Studieren mit Kind

August 6, 2018

Ist das Studium wirklich der richtige Zeitpunkt für Nachwuchs? Und wie unterstützt die Uni eigentlich junge Familien? Drei Studierende erzählen von ihren Erlebnissen und von Vorurteilen, mit denen sie konfrontiert sind.

 

„Sehr häufig kommt die Reaktion: ‚Krass, wie alt bist du denn?’”, erzählt Lena und schiebt ihrem Sohn, dem zweijährigen Marlon, eine Gabel Schokokuchen in den Mund. Lena ist 22 Jahre alt und studiert Ethnologie und Erziehungswissenschaften an der Uni Köln. Während Mütter in Deutschland beim ersten Kind im Durchschnitt 30 Jahre alt sind, war Lena gerade 19 Jahre alt, als sie schwanger wurde. „Marlon zu bekommen, war eine geplante Entscheidung”, sagt Lena. Gleichzeitig Kind und Studium zu koordinieren, ist eine Herausforderung. „Das kann schon eine Doppelbelastung sein”, sagt die 22-jährige Studentin.

Die 24-jährige Marlene ist sich aber sicher, dass es Vorteile hat, als Studentin Mutter zu werden. „Ich habe viel Zeit und bin körperlich fitter als die meisten älteren Mütter“, erzählt die angehende Sozialwissenschaftlerin im Schatten der Bäume auf der Kölner Uni-Wiese. Neben ihr sitzt ihr Freund Jonas. Der 23-Jährige, der nach seinem Bachelor-Studium in Köln einen Master an der Uni Bonn angefangen hat, schaut immer wieder Richtung Ada, seiner und Marlenes Tochter. Das wenige Monate alte Baby haben sie an der Uni nicht oft dabei. „Entgegen meiner Erwartung ist die Uni überhaupt nicht kinderfreundlich“, sagt Jonas. Er habe von einer Einrichtung, die er eigentlich als „emanzipatorisch und fortschrittlich“ erachtet, mehr erwartet.

 

Fünf Prozent der etwa 97.000 Studierenden in Köln haben laut einer Erhebung des deutschen Studierendenwerks ein Kind. „Das sind allein an der Uni Köln rein statistisch etwa 2500 Studierende“, sagt Catharina Gündel. Sie ist Teil des Sozialreferats des Allgemeinen Studierenden Ausschusses (AStA). Die Zahl könnte sogar noch höher sein, so Gündel, denn viele der studierenden Eltern hätten überhaupt keine Zeit, an solchen Erhebungen teilzunehmen. Trotzdem fallen Studierende mit Kind als Sonderfall auf. Laut Zahlen des Statistischen Bundesamts sind Mütter in Deutschland beim ersten Kind im Durchschnitt etwa 30 Jahre alt. Anders also als Marlene und Lena. Studieren mit Kind, das sind zwei Vollzeitjobs auf einmal. Doch tun Hochschule und Studierendenwerk genug, um die jungen Eltern zu unterstützen?

 

Zu viele Kinder, zu wenig Kita-Plätze

 

Marlene und Jonas informierten sich auf der Internetseite des Studierendenwerks über Unterstützungsmöglichkeiten, sie wollten ein Zimmer im Wohnheim und einen Platz in einer Betreuungseinrichtung des Werks für Ada – vergeblich. „Als Voraussetzung war angegeben, dass beide Studierende in Köln eingeschrieben sein müssten, obwohl das irgendwie an der Realität vorbeigeht“, erzählt Jonas. Auf Anfrage der ksz nach den Grundlagen zur Vergabe der Betreuungsplätze teilte das Kölner Studierendenwerk mit: „Wir haben einen Kriterienkatalog zur Vergabe von Betreuungsplätzen”, fügte aber hinzu: „In der Praxis nehmen wir auch Kinder auf, von denen nur ein Elternteil an einer Kölner Hochschule studiert“. Man versuche, das Alter und Geschlecht bei der Gruppenzusammenstellung zu berücksichtigen. „Die sollten auf ihrer Internetseite darauf hinweisen, dass es eben doch möglich ist”, ärgert sich Jonas im Nachhinein. Er hatte das erst durch ein Telefonat mit einem Mitarbeiter des Werks herausgefunden. Die Idee eines Wohnheimplatzes gaben die beiden ebenfalls auf. Das junge Paar wohnt mittlerweile in einer eigenen Wohnung, selbst finanziert.

