Moselblick statt Massenuni

August 14, 2019

Kölner Studierende sind Teil einer großen und renommierten Maschinerie. Wer sich für ein Studium in Bernkastel-Kues entscheidet, studiert hingegen in einer Kleinstadt an der Mosel und bekommt einen Abschluss, den kaum jemand kennt. Ein Blick auf ein Kontrastprogramm, das Perspektiven verschiebt.

 

 

Wenn man nach Bernkastel-Kues möchte, muss man den Rhein bis nach Koblenz herunterfahren und dann dem Lauf der Mosel nach Süden folgen. Bis hinein in die Stadt kommt man mit dem Zug nicht - es gibt keinen Bahnhof. Den Bus vom Bahnhof in die Stadt hinein teilt man sich mit Rentner*innen, die einen Ausflug ins Moseltal machen. Radfahren, wandern, Wein trinken. Studentisch fühlt es sich hier nicht an. Doch 2014 wurde hier die Cusanus Hochschule gegründet, die einiges anders macht als die großen Universitäten der Republik.

 

Als private Hochschule hat sie es sich zum Ziel gesetzt, frei von wirtschaftlichen und weltanschaulichen Interessen zu agieren. Sie ist als gemeinnützig anerkannt, darf keinen Gewinn machen und nimmt nach eigenen Angaben nur Spenden an, wenn Geldgeber*innen nicht in die Lehre eingreifen. Das bedeutet, dass Geldgeber*innen zum Beispiel nicht Wünsche für Weiterbildungen, Studiengänge oder Artikel äußern können. Wer Geld gibt, muss das Konzept an sich unterstützen. Das müssen auch die Studierenden, die mehr als ein Drittel der Finanzierung mit Beiträgen von 300 Euro im Monat tragen. Das sind knapp 30 Euro mehr als man in Köln für das gesamte Semester bezahlt. Dafür können sie zwischen dem Bachelorstudiengang Ökonomie und Soziale Verantwortung und dem Masterstudiengang Ökonomie und Gesellschaftsgestaltung wählen. Ein Bereich, der in Köln mit einem Exzellenzcluster ausgestattet ist. Warum entscheiden sich Studierende gegen den renommierten Kölner Abschluss und das Studierendenleben in der Metropole?

 

 

Cusanus ist ein Gegenentwurf

 

Eine Antwort darauf gibt Lukas Caleb. Er hat in Köln Volkswirtschaftslehre studiert - ganz zufrieden war er damit nicht immer. „In den VWL-Grundmodulen kriegt man meistens einen Haufen Formeln vorgesetzt – es wird gesagt es ist jetzt einfach so, die Welt wird erklärt mit diesen Formeln und die müsst ihr jetzt lernen.“ Eine Kritik, mit der er nicht alleine ist. Seit der Finanzkrise 2008 bildet sich eine Bewegung in Deutschland, die sich für plurale Ökonomik einsetzt. Auch Lukas ist Teil von ihr. Sie kritisiert, dass VWL-Kurse an der Uni hauptsächlich die neoklassische Modellökonomik lehren und behauptet, dass es mehr Vielfalt und Offenheit für andere Modelle braucht, um den Problemen unserer Zeit zu begegnen.

 

Auch Silja Graupe, Mitbegründerin der Cusanus Hochschule, stellt sich auf die Seite der Kritiker*innen. “Die moderne Lehrbuchökonomie hat eine wahre Monokultur des Denkens geschaffen”, schreibt sie auf ihrer Website. Diese Art der Bildung kritisiert sie scharf als “kurzsichtig und verantwortungslos”. 

 

Auch Hannes Bohne ist Teil der pluralen Bewegung. Im Gegensatz zu Lukas hat er aber den Schritt aus dem "Mainstream" gewagt. Er hat seinen Master an der Cusanus Hochschule gemacht und ist dort auch als Mitarbeiter angestellt. Nebenbei bereitet er seine Promotion vor, die er jedoch an einer anderen Universität schreiben wird, weil die Cusanus Hochschule dafür noch keine Akkreditierung hat. Er hat die Entwicklung der jungen Hochschule komplett verfolgt, war im ersten Masterjahrgang dabei. „Die Hochschule ist der Versuch, ein Vorreiter für ökonomische Bildung zu werden“, sagt er. Ein Gegenentwurf zu staatlichen Universitäten - und vor allem auch zur Bologna Reform. Bologna – ein Geist, der jüngeren Studierenden nur noch aus Erzählungen bekannt ist. Dem zu seiner Zeit Dinge wie Verschulung, wettbewerbsartiges Studieren, vollgepackte Studienmodule, und Ökonomisierung vorgeworfen wurden.

