Sonntagskolumne: Gedanken zum Shutdown

March 15, 2020

Es ist überall: die Pandemie ausgelöst durch den Erreger Covid-19. Unsere Redaktion sammelt für die heutige Sonntagskolumne einige Gedanken und Erlebnisse der letzten Tage, die uns schockiert oder auch positiv überrascht haben. Wir wünschen allen, dass sie gesund bleiben und hoffen, dass sich die Lage wieder beruhigt. 

 

Kathrin Nowitzki

Solidarität statt Panik

 

Durch die globale Verbreitung des COVID-19 Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen für das öffentliche Leben, fühlt sich selbst die Millionenstadt Köln wie eine Geisterstadt an. Alles dreht sich um die Themen Corona, Präventionsmaßnahmen und die befürchteten Hamstereinkäufe. Einige Regale sind leergeräumt und obwohl Nachschub kommen wird breitet sich Panik aus. Bei all dieser Verunsicherung darf man eines nicht vergessen, und das ist Solidarität. Solidarität für die Menschen, die aufgrund ihres Alters oder einer Krankheit das Haus nur selten verlassen möchten, weil ihnen das Virus wirklich zusetzen könnte. Diese Personen brauchen einen gewissen Vorrat, dass sie das Risiko minimieren können, sich nicht anzustecken, oder zumindest es so weit hinauszuzögern, dass die Krankenhäuser nicht überfüllt sind. Daher ist es an uns, gesunden Menschen, es sich zweimal zu überlegen, ob man die zehn Packungen Toilettenpapier braucht, oder einfach seinen normalen Konsum fortsetzt, um Menschen, die wirklich gesundheitlich betroffen sein könnten, nicht die Chance verbaut, sich gut versorgen zu können.

 

 

Max Lange

Der Rückzug ins Heimische.

 

Wenn die soziale Verantwortung verlangt, seine Sozialkontakte zu minimieren und sich in die eigenen vier Wände zurückzuziehen, kommt schnell Langeweile auf. Ein guter Zeitpunkt, um sich einmal anzuschauen, was die Literatur zu bieten hat. Nicht nur um die Langeweile zu vertreiben, sondern auch um etwas über den Rückzug und die Isolation zu lernen, die viele im Moment erleben. Hier also 3 Bücher, die auf vielfältige Weise das Thema Isolation und Rückzug behandeln:

Der Zementgarten von Ian McEwan

Nachdem die Mutter stirbt, sind 4 Geschwister auf sich alleine gestellt. Anstatt den Todesfall zu melden, wird die Mutter allerdings in Zement betoniert und so ihr Tod vertuscht. Die zwei Jungen und zwei Mädchen leben nun unter sich. Keiner geht zur Schule und ihr Leben konzentriert sich auf das Haus in einem geisterhaften Vorort. Hier ist der Rückzug ins Heimische ein Resultat der Notwendigkeit, etwas nicht herauslassen zu wollen.

Frühling der Barbaren von Jonas Lüscher

Eine Novelle und inhaltlich der aktuellen Situation vielleicht am nächsten. Hier befindet sich ein Fabrikerbe in der Gesellschaft zahlreicher wohlbetuchter Engländer in einem Resort in Tunesien. Gleichzeitig erklärt England den Staatsbankrott. Von diesem Zeitpunkt an sind alle Personen im Resort ohne Geld und Möglichkeit dem Ort zu entkommen. Hier zeigt sich, wie fragil die Strukturen, die uns umgeben, sein können und wie wenig es braucht, um das Selbstverständliche nicht mehr selbstverständlich zu machen.

Die Selbstmord-Schwestern von Jefferey Eugenides

Eingesperrt und eingeschränkt durch die fundamentalistisch christliche Erziehung der Mutter versuchen 5 Töchter innerhalb ihres Elternhauses das Leben normaler Teenager zu führen, was die Grenzen des Häuslichen immer wieder testet. So wird das Dach zum Schauplatz freizügigem Ausdrucks und der Kontakt zu den Nachbarjungen durch den lampengenerierten Morsecode ermöglicht. Es bringt einen zum Nachdenken, welche Menschen auch ohne Covid-19 Krise ihre vier Wände nicht verlassen können.

 


Sophie Roßberg  

Wenn Einsamkeit krank macht

 

Die Bundesregierung und andere Institutionen mahnen die Bevölkerung, die sozialen Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren. Neben der Angst vor einer möglichen Infektion durch das Virus isoliert dieses Gebot vor allem ältere Menschen. Meine Oma ist 91 Jahre alt und gehört zu einer der Risikogruppen. In ihrem Altersheim verhält man sich noch ruhig. Dennoch ist eine der ersten Maßnahmen ein Besucherstopp. Wie einsam sie sich jetzt fühlt, kann ich mir nur vorstellen. 

