Sonntagskolumne: Ist das Kunst oder kann das weg?

November 3, 2019

Ein verstecktes Juwel hinter barocker Fassade

 

In Köln kann der Kunstinteressierte jeden Tag ein anderes Museum besuchen. Düsseldorfs Sammlungen strahlen ebenso wie die Kölner Institutionen – auch wenn das manche Kölner vielleicht leugnen. Die großen Städte sind also vollgestopft mit hochkarätiger Kunst. Was ist aber mit dem Rest des Rheinlandes? 

 

Man sollte meinen, dass eine Sammlung von Künstler*innen aus NRW größeres Auf- und Ansehen im ganzen Bundesland erregt. Dem ist leider nicht so. Vielleicht liegt es daran, dass das Kunsthaus NRW im beschaulichen Kornelimünster liegt. Vielleicht liegt es aber auch an den etwas verkorksten Öffnungszeiten des Museums. Fakt ist, das Kunsthaus ist eher weit abgeschlagen im Museumsranking. Deswegen schaue ich über den Kölnischen Tellerrand und nehme euch Leser einmal mit in die viel zu unterschätzte Sammlung.

 

 

Zunächst muss ich zugeben, dass die Fahrt bis Kornelimünster abgelegener ist, als ich angenommen hatte. Es ist zwar ein Stadtteil von Aachen, aber die Busfahrt über Wiesen und Felder dauert mehr als 25 Minuten. Umso größer dann die Überraschung bei der Ankunft. Es wird sicherlich einigen Besucher*innen wie mir bei ihrem ersten Besuch im Kunsthaus ergehen: Sie sind überwältigt. Denn bereits die Lage von Kornelimünster mitten im Grünen am Eifelsteig ist die halbe Rundreise durch das Rheinland wert. Der Ort sollte auf jeder Sonntagsausflugsliste stehen. Die Häuser wecken in mir eine leichte Englandnostalgie. Das Museum selbst ist in einer barocken Schlossanlage mit Garten und Abtei untergebracht. Früher wurde von hier aus die Reichsfürstabtei dirigiert. Zum Glück konnte man nämlich im 9. Jahrhundert eine Kopfreliquie des Heiligen Kornelius ergattern und Pilger anlocken. Der Fürstabt erbaute dann die Schlossanlage für sich und den Verwaltungsapparatus des Klosters. Das Kloster ist also ein Traditionshaus und beherbergt zwar keinen geistlichen Fürsten mehr, dafür aber zahlreiche Kunstwerke von nordrhein-westfälischen Künstler*innen. 

 

Da die Sonne scheint, schlendere ich durch den Schlosspark. Zunächst denkt man sich nichts bei der Bushaltestelle mitten auf der Wiese. Ich steuere auf sie zu. Mit einer magischen Anziehungskraft lädt die Wartebank zum Sitzen ein, obwohl kein Bus kommen wird. Die mit Graffiti besprühte Haltestelle ist nämlich ein Kunstobjekt Die Künstlerin Selma Gültopark hat zwar keine eigenen Busse, aber sie hat die Haltestellen. Eine beliebige Haltestelle wird dadurch zu einer eigenständigen Skulptur. Sie scheint ein Denkmal für die Wartehäuschen zu sein, die uns permanent auf der Straße begegnen und wir sie dennoch nicht wahrnehmen. In ihren Kunstwerken setzt sie sich durch diverse mediale Ansätze mit den Bushäuschen auseinander. Die gesamte Sammlung umfasst nur Künstler*innen, die seit 1910 ihren Abschluss oder Wohnsitz in NRW haben. Darunter sind natürlich auch große Namen wie Hilla und Bernd Becher, Rosemarie Trockel oder Joseph Fassbender.

 

Im Inneren führt der Rundgang zunächst durch die Präsentationsräume des Schlosses. Der Kontrast zwischen opulentem Barockdekor und modernem Kunstwerk erzeugt durchaus keine Disharmonie, sondern eine Synthese zwischen zwei Stilen. Es lässt beide Seiten noch lebendiger und eindringlicher wirken. Das Treppenhaus wird beispielsweise von einer Lichtinstallation bestehend aus einfachen Neonröhren beleuchtet, die von der obersten Etage bis zum Erdgeschoss reichen. Die barocke Empfangstreppe windet sich wie eine Schnecke darum und komplementiert die Installation erst. Ohne die alten Elemente käme die zeitgenössische Kunst wie in allen beliebigen White Cubes daher.

Von Plastik über Malerei, Videokunst und Bushaltestellen ist für jeden Liebhaber*in etwas dabei. Ein besonderes Highlight ist die sogenannte Atemwand AB 82/72 von Günther Weseler. Sie wird durch einen Sensor aktiviert und setzt sich zuerst langsam in Bewegung. Der Schaumstoff plustert sich auf der einen Seite auf und zieht sich anschließend wieder zusammen. Nun wird die linke Seite aufgebläht. Mir kommt sofort eine Assoziation: Der Schaumstoff ist eine grelle orangefarbene Lunge mit zwei Kammern, die sich abwechselnd mit Luft füllen.                                               

Das Kunsthaus NRW in Kornelimünster ist überaus vielseitig, weil es in zeitlichen Abständen seine Ausstellung ändert und niemals langweilt. Manchmal stutze ich, was alles Kunst werden kann: Der Schrankenzaun, den jeder von Baustellen kennt, liegt nicht im Gras, weil der Gärtner krank ist. Er ist ebenso wie die Bushaltestelle Teil eines Kunstprojekts von Ansgar Nierhoff und setzt mit anderen Teilen zu einer Skulptur zusammen. 

 

Wenn ich mal wieder Ruhe und künstlerische Überraschungen aus NRW sehen möchte, werde ich definitiv den Weg auf mich nehmen und nach Kornelimünster fahren. Denn das ist der Fakt: Obwohl im Kunsthaus nur Künstler mit dem Bezug zu NRW gesammelt werden, ist die Vielfalt unermesslich. Das Museum ist damit ein unfreiwilliger Geheimtipp abseits der üblichen Museumsmeilen. 

 

Öffnungszeiten und Adresse Kunsthaus NRW: 

 

Do. bis Sa. 14 – 18 Uhr
So. 12 – 18 Uhr

 

Jeden letzten Sonntag im Monat gibt es eine Führung. 

 

Abteigarten 6
52076 Aachen – Kornelimünster

 

 

 

 

 

 

 

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