Sonntagskolumne: Geschichten aus der Stadt - Geisterstadt



Ich stehe betrunken vor dem Club, rauche frierend eine Zigarette und denke an dich. Wie könnte ich auch anders? Wie oft standest du schon hier, rauchend, aber nicht frierend. Denn du hast nie gefroren, du warst immer warm. Die Anderen fragen sich bestimmt schon, wo ich bleibe aber ich kann noch nicht wieder rein gehen. Ich stehe hier wie versteinert und gebe mich unvermeidlich dem Schwelgen in Erinnerung hin. So lange ist das alles schon her, aber wenn ich hier bin, fühlt es sich so präsent an. Ich komme zurück in diese Stadt und damit kommst auch du zurück. Ich kann dich fast spüren, wie du mit großen Schritten auf mich zu kommst, dieser liebevolle und doch irgendwie zögerliche Blick in deinen Augen. Wie du deinen Arm um mich legst und mich an dich drückst, um mich zu wärmen. Ein Schauer überkommt mich, diesmal ist er nicht der Kälte geschuldet. Ich schließe die Augen und konzentriere mich wieder auf die Gegenwart. Die heruntergekommene, grau verwaschene Hausfassade, die mal weiß war. Partyklassiker der unterschiedlichsten Genres mit schlecht unterlegten Beat und viel zu viel Bass, der durch die Tür bis zu mir dröhnt. Du hast immer zu jeder Musik getanzt, so schlecht sie auch war.

Mir wird ziemlich schwindelig, ich hätte statt dem letzten Bier wohl doch lieber ein Wasser trinken sollen. Ich frage mich, wie viel davon echt ist, von dieser vermeintlichen Sehnsucht, die jetzt wie ein Kloß in meinem Hals sitzt und mir das Atmen erschwert. Ist diese Sehnsucht nur entstanden, um in mir das Gefühl hervorzurufen, du hättest mein Heilmittel sein können? Die Erfüllung eines jenen tiefen, unstillbaren Bedürfnisses des Menschen nach Geborgenheit und Zuneigung? Ich würde jetzt gerne denken, nein. Dass ich dich wiedersehen will, dass ich nicht aufhören kann an dich zu denken und, dass wir uns eine Chance geben müssen, einander neu kennenzulernen, weil wir füreinander bestimmt sind. Aber so ist es eben nicht.

Ein weiterer Schauer überkommt mich. Timing war nie unsere Stärke und wir waren nie stark genug, uns über schlechtes Timing hinwegzusetzen. Wir waren nur in seltenen Momenten gut füreinander. Die rosa Watte, in die mein Unterbewusstsein diese, schon so oft neu gewonnene Erkenntnis verpackt hat, will das nur vor mir verbergen. Damit ich festhalten kann an diesem schmäler werdenden Faden namens Hoffnung. Aber ich durchschaue es. Durchschaue mich selbst und sehe die Realität klar vor Augen. Wir waren nie füreinander bestimmt. Unsere Geschichte ist keine von jenen kitschigen, die mit einer glücklichen Beziehung endet. Wobei das nicht heißt, dass das Ende schlecht ist. Unsere Geschichte ist einfach irgendwie im Sand verlaufen und ich weiß genau, das ist auch gut so. Das Zögern in deinen Augen, ich sehe es immer noch vor mir. So voller Zuneigung war dein Blick, aber dennoch nie ohne dieses Hadern.

Im Augenwinkel sehe ich, wie jemand auf mich zukommt. Ein Typ aus dem Club steht jetzt vor mir und schaut mich mit betrunkenen Augen an. „Hey, hast du zufällig ‘ne Zigarette übrig?“, fragt er mich. Ich weiß, es ist nur eine einfache Frage. Aber ich kenne das. An diesem Ort und um diese Uhrzeit gibt es keine einfachen Fragen mehr, alles führt irgendwohin, um schlussendlich doch im Nichts zu enden. So hat das bei uns ja auch angefangen. Nicht im Geringsten habe ich geahnt, was noch alles auf mich zukommen würde damals an diesem Abend auf der Dachterrasse. Manchmal muss ich plötzlich an dich denken, frage mich, was du machst, ob du dich verändert hast. Unsere Anziehung war schließlich echt, manchmal spüre ich sie immer noch und deshalb wirst du trotz allem immer ein Teil von mir bleiben.