So ähnlich ergeht es sicherlich vielen älteren Semestern, die abgeschottet in Heimen oder Wohnungen versuchen, 24 Stunden ohne unnötigen Kontakt zu anderen geliebten Personen zu verbringen. Trotz dessen wäre es leichtsinnig, unsere Großeltern zu besuchen oder die Enkelkinder, die Zwangsferien haben, zu ihnen zu schicken. Jedoch sollte sich die jüngere Generation auch dessen bewusstwerden, was es heißt, seine Familie nicht sehen zu können oder gar zu dürfen. Nicht alle Ü-60 haben Zugang zu elektronischen Geräten, die zumindest den digitalen Austausch über Monitore, Displays oder Lautsprecher garantieren. Auch dies ist ein Fakt: Der Coronavirus macht einsam. In der Isolation schüren Ängste die Rachen zu und der Verstand hat Zeit, sich die schlimmsten Szenarien auszumalen. Den PflegerInnen offenbart sich eine unlösbare Aufgabe. Sie sind Ersatz für Familie, Freunde und die einzigen persönlichen Kontakte. Viele Großeltern haben mehr Erfahrungen in den letzten 70 Jahren der deutschen Geschichte wie Diktaturen, politische und soziale Umstürze und Krisen erfahren, aber eine virale Pandemie, die wie ein Schreckgespenst vor der Heimtür lauert, ist ein Novum und macht sie auf diversen psychischen und physischen Ebenen angreifbar. Ebenso unbegreiflich scheint die diktierte Isolation für schon getrübte Geister wie z.B. Demenzerkrankte, die die Geschehnisse in ihrer Komplexität nicht begreifen können und denen die Einsamkeit ein Martyrium ist. 

Vielleicht geht auch meiner Oma durch den Kopf, dass sie uns Kinder und Kindeskinder nie wieder sehen wird. Umso wichtiger ist es, die Menschen, die sich zwangsläufig einer solchen Separierung beugen müssen, zu beruhigen, ihnen gut zuzureden und positive Nachrichten zu überbringen. Denn ich bin mir sicher: Einsamkeit kann auch töten. 

 

 

Placido Canterella

Medienmagnet Corona 

 

Hört man sich die Medienwelt der letzten Wochen und Tage an, so könnte man meinen die Menschheit kennt keine andere Geisel mehr. Nachrichtensender scheinen ihre Sendezeiten nur dafür zu nutzen, um sich gegenseitig mit immer höheren Zahlen zu Infektionsfällen zu übertreffen. Von neutraler Berichterstattung hört man die Tage wenig. Die ernsthafte Gefahr, die für viele Menschen durch dieses Virus Realität ist, geht zu Gunsten der Sensationslust unter. Der naive Aktionismus der Regierung vor der Kamera erscheinen im Alltag utopisch und tragen nicht zur Entspannung der Situation bei. Dabei droht der Fokus völlig verloren zu gehen. Die Frage wie die medizinischen Fachkräfte in solchen Zeiten ausgestattet und unterstützt werden sollten, wird mit 08-15-Weisheiten wie Händewaschen und Niesen in die Armbeuge weggewischt. Statt zu klären wie Hilfsorganisationen z.B. „Die Tafeln“ weiterhin Lebensmittel für Bedürftige sammeln können, zeigt man lieber leer gekaufte Regale in den Discountern, die am nächsten Tag wieder voll sind. Die wahnwitzigen Hamsterkäufe sind natürlich spannender als mittellose Menschen, die demselben Problem ausgesetzt sind. Die drohende Rückkehr einer Finanzkrise an der Börse verkauft sich nätürlich besser als die Lage, in denen sich viele Kleinunternehmer mittlerweile befinden. Wir vergessen sehr schnell, das COVID-19 nicht die erste und einzige Krankheit ist, die Menschen bedroht und nicht nur für die Industrienationen eine Krise darstellt. 

 

Nikolaus Thiess

“Was für eine Orgie, 12 Verletzte, sechs Tote. Darunter drei Deutsche!”

-KIZ

 

Ich habe heut zum ersten Mal nachvollziehen können, warum bei Unfällen und Katastrophen im Ausland immer angegeben wird, wenn Deutsche unter den Opfern sind: Bis vor wenigen Tagen wollte ich nicht über Themen rund um Corona sprechen, ich fühlte mich uninformiert und empfand diese Gespräche als unproduktiv. Wir hier in Deutschland kriegen davon doch eh nichts mit, also wozu drüber reden? Die letzten Tage haben mich wachgerüttelt: Ich blende Sachen aus. Manchmal hilft das, sich zu fokussieren. In diesem Fall war ich einer Gefahr blind und muss hoffen, noch möglichst keinen Schaden angerichtet zu haben. Es ist gruselig, sich selbst dabei auf die Schliche zu kommen, wie hochmütig und naiv man davon ausgeht, die Welt sei einfach da und es könne einem nichts passieren. Jetzt ist es zu spät, wir haben steigende Infektionsraten und damit Todesfälle (auch Deutsche...) aufgrund eines Virus, das sich scheinbar ungebremst ausbreitet. Das liegt aber nicht am Virus, sondern 1.) an der späten Reaktion der Politik und 2.) an unserer mangelnden Bereitschaft, persönlich kürzer zu treten. Wir konnten uns bei wichtigen Entscheidungen noch nie auf Regierungen und Behörden verlassen, aber wir haben das längst vergessen, weil lange Zeit nichts mehr passiert ist. Finanzkrisen, Klimawandel oder die Abschottungspolitik der EU hätten uns darauf aufmerksam machen müssen, dass wir alle eine große Verantwortung tragen, um globalen Krisen zu begegnen. Wir begreifen offenbar nicht, wie wir selbst mit einem globalen Weltgeschehen umgehen müssen, weil unsere Hochmütigkeit die im Nachhinein offensichtlichen Gefahren ausblendet (“Hier bei uns wird schon nichts passieren”). Jetzt, nachdem wir schon mittendrin stecken, hilft nur noch der Abbruch direkter sozialer Kontakte und die Solidarität mit allen, die gefährdet sind, sowie mit denen, die keine finanziellen Rücklagen haben um sich in der kommenden Zeit zu ernähren. Gebt euer Bestes.

Und: Treat every crisis like a crisis!

 

 

 

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