Sonntagskolumne: Geschichten aus der Stadt - Vom morgendlichen Bahnfahren und den Spielereien der Menschlichkeit

December 16, 2019

Dicke Regentropfen klatschen von außen gegen die Scheibe und unterstreichen so die montagmorgendliche Stimmung, die spürbar in der stickigen Luft des Abteils liegt. Ich sitze rechts außen in einem Viererabteil und sie am Fenster, mir schräg gegenüber. Normalerweise habe ich die Fensterplätze auch viel lieber, aber wenn schon jemand an dem einen Fensterplatz sitzt und der Randplatz, dieser Person schräg gegenüber, auch schon besetzt ist, quetsche ich mich nicht extra an den Leuten vorbei, nur für die 20 Minuten Bahnfahrt. Klar. Wobei die Reise doch immer gleich entspannter und erholsamer ist, wenn ich am Fenster sitzend hinausschauen kann. Oder ich betrachte mein eigenes Gesicht, gespiegelt in der mit Fettflecken versehenen Scheibe, beleuchtet vom Neonlicht der dahin ratternden Bahn. 

 

Das hat etwas sehr Beruhigendes, ganz egal, ob mir das eigene Abbild entgegenblickt, oder ob ich auf die vorüberziehende Außenwelt schaue. Aber trotzdem, mich in dem eh schon viel zu engen Abteil vorbei drängen an überschlagenen Beinen und auf dem Boden abgestellten Rucksäcken möchte ich dann doch nicht. Deshalb sitze ich jetzt hier am Rand und schaue sehnsüchtig am Profil meines Sitznachbarn vorbei. Aber worauf schaue ich eigentlich? Auf alles und nichts. Seien es vorüberziehende Grünstreifen, vorbeifahrende Autos oder die Anzeigetafeln der Haltestellen, ich schaue durch alles hindurch, was in meinen Sichtradius gelangt und hänge schlichtweg meinen Gedanken nach. Die können während dieser morgendlichen Bahnfahrten manchmal erschreckend tiefgründig und sentimental werden. 

 

Jedenfalls, ihr ist das scheinbar egal mit dem Durchquetschen. Sie hat sich vorgearbeitet bis zum Fensterplatz und sitzt jetzt da, überschlägt die Beine und stellt ihren dunkelroten Rucksack auf den Boden zwischen ihre Füße. Wieso macht diese kleine Distanz zwischen Fensterplatz und Randplatz eigentlich einen solchen Unterschied für mich? Ich kann mich am Rand einfach nicht so fallen lassen. Ich stecke in dieser überfüllten 07.30 - Bahn, inmitten von lauter Fremden, begrenze mit meiner Person den schmalen Gang, der sich mittig durch den gesamten Waggon zieht und mache mich so klein, wie es nur geht. Beide Füße auf dem Boden und Rucksack auf dem Schoß, damit es möglichst nicht zum Körperkontakt kommt, falls mal jemand vorbeimuss, um das Viererabteil zu verlassen. Am Fenster aber kann ich loslassen. Gemütlich in die Ecke sinken, die Kopfhörer in die Ohren und mein Lieblingslied auswählen oder die aktuelle Lektüre zur Hand nehmen, um für eine Zeit lang darin abzutauchen.  Außerdem kann ich dann getrost die Beine überschlagen und den Rucksack auf den Boden stellen, weil ja eh keiner durchmuss. Genau wie sie jetzt. 

 

So sitzen wir in der Bahn, ich am Rand, inmitten der Masse von Unbekannten und sie allein in ihrer Welt am Fenster. Große schwarze Kopfhörer, braune Haare, die im Mittelscheitel lang über die Schultern fallen, Brille, die ihre Augen größer wirken lassen und ein tannengrüner Pullover auf schwarzer Hose zu grauen Lederboots. Ich beobachte sie aufmerksam und frage mich, wer sie ist. Was hört sie wohl für Musik? Wie alt ist sie? Wo fährt sie hin, wo kommt sie her? Was hat sie für Interessen? Ich mustere ihre Gesichtszüge. Neben ihrer linken Augenbraue hat sie ein kleines Muttermal. Wie steht sie zu sich selbst? Mag sie, wie sie aussieht? Ist sie ein selbstbewusster Mensch? 

 

Ich überlege, ob es sich lohnt, ihrem Beispiel zu folgen, ob ich auch meine Kopfhörer anstecken soll. Ich weiß genau, nach welchem Song mir jetzt wäre. Aber das ist so umständlich, mit dem Rucksack auf dem Schoß, dem Kaffeebecher in der rechten Hand und mein Handy ist sowieso wieder in den Tiefen der Tasche versunken. Egal, zu viel Aufwand, am Ende rempele ich noch versehentlich den Mann mit der großen, bunten Reisetasche, der mir gegenübersitzt, an. Diese Kombination von seiner schlichten, schwarzen Kleidung und dieser kindlichen, grell gefärbten Tasche erscheint mir irgendwie grotesk. Die hat er sich bestimmt nicht selbst gekauft. Vermutlich ein Geschenk oder ein Überbleibsel aus alten Zeiten. 

 

Mein Blick schweift weiter über die Umgebung. Er wandert über die Gruppe von Schülern, die sich aufgeregt über den anstehenden Deutschtest unterhalten und verharrt für einen Moment auf den knallroten künstlichen Fingernägeln eines jungen Mädchens, doch dann bleiben meine Augen wieder an ihr hängen. Ich finde sie hat etwas. Sie zieht meine Aufmerksamkeit immer wieder auf sich. Ich finde sie hübsch, trotz des schiefen Lidstrichs über den hellbraunen Augen und des etwas zu breiten Mundes. Ich frage mich jetzt, ob sie eine schöne Kindheit hatte. Wie ist das Verhältnis zu ihren Eltern? Hat sie Geschwister? Ist sie glücklich? Weint sie oft? Ist der Lidstrich so verwackelt, weil sie heute Morgen in Eile war oder hat sie einfach kein Gefühl dafür? Trägt sie ihn jeden Tag auf? Oder war das heute ein Versuch, sich selbst neu zu erfinden, aus dem tiefen Gefühl heraus, mal etwas anders machen zu müssen? 

 

Ein Ruckeln. Genervtes Raunen geht durch die Menschenmenge und wir sind an der nächsten Station, die Bahn hält. Sie schaut noch einmal kurz auf ihr Handy, um einen Titel weiter zu klicken, setzt ihre Kapuze auf und steht dann auf, um auszusteigen. Auch der Junge neben mir am Fenster drängelt sich vorbei nach draußen. Ich schaue ihr durch das Fenster nach. Mit großen, bewusst gesetzten Schritten geht sie am Gleis entlang Richtung Ampel. Ob sie wohl noch umsteigen muss? Als sie aus meinem Blickfeld verschwindet, rutsche ich schnell nach links auf den frei gewordenen Fensterplatz. Jetzt kann ich endlich in Ruhe die Kopfhörer rauskramen. Ich überschlage die Beine und stelle meinen Rucksack auf dem Boden ab.

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