschland und weltweit auf die Straße und rüttelten die Gesellschaft auf. Heute ist die Gesellschaft wieder in Bewegung und Studierende mischen mit. Ein Journalismusstudent aus Moskau hat uns vom Kampf seiner Kommiliton*innen gegen die Zensur in Russland berichtet

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