Die Liebe als soziales Wertungssystem

October 27, 2019

In Sally Rooneys Roman „Conversations with Friends“ werden zwischenmenschliche Beziehungen neu verhandelt. Der Autorin gelingt es, den scheinbar alltäglichen Momenten im Leben existenzielle Erkenntnisse abzugewinnen – und diese im nächsten Satz direkt wieder zu verwerfen. 

 

 

Die Dinge ändern sich nicht: Wenn in diesen Tagen das Semester wieder anfängt, haben die meisten von uns Vorsätze für ein neues Ich. Am Ende des Semesters dann die Bilanz: Die Vorstellungen über das Ich, das wir sein wollten, sind irgendwo zwischen 1 und 3 Uhr in einer denkwürdigen Nacht im November unter Tränen an der Schulter unserer besten Freundin untergegangen. Fortan gilt: Erstmal irgendwie klarkommen. Die Vorsätze werden gespart fürs nächste Semester. Wo dann alles von vorne beginnt.

 

Auch in Sally Rooneys Roman „Conversations with Friends“ beginnt immer alles von vorn, werden die zwischenmenschlichen Beziehungen der Protagonisten stetig neu verhandelt. Es geht um die Ich-Erzählerin Frances, eine Literaturstudentin Anfang 20 und ihre beste Freundin,Bobbi. Bobbi und Frances kennen sich seit Schulzeiten, waren mal ein Liebespaar, haben herausgefunden, dass das nicht so gut funktioniert, neu verhandelt und sind jetzt Freundinnen. Sie treffen auf Melissa und Nick. Erneut Verhandlungen. Melissa und Nick sind „alt“, in Bobbis und Frances Augen: Als Ehepaar in ihren Mittdreißigern, die in ihren jeweiligen Karrieren - Melissa ist Schriftstellerin, Nick Schauspieler - erste Erfolge zu verzeichnen haben, teilen sie nicht die Lebenswelt der beiden Studentinnen. Was heißt das für die Freundschaft dieses Quartetts? Wie verändert das die Gewohnheiten und Lebensanschauungen, die Bobbi und Frances bis jetzt geteilt haben? Bobbi und Nick wiederum stammen aus wohlhabenden Verhältnissen, der schillernde Kulturbetrieb ist für sie sicheres Terrain. Wieder Verhandlungen: Muss Frances sich deshalb von Ihnen bedroht fühlen? Ist sie zur ewigen Zweiten neben Bobbi verdammt? Oder ist Bobbi trotz ihres finanziellen und kulturellen Polsters angreifbarer als gedacht? 

  

Exzessive Verhandlungen darüber, was zwischenmenschliche Beziehungen im 21. Jahrhundert ausmachen, bergen stets die Gefahr, den Leser zu langweilen. Niemand möchte Romane lesen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die psychologischen Einsichten des Autors in die Münder fiktionaler Charaktere zu legen, um auf diese Weise den Leser zu belehren. Nicht so allerdings Sally Rooney. 

 

Rooney versucht nicht, Ihre Leser zu belehren 

 

Verantwortlich dafür ist die Ausgangsthese, auf die der Roman baut: Eine endgültige Lösung für unser persönliches Glück gibt es nicht, die einzelnen Parameter unseres Lebens müssen wir in jedem Moment neu verhandeln. Leben passiert in Sally Rooneys Romanen, meistens betont ereignislos. Frances und Bobbi treffen sich mit Melissa und Nick zu Dinner Parties, Lesungen und Theateraufführungen, ein Semester endet, das nächste beginnt. Es sind die Einzelheiten ihres Alltags, die den Stoff geben, anhand dessen sie die großen Fragen des Lebens verhandeln: über gewitzte Diskussionen in Kurznachrichten, bei einem Glas Wein, mit Kommilitonen in Coffeeshops: 

 

„if you look at love as something other than an interpersonal phenomenon and try to understand it as a social value system it’s both antiethical to capitalism, in that it challenges the axiom of selfishness which dicates the whole logic of inequality and yet also it’s subservient and facilitatory”  

 

Was Bobbi hier so rasant und scheinbar unumstößlich in ihr Smartphone getippt hat, kann auf der nächsten Seite schon nicht mehr stimmen. Vielleicht liest sie eine neue Theorie, vielleicht verliebt sie sich in eine andere Person: Auf einmal, so zeigt Rooney in ihrem Roman, sieht eine Alltagssituation, eine Unterhaltung, eine E-Mail oder ein Partyflirt ganz anders aus als noch im vorigen Moment. Worauf es im Leben ankommt, ist nicht die einzig richtige Antwort auf eine Frage zu finden, sondern die Fragen und die Antworten flexibel anpassen zu können, je nachdem, wie das Leben gerade spielt. 

 

Es gibt für Rooneys Charaktere keine klaren Antworten 

 

Dabei passt es in Rooneys Schema, dass sie sich als Autorin an eine einmal aufgestellte Theorie – der Alltag wirft genügend spannende Lebensfragen auf –  auch selbst nicht konsequent hält: Bleibt sie im ersten Teil des Romans bei einer betont belanglosen Schilderung des Alltags der Protagonisten, bedient sie sich im zweiten Teil zunehmend spannender Settings und tragischer Ereignisse. Bietet der studentische Alltag in Dublin grundsätzlich genügend Stoff für romantische Verwicklungen, kann ein Sommerhaus in Frankreich die Stimmung aufheizen. Sind die schwierigen Verhältnisse, in denen Frances mit ihrem alkoholabhängigen Vater und ihrer codependenten Mutter aufwächst, ausreichend, um die Bande zwischen ihr und ihren Freunden zu stärken hilft ihre tragische Erkrankung trotzdem, den schemenhaften Andeutungen im Plot Konturen zu verschaffen. Der Alltag ist spannend, scheint Rooney sagen zu wollen, aber ein bisschen Ablenkung davon schadet auch nicht und letztlich, dazu kommt der Roman immer wieder zurück, kann und will Rooney uns sowieso überhaupt nichts endgültig sagen. 

 

Was ich euch Lesern gerade erzählt habe, scheint sie am Ende des Romans mit einem Augenzwinkern zu erklären, ist für euer Leben irrelevant. Die Geschichte von Frances, Bobbi, Melissa und Nick sagt nichts aus über euer eigenes Leben, ja sie sagt nicht einmal viel aus über deren Leben, denn: Es geht weiter. Und während es weitergeht, stellen sich die gleichen Probleme, immer und immer wieder noch einmal. Wir haben keine Patentlösung und keine Formel für das endgültige Glück. Pläne und Vorsätze, Theorien und Erkenntnisse helfen nur so lange weiter, bis sich ein Parameter ändert. Bis eine Person die Stadt verlässt und wir eine andere Person kennenlernen. Bis eine Lebensphase zu Ende geht und eine andere anfängt.  Bestenfalls können wir den Prozess genießen. Den unseres eigenen Lebens, den der fiktionalen Charaktere. Sally Rooney macht es uns mit Conversations with Friends sehr einfach, genau das zu tun.

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