 

 

Das Lehrkonzept

 

Ein wichtiger Unterschied zu staatlichen Hochschulen ist, dass Ökonomie nicht getrennt von anderen Disziplinen existiert, sondern zum Beispiel stark mit der Philosophie verwoben ist. „Wenn man Wirtschaft studiert, studiert man gefühlt ein halbes Philosophiestudium mit.“ Dieses Ineinandergreifen macht seiner Meinung nach den Kern aus.

 

Was Hannes weniger betont, ist was er nicht lernt. Im Lehrplan der Cusanus Hochschule wird das Handwerkszeug, das an herkömmlichen Universitäten gelehrt wird, nicht in derselben Tiefe behandelt. Zum Beispiel werden ökonometrische Methoden nur in Grundzügen gelehrt. Die Behauptung geht dahin, dass es vor allem wichtig sei, diese Methoden kritisch zu hinterfragen, und dass eine weitere tiefergehende Auseinandersetzung mit ihnen sowieso keinen nennenswerten Lerneffekt hätte.

 

Prof. Dr. Bierbrauer, Professor für VWL an der Universität zu Köln, sieht einen anderen Grund für die knappe Behandlung dieser Methoden: “Wenn man sich den Hintergrund, den Werdegang und die Publikationen der Professoren am Institut für Ökonomie der Cusanus Hochschule anschaut, wird klar, dass auch die Kompetenz fehlt, im Rahmen eines Universitätsstudium der Volkswirtschaftslehre zu lehren”. Er hält die Kritik für eine, die von außen kommt; von Leuten, die keinen Zugang zur modernen VWL haben. “Das ist so, als würde jemand, der als Amateur in einer Handballmannschaft spielt, über Fehlentwicklungen im Profifußball reden.” Er will zwar nicht verneinen, dass diese Kritik keinerlei Berechtigung haben kann, findet aber auch, dass es gute fundierte Kritik “von innen” gibt.

 

An der Cusanus hingegen, stehen Themen wie Selbstentwicklung und Eigenständigkeit auf dem Lehrplan. Hannes spricht von einem „Recht auf Selbstbildung“. Am Ende eines Studiums solle man nicht nur darauf gepolt sein, vorgegebene Aufgaben zu erfüllen, sondern auch in der Lage sein, Lernen zu hinterfragen. Statt verschiedene Methoden und vorgefertigte Theorien auswendig zu lernen, lerne man, selbst zu entscheiden, ob die angewandte Methode angemessen ist. Man könne damit auch gezielter Wissen sammeln und es „nicht nur anhäufen“. Cusanus sei ein Versuch eine Art Lernen zu gestalten, durch das man nicht nur „durchgeschleust“ wird. Es gehe darum, einen persönlichen Kontakt wieder herein zu bringen, Personen ernst zu nehmen und sie sowohl akademisch als auch menschlich auszubilden.

 

Diese angestrebten Freiheiten findet man im Lehrplan an der Cusanus erstmal nicht - er ist ziemlich streng vorgegeben. Die Freiheit ist nach Hannes Ansicht woanders gelagert. „Das ist das Interessante, dass wir Freiheit trotz Plan haben. Hausarbeitsthemen sind zum Beispiel selten vorgegeben, man darf und muss sie auch selbst finden. In den Modulen und im Studium kann man die Themen unterbringen, die einen selbst gerade beschäftigen.“ Die Professor*innen reagieren auf Themenvorschläge, kennen jede*n einzelne*n Studierende*n, wissen womit sich jede*r beschäftigt und können daher gezielt unterstützen.

 

Möglich ist das nur durch die kleinen Gruppen. Höchstens 25 Leute sitzen in den einzelnen Seminaren, an der Uni Köln sitzen in Hörsälen teilweise 200 bis 300 Leute, Seminare sind oft überfüllt, jedes Semester wechseln die Konstellationen, man ist selten mit denselben Leuten zusammen. In Cusanus hingegen spielt das Gruppengefühl eine wichtige Rolle: „Du siehst dieselben Leute einmal im Monat für zwei Jahre. Du wächst akademisch und persönlich zusammen auf als Jahrgang. Du gehst durch diesen ganzen Prozess gemeinsam mit den Leuten und lernst sie sehr gut kennen, mehr als man es sonst gewohnt ist. Du lernst in einem sozialen Umfeld zu denken und zu lernen.“

 

 

Anderer Ansatz, andere Sitten

 

Auch das Studierendenleben funktioniert an der Uni an der Mosel ganz anders. Unterricht zum Beispiel findet nicht wöchentlich statt, sondern nur einmal im Monat in einem fünf- bis siebentägigen Blockseminar. Die restlichen drei Wochen lernen die Studierenden komplett in Eigenregie. Daher wohnt auch ein Großteil der Studierenden nicht in Bernkastel-Kues, sondern pendelt nur für die Seminare hierher, teils sogar aus Österreich oder der Schweiz.

