Lyrik für Anfänger?

October 10, 2019

 

„Ist das jetzt Dichtung oder tut das nur so“ (piqud.de). Solche und andere Spötteleien müssen sich Autor*innen wie Amanda Lovelace, Rupi Kaur, Atticus, r.m. drake oder Yrsa Daley-Ward, die auf Instagram ihre Lyrik veröffentlichen, anhören. Während die Literaturkritik in Deutschland sich mit den Schriftsteller*innen noch kaum befasst, hat man sich im englischsprachigen Raum fast ausnahmslos gegen sie in Formation gebracht. Zu Recht? 

 

 

 

Zur Grundausstattung gehören ein paar Verse und ein Instagram Account. Auf der Social Media Plattform veröffentlichen die Autor*innen kurze Gedichte, häufig mit digital oder handschriftlich illustrierten Hintergründen. Die Themen der Instalyriker*innen sind vielfältig: Das Spektrum reicht von Liebeskummer und Zoff mit den Eltern über psychische Krankheiten, Mobbing und Bodyshaming bis hin zu feministischer Gesellschaftskritik, Migrationsgeschichten, Trauer und Tod. 

 

In finanzieller Hinsicht ist Instalyrik längst ein Erfolg. Der erfolgreichsten Autorin, Rupi Kaur, folgen etwa vier Millionen Menschen auf Instagram. Ihre Gedichtbände „milk and honey“ und „the sun and her flowers“ wurden in verschiedene Sprachen übersetzt und sind in Ländern wie den USA, Großbritannien und Deutschland tausendfach über die Ladentheke gewandert. Aber reicht das Lob der Massen, um aus ein paar Versen Lyrik zu machen? 

 

Die US-amerikanische Lyrikerin und Literaturkritikerin Rebecca Watts behauptet das Gegenteil. Als sie für das Lyrikmagazin PN Review ein Werk der britischen Spoken Word Künstlerin Hollie McNish rezensieren sollte, schrieb sie stattdessen einen Zerriss über das Genre, warf den Autor*innen vor, aus Alltagsplatitüden Profit zu schlagen und statt Dichtung Kitsch zu produzieren. Aufgabe der Lyrik sei, so Watts, die Neuschöpfung von Sprache, gerade die Abkehr vom sprachlichen Klischee. Instalyrik mit seinen kurzen Versen und knappen Behauptungen fehle die intellektuelle Tiefe und die Variation in der Sprache, um sich Kunst nennen zu dürfen. 

 

Muss es denn immer gleich Lyrik sein? 

 

Die Debatte ist nicht neu, die Gegenargumente sind es vielleicht schon. Die Instalyriker*innen beharren nämlich nicht auf einem traditionell literarischen Anspruch. Es scheint ihnen nicht in erster Linie darum zu gehen, Lob aus den Feuilletons zu erhaschen oder prestigeträchtige Literaturpreise zu gewinnen. “I would never consider these poems. I am not a poet.”, sagte der Instalyriker r.m. drake im Jahr 2014 dem Onlinemagazin “daily dot”.  

 

Die Instalyriker*innen setzen ihre eigenen Maßstäbe: Sprache soll bei vielen von Ihnen nicht nur schön klingen, sondern auch schön aussehen. Sind sie auch nicht die erste Generation, die ihre Gedichte auf dem Computer oder auf dem Laptop tippt, so gehören sie doch zu den Ersten, für die Kommunikation im Alltag überwiegend schriftlich, mit nur zwei Fingern und mit Bildern stattfindet. Die Instalyriker*innen wissen durch Punktation und Setzung mehr als jede Autorengeneration vor ihnen mit dem Schwung der Tasten umzugehen: 

 

„you will think / your parents are / s h a t t e r p r o o f/ until one day / you find out /t h e y  a r e n’ t. / - what it really means to lose your innocence.” 

 

Buchstaben fallen wie hier bei Amanda Lovelace durch Leerzeichen auseinander oder auch einmal quer über das Blatt, dramatische Sprechpausen werden mit einem Enterzeichen eingedonnert, ein Gedicht mit einem kurz angebundenen Fazit in seinen biografisch-historisch-moralischen Kontext eingeordnet. 

