Credit Points für eine gute Tat

October 8, 2019

Beim ProfessionalCenter der Uni Köln können sich Studierende Credit Points erarbeiten, indem sie gemeinnützigen Projekten helfen. Doch fragt man Studierende nach dem sogenannten Service Learning, hat kaum jemand davon gehört. Ein Bericht über ein Angebot, das bisher ein Geheimtipp blieb.

Ein gemütliches Wohnzimmer mit flackernden Kerzen, ein Vater, der mit seiner Tochter auf dem Sofa sitzt, vor ihnen liegt aufgeschlagen ein Märchenbuch. Er zeigt auf das Bild der Schneekönigin. Doch seine Miene verdunkelt sich. Der Vater kann seiner Tochter das Märchen nicht vorlesen. Das kleine Mädchen ist gehörlos. Schnell holt er zwei Theaterkarten hervor: Die Schneekönigin.

An diesem Abend am Ende des Semesters ist es zur Abwechslung keine Klausurinfo, die der Beamer im Seminargebäude an die Wand wirft. Trotzdem ist der Seminarraum gut gefüllt. Die Szene stammt aus einem Werbefilm für das gemeinnützige Theater deaf5. Es inszeniert die Stücke so, dass sowohl hörende als auch gehörlose Kinder und Erwachsene zusehen und verstehen können. Unter Applaus des Publikums tritt eine junge Frau im Seminarraum selbstbewusst nach vorne und bedankt sich. Laura Crusi ist eine von drei Studierenden, die diesen Film gedreht haben. Sie hat nun auch die Aufgabe übernommen, dem Publikum zu erzählen, wie sie ein Semester lang geplant, gefilmt und geschnitten haben.

Insgesamt haben 36 Studierende im Wintersemester 2018/19 an einem gemeinnützigen Projekt teilgenommen und genau wie Laura für eine „gute Tat“ drei Credit Points gesammelt. Jedes Semester werden gemeinnützige Projekte von dem ProfessionalCenter der Uni Köln angeboten. Die Projekte und

Projektpartner variieren immer. Das Angebot reicht von der Erstellung eines Imagefilms über die Organisation gemeinnütziger Events bis hin zu ökologischen Projekten.

Laura wollte an einem Projekt teilnehmen, das ihr Studium durch praktische Erfahrungen ergänzt. Sie wollte aktiv an einer Videoproduktion mitwirken. Deshalb bewarb sie sich für die Erstellung des Imagefilms für deaf5. Anfang des vergangenen Semesters erfuhr sie, dass sie an ihrem Wunschprojekt teilnehmen darf. Es folgte eine Auftaktveranstaltung, bei der alle Studierenden und Projektpartner*innen zusammenkamen. Lauras Gruppe stand dabei zunächst vor einem Problem: Sie waren nur zu zweit. „Wir dachten: Das Projekt ist so toll, eigentlich müsste die Nachfrage viel größer sein!“, erinnert sich Laura. Dass mit einem so kleinen Team ein ganzer Imagefilm entstehen kann, daran zweifelten auch die Projektpartner*innen von deaf5.

Solche Probleme kennt Pia Kollender, die damalige Organisatorin des Service Learnings: „Es gibt leider eher zu wenig Teilnehmende beim Service Learning“. Jedes Semester nähmen insgesamt zwischen 40 und 60 Studierende das Angebot wahr, obwohl meistens ungefähr 80 Studierende teilnehmen könnten. Für Lauras Projekt fand sich zum Glück sofort eine weitere Kommilitonin, die zu ihnen wechselte. „Wir haben direkt eine WhatsApp-Gruppe gemacht und die Aufgaben eingeteilt“. Sie seien sich auch sofort einig gewesen, welche Art von Film es werden soll: Ein Film mit Schauspieler*innen, der drei Szenen zeigt, in der sich Menschen entscheiden, zu dem Theaterstück von deaf5 zu gehen. Auch die Projektpartner*innen seien begeistert gewesen von ihren Ideen.

Die Gruppe erstellte ein Kontextmodell, womit sie unter anderem festlegten, was der Film erreichen soll: Werbung für das neue Theaterstück von deaf5, die Schneekönigin. Die Rollen für die Filmszenen wurden von Schauspieler*innen des Theaters übernommen. Das stellte jedoch auch eine Herausforderung dar, denn einige der Darsteller*innen waren gehörlos und Laura und ihre Kommilitoninnen konnten nicht gebärden. Es wurde also ein Dolmetscher gebraucht – eine teure Angelegenheit. „Es war ganz schön viel Arbeit alle Dolmetscher in NRW anzuschreiben“, sagt Laura. Dabei stellte sich heraus, dass ihr Lohn gesetzlich festgeschrieben ist. Solche Ausgaben müssen rechtzeitig angekündigt werden. Dann besteht die Möglichkeit, dass sie im Nachhinein durch eine zweckgebundene Spende von einer Stiftung übernommen werden. Zudem musste auch einiges vertraglich geregelt werden. „Wir hatten so viele Verträge, dass ich mir Hilfe von einer befreundeten Juristin geholt habe.“ So mussten zum Beispiel die Schaupieler*innen die Bilderechte abtreten und der Dolmetscher angestellt werden.

Umgesetzt werden die Service Learning-Projekte nicht zuletzt mit Hilfe von Begleitseminaren. Hier lernen die Studierenden einige Grundlagen für ihr Vorhaben. Laura absolvierte einen kurzen „Crashkurs“ zu dem Schnittprogramm, das ihrer Gruppe zur Verfügung stand. Aber vor allem haben sie die Zeit im Seminar genutzt, um anfallende Fragen zu stellen. „Es war für uns gut, einen festen Ansprechpartner wie Adam zu haben.“ Adam Polczyk arbeitet freiberuflich als Kameramann und Cutter. In der Regel arbeiten alle Dozierenden beim Service Learning in der Branche, die sie unterrichten. Polczyks Seminar hat neben Lauras Gruppe auch noch eine weitere Gruppe betreut, die ebenfalls einen Imagefilm erstellte.

Ihr Projekt sei sehr zeitintensiv gewesen, sagt Laura. Den Großteil der Arbeit musste die Gruppe in ihrer Freizeit erledigen. Neben dem Projekt und der Anwesenheit bei den Seminaren fielen noch weitere Studienleistungen an: Jede*r Teilnehmer*in schrieb einen zweiseitigen Bericht über sein*ihr Projekt, bereitete die Abschlussveranstaltung vor und erstellte das Kontextmodell. „Die Credit Points waren also nicht leicht verdient“, sagt Laura. Daher habe sie ihre Teilnahme an eine Bedingung geknüpft: „Es musste schon ein Projekt sein, bei dem ich komplett dahinter stehe, bei dem ich auch Lust habe, Zeit zu investieren. Und dieses Projekt war definitiv so ein Herzensprojekt.“

 

 

 

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