Sonntagskolumne: Ist das Kunst oder kann das weg?

December 8, 2019

Mittelalterliche Kunst = langweilig? Ein Gegenbeweis 

 

Wenn ich meine Freunde frage, welche Kunst sie mögen, schneidet das Mittelalter schlecht ab: zu viel Religion, versteckte Symbolik und Heiligenviten. Sie verurteilen das Mittelalter als dunkle Zeit und Rückschritt zwischen Antike und Renaissance. Die aktuelle Sonderschau im Museum Schnütgen lehrt den Mittelalter-Muffeln aber etwas anderes. 

 

Die Ausstellung Skulptur im Blick der Kamera im Museum Schnütgen fordert die vorgefasste Meinung über das Mittelalter heraus. Die Kuratorin Iris Metje verbindet das moderne Medium der Fotografie mit den antiquierten Skulpturen des Mittelalters. Es ist keine klassische Kunstausstellung und sie zeigt die Kunstobjekte nicht klassisch und didaktisch aufbereitet. Die Herzstücke sind die 1948 entstandenen Fotografien Alfred Tritschlers. Der Fotograf leitete zusammen mit Dr. Paul Wolff eine der erfolgreichsten Bildagenturen im 20. Jahrhundert. Die präsentierten Abzüge der Ausstellung zeigen mittelalterliche Plastiken aus dem Museumsbestand und konnten nach dem Zufallsfund in den Tiefen des Museumsarchiv neu interpretiert werden. 

 

Dis Situation nach dem Krieg in Köln ist folgende: In der Rheinmetropole steht kein Stein mehr auf dem anderen, die Artefakte des Museum Schnütgen sind ausgelagert. Bei den Menschen erwacht nach den Kriegswirren wieder eine Sehnsucht nach Kultur und dem Althergebrachten. In dieser Stimmung durchforstet Tritschler das Notdepot des Museums und fotografiert. Aber er fotografiert nicht, wie es im musealen Bereich üblich ist. Tritschler fokussiert sich eben nicht auf konservatorische oder dokumentarische Aspekte. Oft wirken solche Aufnahmen starr und präsentieren die Objekte ebenso, wie sie später hinter Glas, auf einem Podest oder an der Wand zu sehen sind. Er kippt die Objekte, lässt sie kontrastreich ausleuchten und geht auch mal in die Hocke, um aus der Untersicht zu fotografieren. 

 

Die Ausstellung im Museum bricht mit dem klassischen Ausstellungskonzept und andererseits hinterfragt sie die traditionellen Sehgewohnheiten auf die mittelalterliche Kunst. Im Raum stehen einige Originale den Originalabzügen von Tritschlers Fotografien gegenüber. Erst durch mehrmaliges Vergleichen kann man den Standpunkt des Fotografen ausmachen und die Detailaufnahmen der Stücke erkennen. Um den großen Schmerzensmann am Kreuz so zu sehen, wie Tritschler es tut, bedarf es einiger Verrenkungen, wodurch wahrscheinlich auch die Alarmanlage ausgelöst werden würde. Tritschler entpuppt sich als Meister der Inszenierung. 

Die Ausstellung verspricht ein fotografisches Erlebnis des Neuen Sehens. Selbst für Mittelalter-Neulinge offenbaren sich die gezeigten Objekte in einem noch unentdeckten Licht. Nicht nur, dass die Ausstellung in ihrer Gestaltung sehr modern ist, nein, man wird sogar aufgefordert selbst in die Rolle Tritschlers zu schlüpfen und soll unter dem Hashtag #tritschlerschnütgen seine eigenen Perspektiven posten. Leider fehlen einige Skulpturen und somit auch die Möglichkeit des Vergleichs zwischen Kunstobjekt und Fotokunst. Dennoch evoziert die Ausstellung ein anderes Bild der mittelalterlichen Artefakte und generiert einen doppelten Kunstsinn: die plastische Kunst wird in das Medium der fotografischen Kunst übersetzt. Der Betrachter sieht also Kunst in Kunst. Die Ästhetik Tritschlers lässt die Highlights der Schnütgenschen Sammlung wie die Siegburger Madonna in einem ganz anderen, unkonventionellen Licht erstrahlen. 

Vielleicht kann ich sogar meinen Freunden das Mittelalter dadurch etwas schmackhafter machen. 

 

 

 

Wechselausstellung: Skultpur im Blick der Kamera, bis 16.02.2020

 

 

Öffnungszeiten:

 

Mo                    geschlossen

Di bis So          10-18 Uhr
Do                    10-20 Uhr

KölnTag           10-22 Uhr

 

  


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