Wer jedoch auf Freizeit und Müßiggang hofft, ist hier falsch. „Die drei Wochen zwischen den Seminaren reichen knapp aus. Mit dem Studium ist man Vollzeit beschäftigt,“ erklärt Hannes. Einen geregelten Tagesablauf muss man sich daher selbst schaffen, um das Pensum zu bewältigen. „Das ist manchmal wirklich nicht einfach und verlangt dir viel ab, aber da liegt eben auch die Berufsausbildung, die Erfahrung, sich selbst zu organisieren.“ Man muss sich organisieren können, selbstständig und ohne regelmäßige Vorlesungstermine.

 

Zudem helfen die Studierenden in einem basisdemokratisch organisierten Studierendenverein aktiv mit, die Hochschule zu organisieren. Von solidarischer Finanzierung für mittellose Studierende, Fundraising und einer Herbstakademie, zu Unterkunft und Verpflegung - der Aufgabenbereich ist breit gefächert. „Cusanus heißt, dass alle mit anpacken“, sagt Hannes. „Man bekommt keine Dienstleistung.“

Die, die in Bernkastel-Kues permanent wohnen, können für gerade einmal 200 Euro ein WG-Zimmer inmitten der Altstadt finden - die Hälfte von dem, was in Köln verlangt wird. Wer pendelt, kommt für die Wochen der Seminar in dem selbstverwalteten Studierendenhaus des Studierendenvereins unter. Die ehemalige Jugendherberge, die neben der alten Burg Landshut auf einem Berg thront, bietet besten Moselblick und idyllische Natur. Hier kommt dann auch studentisches Flair auf. Es wird gemeinsam gekocht, musiziert, und gegessen. In den beiden Sälen stehen unter Kronleuchtern und zwischen Holzvertäfelungen und Teppichen ein Klavier, ein Schlagzeug, mehrere Sofas und breite Esstische. Dass das Gebäude an manchen Stellen der Ausbesserung bedarf, wird ignoriert. Ob der Studierendenverein hier bleiben darf, ist jedoch ungeklärt, da das Deutsche Jugendherbergswerk sich noch nicht endgültig entschlossen hat, was sie mit dem Grundstück anstellen möchte.

 

 

 

Ein klares Profil

 

Ebenso ungewiss ist die Zukunft der Hochschule. Der Standort Bernkastel-Kues ist Menschen, die wenig Wein trinken, meistens nicht geläufig. Zudem fehlt der Universität auch die lange gewachsene Tradition und das Renommee, auf das alteingesessene Universitäten wie die Uni Köln zurückgreifen können. Erst kürzlich führten massive Auseinandersetzungen zwischen Professor*innen, der Hochschulleitung und den Studierenden, zu zahlreichen Kündigungen. Vor diesen Streitigkeiten hatte es einen zweiten Studiengang neben der Ökonomie gegeben: Philosophie. Dieser ist nach den Auseinandersetzungen komplett weggebrochen. Dies zeigt, dass

die Gründungsphase noch nicht abgeschlossen, das Profil der Hochschule noch nicht klar formuliert ist. Wer an einer Institution lernen möchte, deren Bestehen nie in Frage gestellt werden wird, ist an der Cusanus Hochschule falsch aufgehoben.

 

Auch Lukas, der als Mitglied des Netzwerks der pluralen Ökonomik eigentlich ein Kandidat für die Cusanus wäre, hat sich nicht für sie entschieden. Die Studiengebühren wirken abschreckend. Zudem glaubt er, dass auch die Cusanus Hochschule auf ihre eigene Weise Vielfalt vermisst: „Das Problem ist glaube ich, dass im Moment der Status quo so neoliberal ist und alle da durchgepresst werden und die, die sich bewusst dazu entscheiden das anders zu machen, sind dann auch wieder ein einseitiger Haufen.“ 

 

Ein Studium an der Cusanus Hochschule ist eine aktive Entscheidung für ein alternatives Profil. Hannes sieht sich - vielleicht auch gerade deswegen - gut aufgestellt und hat keine Angst vor mangelnden Zukunftsperspektiven. Er glaubt nicht, dass sein Abschluss an anderen Universitäten oder in der Berufswelt nicht so respektiert wird wie herkömmliche Abschlüsse. Ganz im Gegenteil: er sieht sein Studium als Bereicherung. Zudem hat er ein zweites Standbein aus seinem Bachelorstudium: Management. Er hat gearbeitet, Praktika gemacht und viele Möglichkeiten eigenständig geschaffen. Man könne die Hochschule auch falsch verstehen, sagt er. Man dürfe sich nicht nur selbst finden, sondern müsse auch wach sein und gucken, was man mit dem Gelernten später machen kann. “Hier bekommt man keinen Abschluss, der einen automatisch auf einen bestimmten Weg bringt. Cusanus heißt eben auch, dass man lernen muss, seinen eigenen Weg zu finden.”

 

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