 

Das Unterstützungsangebot an der Uni scheint vielfältig, aber auf den ersten Blick nicht immer verständlich zu sein. Das Kölner Studierendenwerk vergibt aktuell 65 Betreuungsplätze in vier verschiedenen Einrichtungen – und die sind hart umkämpft. „Es bewerben sich durchschnittlich vier Familien auf einen Betreuungsplatz”, teilt ein Sprecher des Studierendenwerks mit. Besonders hoch ist die Nachfrage bei U3-Plätzen. Marlene und Jonas haben sich zwar bei städtischen Einrichtungen umgeschaut, doch auch die sind überlastet. Deshalb haben sich beide bereits zwei Wochen nach der Geburt nach einem Ü2-Kitaplatz für ihre Tochter umgeschaut. „Da hat man sich doch etwas lächerlich gefühlt”, erzählt Marlene. Zu viele Kinder, zu wenig Plätze also. Das kann zusätzlichen Stress bedeuten, wenn Studierende wie Marlene und Jonas auf eine städtische Kita ausweichen müssen, die sich nicht in Nähe ihrer Fakultät befindet.

 

 

Große Unterschiede zwischen den Fakultäten

 

Damit Eltern sich während ihrer Vorlesungen keine Gedanken um die Betreuung ihres Nachwuchses machen müssen, gibt es seit dem Wintersemester einen Betreuungsfonds, der Studierenden die Kosten fürs Babysitting erstattet. Auf den ist auch Lena stolz. Die Ethnologiestudentin engagiert sich ehrenamtlich beim Autonomen Referat für Studierende mit Kind. Dort können sich Studierende seit zwei Jahren über aktuelle Themen und Projekte austauschen. Einmal im Monat organisiert das Referat außerdem ehrenamtlich ein Eltern-Kind-Café, um speziell auf die Bedürfnisse studierender Eltern eingehen. Das Referat hat den Fonds gemeinsam mit dem „Career & Family Support” der Uni aufgesetzt, der Beschäftigte zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf berät. Bis zu 600 Euro pro Jahr können Studierende dort abrufen – wenn sie die Zeit der Betreuung zum Lernen nutzen. Für Lena kommt der Fonds trotzdem zu spät, mittlerweile ist ihr Freund aus Ecuador, der Vater von Marlon, bei ihr eingezogen.

Gündel vom Sozialreferat des AStA betrachtet den Betreuungsfonds als Zeichen einer positiven Entwicklung. Bezüglich der Kinderfreundlichkeit gebe es aber große Unterschiede zwischen den Fakultäten. „Die Fakultäten, die einen hohen Anteil an Studierenden mit Kind haben oder mit pädagogischen Fächern wie etwa die Humanwissenschaftliche Fakultät bemühen sich mehr”, schildert sie ihre Beobachtungen. Diese seien aber rein subjektiv, Statistiken gebe es nicht.

 

Marlene erlebte die Humanwissenschaftliche Fakultät (HumFak) nicht als sehr kinderfreundlich. So waren für die hochschwangere Studentin die Stuhlreihen in den Vorlesungssälen der Fakultät viel zu eng. „Ich konnte kaum atmen und bin ich deshalb nicht mehr zu der Veranstaltung dort gegangen”, erinnert sie sich. Und auch an anderen Stellen sieht sie Verbesserungsbedarf. „Wenn ich den Kinderwagen dabei habe, kann ich Ada auf einigen Toiletten nicht wickeln, weil einfach zu wenig Platz ist.”

Besser macht es, so die junge Mutter, die Katholische Hochschule NRW (KatHO) mit ihrem „Kindernest”. Dort können Mütter und Väter ihre Kinder abgeben, wenn sie Vorlesung oder Seminar haben. Andere Studierende kümmern sich in dieser Zeit um den Nachwuchs. Wenn das Kind schreit, rufen die Mitarbeiter*innen die Eltern mit dem „Nesttelefon” an. „Das ist relativ wenig Aufwand, aber dafür voll effektiv“, sagt Marlene.

 

„Wir sind hier keine Kita”

 

Lena nimmt den kleinen Marlon kaum noch mit in die Uni, er geht mittlerweile tagsüber in die Kita. Ihr Freund holt ihn dort ab, wenn sie in ihren Seminaren sitzt. Im ersten Semester habe sie ihn aber fast immer dabei gehabt. Dass es dabei selten zu größeren Zwischenfällen gekommen ist, führt die Erziehungswissenschaften- und Ethnologie-Studentin auf ihre „dankbare” Fächerkombination zurück. Andere haben da nicht so viel Glück, weiß Lena. Sie erinnert sich an eine Freundin, die Jura studierte und schon vor Beginn der Veranstaltung rausgeschickt wurde. Die Begründung des Dozenten: „Wir sind hier keine Kita.”

