Sonntagskolumne: Kritik der Bildung

January 27, 2020

 

Der schrecklichste Ort der Welt, die Hauptbibliothek der Uni Köln, ist mal wieder überfüllt. Wie jedes Semesterende herrscht intensivster Betrieb, wenn 60.000 (oder wie viele es auch sein mögen) Studierende gleichzeitig Prüfungsphase haben. Ich bin nicht zum Lernen hier, ich möchte ein Buch ausleihen. Am Eingang bewundere ich eine Neuerung der Bibliothekspolitik: Ein Scanner versperrt den Weg zu den Lesesälen und sogar zu den  Toiletten – wie zwischen Check-In Halle und Sicherheitsbereich im Flughafen. Das ist leider eine Sache, die wahrscheinlich die Wenigsten wundert, aber einer dieser Wenigsten bin ich, und ich mich darüber auskolumnieren. Denn es irritiert mich zutiefst, was ein solcher Zustand über unseren Umgang mit Bildung aussagt: 

 

1) Das Bildungssystem - das sogenannte - scheint seinen Kern in Prüfungen zu haben. Doch diese haben wenig mit Pädagogik zu tun, sie stellen nur eine Androhung von Sanktionen dar. Dem Ungehorsam und dem Versagen wird in der Uni, ähnlich wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen, mit Strafen und Strafandrohungen begegnet (‘Wenn du Jobangebote ausschlägst, kürzen wir deine Sozialleistungen.’). Die Sanktion wird nicht hinterfragt, Gesetz ist eben Gesetz. Das ist die Logik eines grenzdebilen Dorfsheriffs, die ebenfalls mit Bildung wenig zu tun hat. Die Prüfung ist der erhobene Zeigefinger des deutschen Bildungssystems. Erhobene Zeigefinger machen niemanden klug, sie fördern nicht das Reifen von Menschen, sie erklären auch nichts, kümmern sich um kein “Warum?”.

Denn:

 

2) Erhobene Zeigefinger produzieren nur eines: Konformität. Wer in Bezug auf Bildungszertifikate erfolgreich sein will und sich seine Chancen, ein lebenswertes Leben zu führen, nicht unnötig verbauen will, schwimmt am besten mit dem Strom. Es ist nicht so, als ob Menschen einen großen Entscheidungsspielraum in dieser ach-so-freien Gesellschaft hätten. Manche Studis verbringen die Zeit zu 50% mit Langeweile, zu 50% mit Stress, dazwischen gibt es relativ wenig. In Vorlesungen ist das Verhältnis am gravierendsten: In der ersten Sitzung sind alle aufgekratzt (“Was muss man für die 2CP machen?”), ab der zweiten Sitzung folgt oft nur noch mildes Desinteresse. Anwesenheit besteht nur dann, wenn es nicht anders geht. Selten erscheint man, weil die Veranstaltung besonders gut und relevant ist. Man ist ja an der Uni, um einen gestempelten Zettel mit Abschlussnote zu bekommen, und nur zweitrangig, um etwas zu lernen. Also tingeln wir alle in die Bib, manche mit gebeugtem Haupt, viele aber auch strunzmunter. Wir kennen es ja nicht anders. Jahre der Erfahrung an staatlichen Schulen haben uns eingebläut, dass Bildung ein Spiel ist, in dem es um Prestige, Konkurrenz und darum, wer sich am geschicktesten durchmogelt, geht. Und wer hat uns das beigebracht? Die Menschen, die in der Schule und in ihrem Lehramtsstudium genau das gelernt haben: Wie schummle ich mich am besten durch, wie bekomme ich am leichtesten meine Credits? Wie kann ich möglichst wenig arbeiten, wie kann ich möglichst faul sein? Unsere Lehrer*innen können nichts dafür, dass viele von ihnen versagen, weil die Ihrigen genauso oft versagt haben. 

 

 

“Well, Daddy, don't you know that things go in cycles?”

