Sonntagskolumne: Wo soll man nur anfangen mit... Simone de Beauvoir?

December 2, 2019

 

 

Wer nicht gerade selbst Philosophie studiert, fühlt sich von dicken, verschwurbelt formulierten Theoriebänden häufig abgeschreckt: Weder versteht man, was der Autor sagen möchte, noch kann man daraus irgendeine Relevanz für das eigene Leben ableiten. Nicht so bei den Existentialisten. Insbesondere, Simone de Beauvoir lesen bedeutet, sich mit grundlegenden philosophischen Fragen auseinanderzusetzen ohne jemals den Horizont des ersten Frühstückskaffees verlassen zu müssen. 

 

Ob ihre philosophischen oder literarischen Werke: Die Autorin schreibt immer von der eigenen Lebenserfahrung hinüber zum Grundsätzlichen. Es schadet auch gar nicht, dass sie sich nicht nur theoretisch damit auseinandergesetzt hat, wie die Frau den gesellschaftlichen Erwartungen an sich eine lange Nase macht, sondern auch ihr eigenes Leben im ständigen Kampf gegen diese Erwartungen gelebt hat. Für alle, die neugierig geworden sind auf diese spannende Frau, hier eine kleine Anleitung: 

 

Sarah Bakewell: At the Existentialist Café 

 

Wir beginnen mit einem Buch nicht vonSimone de Beauvoir, sondern übersie. Hier schreibt Sarah Bakewell so leichtfüßig, dass man keine Mühe hat, weiter zu lesen und so leidenschaftlich, dass man es kaum erwarten kann, mehr über die schillernde Lebens- und Gedankenwelt der Rollkragenpulliträger zu erfahren, der de Beauvoir und Co angehörten. Das Buch eignet sich vor allem für Leser, die mit Philosophie sonst nichts am Hut haben und anschaulich die Grundlagen von Phänomenologie und Existentialismus erklärt bekommen möchten.  

 

Simone de Beauvoir: Die Welt der schönen Bilder 

 

Benennen wir den Elefanten im Raum: Anders als häufig angenommen, verstand sich de Beauvoir vor allem als Schriftstellerin, nicht als Philosophin. Wenn sich jedoch in „Die Welt der schönen Bilder“ die Protagonistin fragt, wie sie ihrer jüngsten Tochter den Grund für das Böse in der Welt erklären soll oder das moralische Für und Wider ihrer außerehelichen Affäre abwägt, werden philosophische Betrachtungen und literarische Finesse in eine funkelnde Synthese gebracht. Noch dazu: Der Erzählband ist mit knapp 100 Seiten höchst kurzweilig. 

 

 

Simone de Beauvoir: In den besten Jahren 

 

Was kommt nach der Uni? Wie sichert man sich ein Leben in Freiheit, möglichst unabhängig von materiellen Faktoren? Wie lernt man immer wieder Neues dazu? Wie sollte man sich verhalten, wenn einem das politische Regime nicht passt? 

 

Wenn man von Simone de Beauvoir nur ein Werk liest, sollte es „In den besten Jahren“ sein, der zweite Band ihrer Autobiografie. Darin befindet sich nichts anderes als ein Lehrstück für ein gelungenes Leben. Er behandelt den Zeitraum vom Universitätsabschluss bis zu den ersten literarischen Erfolgen der Autorin. Sie beginnt ihren ersten richtigen Job als Philosophielehrerin, lernt Jean-Paul Sartre als ihren Lebensgefährten kennen, taucht ein in die Pariser Kultur- und Cafészene und befriedigt ihr Bedürfnis nach Abenteuer durch lange Reisen nach Spanien, Italien, Algerien. Neben diesen detailreichen Schilderungen ihres Lebens ist für den Genuss dieser Autobiografie vor allem die Haltung der Autorin entscheidend. Ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Erwartungen an ihre Person und ihre Rolle als Frau, mit ungehindertem Optimismus widmet sie sich der „Aufgabe, die ich mir damals (...) gestellt hatte: jeden Tag aufs neue ohne Hilfe mein Glück zu zimmern.“

 

 

Simone de Beauvoir: Das Blut der anderen 

 

Da steht man nun im Buchladen. Man hat sich in den Existentialismus eingelesen, ist fasziniert davon wie, Simone de Beauvoir in ihren Erzählungen die entscheidenden Fragen über Liebe, Beziehungen, Verantwortung, Widerstand, Freundschaft, Freiheit und Abenteuer anhand literarischer Beispiele verhandelt. Zeit, sich an einen Roman zu wagen. „Das Blut der anderen“ ist mit dem Prix Goncourt, dem prestige-trächtigsten Literaturpreis Frankreichs ausgezeichnet und deshalb wohl ein Muss für jeden de Beauvoir Fan. Es sei allerdings gesagt, was auch die Autorin in ihrer Autobiografie kritisch anerkennt: Die inneren Monologe der Charaktere wirken noch recht gestelzt und übermoralisch, der weibliche Hauptcharakter Helène an mancher Stelle unerträglich weinerlich. Für den Roman spricht aber das spannende Setting, inmitten des Widerstands gegen die deutsche Besatzung während des zweiten Weltkriegs. 

 

Further Reading: Das andere Geschlecht, Die Mandarins von Paris, Eine gebrochene Frau 

 

Wer so weit gekommen ist, braucht keine Anleitung mehr: Man arbeite sich genüsslich durch das berühmte feministische Werk „Das andere Geschlecht“, den ebenfalls mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten, etwa 1000 Seiten starken Roman „Die Mandarins von Paris“ oder die Erzählungen über Frauen mittleren Alters in „Eine gebrochene Frau“. Was an Simone de Beauvoirs Werken, ob philosophisch oder literarisch, immer wieder Freude macht, ist die Autonomie, die sie gerade ihren weiblichen Charakteren ohne jeden Zweifel zuspricht – ihnen auch aufbürdet, die Einfachheit, mit der sie alltägliche Herausforderungen zu philosophischen Grundsatzfragen aufbaut und die Konsequenz, mit der sie diese Fragen unbeantwortet lässt und damit die Suche nach den Antworten dem Leser selbst auferlegt.  

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