Deshalb findet Catharina Gündel vom Sozialreferat des AStA eine Sensibilisierung für das Thema wichtig. „Leider gibt es immer wieder Dozierende, die wenig Verständnis für die Lage von Studierenden mit Kind aufweisen”. Man dürfe aber nicht von einem Einzelfall auf die gesamte Uni schließen, denn „von vielen guten Beispielen kriegen wir ja meist nichts mit”. Studierenden, die ähnliche Situationen erlebt hätten, rät Gündel, sich direkt an den AStA zu wenden.

 

So unterschiedlich die Dozent*innen auf Babys und Kleinkinder in den Seminaren reagieren, so vielfältig sind auch die Reaktionen der Kommiliton*innen. „Ab und zu kommt die Frage, warum ich nicht abgetrieben habe”, erzählt Lena. Fragen ihrer Kommiliton*innen nerven sie vor allem dann, wenn sie diese kaum kennt, erzählt sie. Von den meisten komme, wenn Marlon dabei sei, aber ein „Oh wie süß!“, sagt Lena schmunzelnd und entfernt ihrem Sohn mit einem Taschentuch die Schokoreste vom runden Gesicht.

 

Kinder als Sonderfall

 

Für Lena wäre es schon eine Entlastung, wenn die Vorlesungszeiten angepasst würden. „Allein die Tatsache, dass Seminare teils um 16 Uhr liegen, ist nicht kinderfreundlich.” Besser wäre morgens, wenn die Kinder noch in der Kita sind. Entlastung könnte außerdem das Einrichten eines Teilzeitstudiums bringen. Denn: Mit Klausuren, Hausarbeiten und Abgaben für verschiedene Seminare, hat man als Studierende*r oft auch so schon viel zu tun. Ein Kind ist ein 24 Stunden Job, der einem manchmal in Kombination mit dem Studium über den Kopf wachsen kann. Marlene, die sich momentan auf ihre Bachelorarbeit vorbereitet, merkt, dass es phasenweise ganz schön eng werden kann. Allein für die Literaturrecherche ihrer Arbeit habe sie länger als sonst gebraucht und es in dieser Zeit nicht einmal geschafft, für ihr einziges Seminar in diesem Semester einen Text vorzubereiten. „Der Dozent, der meine Arbeit betreut, hat netterweise viel Verständnis für mich”, erzählt die 24-Jährige.

Marlene hat generell das Gefühl, dass Studierende mit Kind immer noch als „Sonderfall“ gelten. Vor allem, wenn man auf staatliche Unterstützung angewiesen sei. „Man fällt einfach voll aus diesem Kompetenzbereich der Behörden“, fasst ihr Freund Jonas die bisherige Erfahrung zusammen. Da habe er Angestellten des Jobcenters Gesetzestexte erklären müssen und Anträge stellen müssen, die für die beiden Studierenden gar nicht in Frage kämen. „Wir mussten etwa einen Hartz IV Antrag stellen, um einen Kinderzuschlag bekommen zu können“, sagt er. Das hänge aber gar nicht zusammen, so Jonas. Er ist überzeugt, dass er sich, wenn es darauf ankäme, nicht auf staatliche Finanzierung verlassen könne.

 

Sich früh um alles kümmern und nicht immer alles aufschieben: Viele stellen sich unter dem Studierenden-Leben etwas anderes vor. Und auch sonst hat sich vieles bei den jungen Eltern um 180 Grad gewendet. Bier trinken, bis spät abends auf der Uniwiese sitzen oder bis morgens im Club durchtanzen – all das findet seltener statt. Lena glaubt trotzdem nicht, dass sie etwas verpasst. „Klar kann ich nicht feiern, wie die anderen, wenn ich weiß, dass Marlon spätestens um acht Uhr morgens vor mir steht und spielen will”, sagt sie. Ihr Leben lebe sie aber, wie sie wolle und da sei Marlon eine Bereicherung. Nur weil sie früh Mutter geworden ist, hieße das noch lange nicht, dass sie ein traditionelles Familienbild verfolge. Kind, Haus, Heirat, das wäre nichts für sie. „Es ist ja auch nicht das ‚Klischee’, sich mit 19 Jahren von einem Ecuadorianer schwängern zu lassen”, lacht sie. Auch Marlene und Jonas vermissen laut eigener Aussage nichts. „Das klingt jetzt mega abgedroschen, aber wenn ich Ada anschaue, ist es das alles wert”, sagt Jonas und muss sich ein Lachen verkneifen.

 

 

 

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