 

Die Sache mit der Moral 

 

Überhaupt ist das so eine Sache mit der Moral. Den Instalyriker*innen wird einstweilen vorgeworfen, sie seien zu politisch. Oder, zumindest in ihrer Politik zu moralisch. Auch diese Debatte führt die Literaturkritik nicht zum ersten Mal und auch von der Generation Snowflake, die angeblich bei jedem Hinweis auf ihre eigene Fehlbarkeit ein trigger warning oder ein Sprechverbot fordert, ist nicht zum ersten Mal die Rede. 

 

Richtig ist: Den Instalyriker*innen fehlt es bisweilen an argumentativer Stringenz. Fast schon verdächtigt man die Ironie als Stilmittel, wenn Amanda Lovelace, deren Gedichtband „The princess saves herself in this one“ betitelt ist, sich am Ende von einem männlichen Partner aus ihrem Lebensunglück retten lässt („if he was my cup of tea, then you are my cup of coffee“). 

 

Durchaus lesenswert ist hingegen die Kritik, die die jungen Künstler*innen ganz allgemein an den gesellschaftlichen Verhältnissen äußern:  In der Einfachheit und Schlichtheit des Tons kommt nicht eine links-grün-feministische Propaganda zum Ausdruck, sondern die Sprache einer Generation, für die die Missstände dieser Welt offensichtlich, die Schockstarre ihrer Eltern demgegenüber unverständlich ist: 

 

you split the world  / into pieces and / called them countries / declared ownership on / what never belonged to you / and left the rest with nothing / - colonise 

(Rupi Kaur) 

 

Wer das zu einfach findet, mag ja mal bei den großen Entscheidern, den Donald Trumps, den Boris Johnsons, den Emanuel Macrons unserer Welt an die Tür klopfen und fragen, wie es so aussieht mit der Aufarbeitung des Kolonialismus. 

 

Die Texte überzeugen durch Ton und Perspektive 

 

Überhaupt überzeugen die Texte der Instalyriker*innen gerade dann, wenn sie große gesellschaftliche Ungerechtigkeiten mit der emotional-naiven Verblüfftheit von Heranwachsenden anklagen. Warum tut niemand etwas gegen Mobbing? Warum müssen sich junge Mädchen* und Frauen* ihrer Körper schämen? Wie kann eine ganze Industrie an dieser Scham ohne schlechtes Gewissen Milliardengewinne machen? Warum behandeln wir Menschen unterschiedlicher Herkunft als seien sie weniger wert? 

 

„i never learned your name, but you mattered to me” schlussfolgert die Sprecherin in Amanda Lovelaces Gedicht über Menschen, die sich das Leben genommen haben. 

 

Mehr als jede andere Generation sind die Instalyriker*innen international groß geworden, haben internationales Fernsehen gesehen und schon im Kindesalter die Schicksale ihrer Altersgenoss*innen auf der anderen Seite des Erdballs verfolgt. In ihrer Jugend haben sie gelernt, dass diese Altersgenoss*innen nur einen Mausklick entfernt sind. Sie haben ihre Pubertät auf tumblr verbracht, dort ihren Liebeskummer, ihre Familienzwiste und ihre psychischen Krankheiten öffentlich gemacht. Sie neigen zur Selbstentblößung, aber auch zur Empathie. Anders als ihre Elterngeneration ist für sie Wegschauen (noch) keine Option, sondern das Hinreisen, das Anpacken, das Demonstrieren. 

 

Dass die Lyrik von Kaur, Lovelace, Atticus und Co Jahrzehnte überdauern und in dicken Büchern analysiert werden wird, mag man bezweifeln. Für den Moment allerdings ist Instalyrik ein Genre, in dem sich kreative, gesellschaftlich engagierte junge Leute austoben und Lyrik auch für Teenager und Mittzwanziger lesbar machen. Wie übrigens das – selbst vom prestigeträchtigen Kulturmagazin New Yorker gefeierte – Beispiel von Yrsa Daley-Ward zeigt, ist Instagram durchaus auch eine Plattform für klassisch-literarische Talente. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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