Sein Blick geht jetzt abschätzend an meinem Körper auf und ab. Ich habe keine Lust auf Spielchen heute. „Ne, sorry.“, antworte ich abweisend und lasse ihn stehen. Zielstrebig laufe ich auf die andere Straßenseite, ohne jedoch ein wirkliches Ziel zu haben. Hauptsache weg da. Während ich so laufe und mich dabei umschaue, bleibt mein Blick an einem Auto hängen. Ich werde langsamer und bleibe schließlich stehen. Genau hier hast du auch mal geparkt. Ich war über Nacht bei dir und am nächsten Morgen sind wir zusammen zu deinem Auto gelaufen, weil du darauf bestanden hast, mich nach Hause zu fahren. Mir ist immer noch kalt, aber die frische Luft und die Bewegung tun mir gut. Mein Kopf wird endlich langsam klarer.


Nach ein paar Schritten aber bleibe ich stehen und setze mich auf eine Bank. Besser gesagt auf die Bank. Die Bank, auf der wir das längste Gespräch hatten, das wir je geführt haben. Wow, wie ist das jetzt überhaupt passiert? Wieso sitze ich ausgerechnet hier, wenn ich doch überall hätte hinlaufen können? Habe ich gerade eben nicht noch gedacht, ich laufe ziellos durch die Gegend? Mein Körper scheint wohl doch, wenn auch unbewusst, die Erinnerungen an dich zu verfolgen. Wie dem auch sei, viel geredet haben wir sonst eigentlich nie, das muss ich zugeben. Vermutlich war auch genau das unser Problem. Du brauchtest mir nur selten etwas mit Worten zu sagen, weil mir ein Blick von dir gereicht hat, um dich auf eine seltsam perfekte Art und Weise verstehen zu können. Umgekehrt genauso, ich glaube es gab kaum jemanden, der mich je so durchschaut hat wie du. Es war trotzdem nicht genug. Außerdem bin ich damit schon beim nächsten Problem, das hat mir nämlich eine verdammt große Angst eingejagt. Und diese Angst hat mich zugegebenermaßen nicht sehr gut dastehen lassen.

Ich habe noch immer das Gefühl, als würde mein Blut mit dem Takt der Musik pulsieren und der Bass dröhnt weiter in meinen Ohren, obwohl er schon längst außer Hörweite ist. Ich schließe die Augen und atme tief ein und aus. Meine Sinne nehmen all die für eine durchfeierte Nacht typischen Merkmale war. Ich höre ein paar klappernde Absätze irgendwo rechts von mir und zwei sich streitende Männerstimmen aus einiger Entfernung. In der Luft der Geruch von Zigarettenrauch und Bier, vermischt mit anderen Aromen, deren Ursprung ich mir gar nicht näher ausmalen möchte. Ich rümpfe die Nase.

Als ich meine Augen wieder öffne, kann ich sehen, dass das tiefe Schwarz des Himmels bereits einem dunklen Grau gewichen ist. Und mit der für die Nacht typischen Zauber weicht auch meine nostalgische Stimmung. Jetzt fühle ich mich ein bisschen kindisch, fast schon ertappt. Wie ich hier alleine in der Kälte auf dieser Bank sitze und wider aller Vernunft zum Hundertsten Mal dieses Was-wäre-wenn in meinem Kopf durchspiele. Ich fühle mich wie ein lebendig gewordenes Klischee, wie die Verkörperung aller gescheiterten Versuche des Verliebtseins dieser Erde. Obwohl ich weiß, dass mehr dahintersteckt, schiebe ich mein Verhalten auf den Alkohol.

Ich hole mein Handy raus, um die Uhrzeit zu checken. Ein verpasster Anruf und mehrere Nachrichten, wo ich denn bleibe und, ob es mir gut geht, wir wollen doch bald gehen. Ich stehe auf und mache mich auf den Weg zurück zum Club, aber nicht, ohne vorher noch einmal einen intensiven Blick über meine Umgebung schweifen zu lassen. Über die Fassaden und die Dächer, über die vereinzelt parkenden Autos, über die sich hebende und senkende Bordsteinkante, über meine Erinnerungen. Du bist überall und doch nur in meinem Kopf. Meine Stadt. Deine Stadt. Geisterstadt.

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