Sonntagskolumne: Ist das Kunst oder kann das weg?

January 12, 2020

Die Ausstellung Transcorporealities: Kostenlose Selbstkritik im Museum Ludwig 

 

Das Museum Ludwig bietet in seiner Eingangshalle eine kostenlose Ausstellung namens „Transcorporealities“ an und verwandelt den Bahnstation-ähnlichen Ort in eine pfiffige Selbstkritik. 

 

Wenn ich das Foyer des Museum Ludwig durch die automatische Glastür betrete, tauche ich in eine andere Welt ein. Draußen bin ich nur eine unter vielen Studierenden, im Foyer fühle ich mich zu den Kunstinteressierten zugehörig, zu einer ganz anderen Gruppe. Manchmal kommt es mir so vor, als wäre der Terrakottaboden ein Laufsteg, eine Bühne für Dekadenz und elitäre Großspurigkeit. 

 

An dieser Schnittstelle baut Oscar Murillo eine Bühne auf. Sie wird von drei Tribünen im Halbkreis umschlossen – die klassische Architektur des antiken Amphitheaters. Die Bühne ist jedoch leer. Nach hinten grenzt das Museum. Folgt man den Regeln der antiken Architektur wird das Museum zur Skene. Die Zuschauer bestehen einerseits aus den Besuchern, die auch gern auf den freien Sitzplätzen für Instagram posieren, und aus Puppen, die Murillo angefertigt und auf der Tribüne platziert hat. Alle Puppen sind individuell, haben kurze oder lange Haare, hellere oder dunklere Hautfarben, sind weiblich oder männlich. Einige unter ihnen geben durch ein Metallrohr ein Blick in ihr Inneres, worin ein braunes Gemisch mit Lehm gelegt ist. Sind es die kalten Herzen oder die Erde ihrer Heimat, die sie in sich tragen? Nur durch ihre Kleidung scheinen sie miteinander verbunden. Sie tragen alle Gummistiefel. Manche unter ihnen sind in einer Uniform gekleidet. Murillo stammt aus Kolumbien. Als Vorbilder für seine Püppis, wie es ein Kleinkind neben mir passend beschreibt, dienen seine Bekannten. Einige arbeiten in einer kolumbianischen Süßwarenfabrik oder haben eine Anstellung in der Kakaoindustrie. 

 

Darin besteht auch die Raffinesse der Ausstellung. Eine Eintrittskarte zu der hochkarätigen Kunst im Innenraum des Museums, also in der Skene, kostet acht bis zwölf Euro. Murillos Bühne ist frei zugänglich und drängt die Kritik an dem Ehepaar Ludwig dem Besucher gerade zu auf. Auch ich werde zum Teil des Publikums auf der Bühne und betrachte argwöhnisch die Skene, die nur eine Kulisse ist und etwas verbirgt. Die Polster der Tribüne sind mit Ausschnittenn aus Hans Haackes Werk „Der Pralinenmeister“ bedruckt. Der Künstler Haacke ist ein kritischer Geist und hat unter anderem die Entstehung des Museums mithilfe des  Ehepaares Ludwig thematisiert, die mit ihren zahlreichen Schenkungen und Stiftungen aus ihrer exorbitanten Kunstsammlung quasi die Marke Ludwig gegründet haben. Ihre Bilder füllen neben dem Kölner Museum auch das Ludwigforum in Aachen oder das Antikenmuseum in Basel. Angefangen hat es mit einem Mäzenatentum für Picasso und entwickelte sich zu einer Sucht nach immer mehr Kunstobjekten. Ihr Geld haben sie mit einer süßen Sucht gemacht: die zarte Versuchung der Schokolade. Nun erklärt sich selbstverständlich auch die Verbindung zwischen den Arbeitern in Kolumbien und dem Kölner Haus. Die Ludwigs können sich durch das Geschäft mit dem braunen Gold als Kunstmäzene selbst nobilitieren. Und der Besucher? Der flaniert im Foyer und ergötzt sich an den ausgestellten Werken, ohne die ökonomischen Hintergründe zu kennen. Denn das kolumbianische Prekariat erwirtschaftet unser Kunsttheater. 

 

Neben dem Aufbau von Murillo zeigt das Museum andere Künstler, wie z.B. Jesse Darlings Bezüge zur Kölner Stadtheiligen St. Ursula und dem (leider noch nicht überwundenen) Frauenbild oder Sondra Perry, die mit einem, zum Kunstwerk umfunktionierten Bagger, auf die bisher wenig bekannten Hintergründe des Central Parks in New York aufmerksam macht Selbstoptimierung, Körperbilder und Identitätsmuster stellt sie durch ein manipuliertes Fitnessrad in Frage. 

Und das Beste ist: Niemand muss Eintritt zahlen. 


Museum Ludwig

Here and Now at Museum Ludwig, Transcorporealities

bis 19. Januar 

 

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