-A Tribe Called Quest

 

 

Eines ist aber fraglich: Ist das Mitlaufen mit einem System, das den Erwerb von Leistungspunkten erzwingt, ist diese Konformität aller ein Ziel, das es anzustreben lohnt? Die auf den ersten Blick einleuchtende Antwort: Nein. Doch für einige wenige Mächtige ist dieses System am profitabelsten. Aber stopp! Das hier soll kein kapitalismuskritisches Pamphlet werden, Entschuldigung!

 

Weiter zu Punkt 

3): Die Studierenden besitzen auf die Studieninhalte bezogen zum Teil die Möglichkeit der Partizipation, auf didaktischer Ebene aber überhaupt nicht. Denn als ‘Didaktik’ wird in der Praxis oft nur verkauft, was ich benennen würde als: “Einer steht vorne und sagt an, was geht. Wer ‘n Problem hat kann ja gehen”. Die Haltung der meisten Studis ist passiv-rezeptiv, es entstehen selten Reibungen zwischen verschiedenen Meinungen und es kommt kaum zu einem kritischen Hinterfragen. Wozu existiert beispielsweise ein bestimmter Lehrstuhl? Und warum ist diese eine Dozentin so verdammt inkompetent? Es ist ja schön, wenn sich alle liebhaben und keiner die eingeübten Routinen stört, aber dann findet halt keine Bildung statt. Natürlich gibt es aber Mitbestimmung- man kann sich z.B. in einigen Fällen aussuchen, über welches Thema eine Hausarbeit geschrieben wird. Doch diese Hausarbeit schreibt man innerhalb eines festen Themenkanons, in einem Seminar, man wird zum Format der Hausarbeit gezwungen, und um zu Punkt 1) zurückzukommen: Man wird nur zugelassen, wenn man einen “Fixplatz” hat, und man macht das alles nur, um am Ende einen “Leistungsnachweis” in Form von “ECTS” “verklipst” zu bekommen. Diese Sprache sagt doch wirklich alles, oder? An der Uni wird wenig gebildet und viel verwaltet. Denn Menschen sind ja noch immer da, um verwaltet zu werden. Die Universität ist in ihrer Rolle als Machtkonstrukt weniger weit vom Gefängnis entfernt als sie es gerne wäre. Wem nützt das? Ich raff’s nicht. 

 

 

4) Die institutionelle Bildung krankt an einem Anachronismus sondergleichen. Das meint, dass wir immer noch (aus-)bilden, als befänden wir uns irgendwo zwischen Bismarck und Adenauer, während die Welt, in die ich mich reingeschmissen wähne, wenn ich meinen Abschluss “of Arts” endlich habe und gerne sinnvoll arbeiten möchte, eine völlig andere ist. Ich lerne Konformität und soll Flexibilität, Transformation und Innovation praktizieren. Norbert Elias bezeichnet das als den Effekt des “Nachhinkens” des sozialen Habitus: Wir meinen, wenn wir nur bei PISA-Studien besser abschneiden würden, könnte alles beim Alten bleiben, wäre doch auch bequem. So wirklich zeitgemäß scheint eigentlich nichts an der Uni, weder die intransparenten Entscheidungsprozesse, noch die mangelnde Einbindung in die Arbeitswelt, noch die dreieinhalb Beamer pro Fakultät. Das nützt doch wirklich niemandem. Oder doch? Ich raff’s nicht.

 

“Ich raff’s immer noch nicht”

-Tyler Durden

 

Und die Moral? Um gute Bildung müssen wir uns alle selbstständig kümmern. Was die Uni nicht bietet, müssen wir selber machen. Die Semesterferien haben genauso viel Zeit, Kraft und Fleiß verdient, wie die Prüfungsphase. Also habt ganz viel Erfolg in der stressigsten Zeit des Semesters und vergesst nicht: Wenn die Prüfungen vorbei sind, beginnt das Leben. Und die ‘Scanner’, die dort warten, sind die wahren Endgegner.

 

 

 

 

 

 

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