Sonntagskolumne: Geschichten aus der Stadt - Aus dem Leben eines Essgestörten

March 22, 2020

Ab morgen wird alles anders. Das sage ich mir während ich im Bett liege und wie so oft nicht einschlafen kann. Mein Körper fühlt sich schwer an, wie er sich in die Matratze drückt, nicht einmal im Liegen ist mein Bauch flach. Ich fasse hin und spüre die kleine, vertraute Wölbung am Übergang zwischen Hosenbund und meiner Haut. Aber klein ist immer noch zu groß. Automatisch drehe ich mich auf die Seite und bereue es sofort. Mein Bauch fühlt sich an, als wäre er um das Zehnfache gewachsen. Aber auf der Seite liege ich nun mal am bequemsten. Also ziehe ich das kleine Kissen unter meinem großen Kopfkissen hervor und schlinge die Arme darum, sodass es von außen an meinen Bauch drückt. So spüre ich das zur Seite fallende Fett nicht so. Was ziehe ich denn morgen eigentlich an? Ich habe eine große Auswahl an Klamotten, aber die meisten sind entweder zu groß oder zu klein, wegen meiner ständigen Gewichtsschwankungen. Ich bin es so leid. Wieso kann ich nicht endlich mal so richtig abnehmen? Wieso kann ich mich nicht einfach zusammenreißen? Ich will endlich dünn sein.

 

Mein Wecker klingelt, irgendwie bin ich wohl doch eingeschlafen während der gedanklichen Outfit-Planung. Es ist Morgen, das Frühstück ist jetzt die erste Herausforderung. Wobei, ich will ja heute die Kalorien von gestern ausgleichen, also hat sich das eigentlich schneller erledigt als gedacht. Das Frühstück fällt heute aus. Ich nehme einfach einen Apfel mit, den esse ich in der ersten Pause, dann muss das bis zum Mittagessen reichen. Es gibt viele Leute, die in der Früh nichts essen, ich bin also ganz normal. Außerdem spart das Zeit ein, damit ich länger habe, um mein Outfit zu perfektionieren. Ich schlüpfe aus meinem Schlafanzug, mache den Schrank auf und sehe mich im Spiegel an der Innenseite der Schranktür. Sofort zieht sich alles in mir zusammen. Ich schließe die Augen und atme tief ein und aus. Kein Drama heute, bitte ausnahmsweise mal nicht, dafür fehlt mir einfach die Kraft. Ich öffne die Augen wieder und ich kann es nicht aufhalten. Hass auf meinen eigenen Körper überkommt mich, wie eine gewaltige Flutwelle. Es ist einfach zu viel. Zu viel Arm, zu viel Oberschenkel, zu viel Kinn und vor allem zu viel Bauch. Zu viel von mir. Ich weiß, das bin nicht ich, das ist sie. Diese andere Seite von mir, die so voller Hass ist. In manchen Momenten macht sie mich unglaublich wütend, dann denke ich, ihr Gift bringt mich um. Aber ich kann mich nicht lösen von ihr. Denn oft ist sie auch mein einziger Freund, das Einzige, das mir Halt gibt. Dieser ewige innere Zwiespalt, es zerreißt mich. Ich sage mir, dass alles halb so schlimm ist, denn es gibt Mädchen, an denen viel mehr dran ist und die wunderschön aussehen. Man ist mit mehr Körperfett und Kurven nicht weniger hübsch und nicht weniger wert, das weiß ich ganz genau. Aber diese Gedanken dringen nicht bis zu meinem Herzen durch, ich fühle sie nicht. Ich sehe ein dickes, unglückliches Mädchen im Spiegel. Ich muss einfach abnehmen, dann wird alles besser. Schwarz macht schlank, also schlüpfe ich in meine schwarz-blaue Skinny Jeans und kombiniere sie mit einem dunkel grauen, oversized Pullover, der meine Problemzonen kaschieren soll. Dazu Boots mit dicker Sohle, weil massives Schuhwerk die Beine schmaler wirken lässt. Noch ein letzter Blick in den Spiegel. Okay, Schadensbegrenzung erfolgreich durchgeführt. Eigentlich sehe ich tatsächlich ganz gut aus heute. Ja, jetzt wo du 90 Prozent deines Körpers bedeckt hast, flüstert sie leise in meinem Hinterkopf.

 

Ich erinnere mich an mein sündhaftes Abendessen von gestern und an mein Abbild im Spiegel von eben und lasse den Apfel da. Ab heute hardcore, bis ich endlich meine Traumfigur habe. In der Bahn stehe ich, obwohl es genügend Sitzplätze gibt und ich laufe Treppen, anstatt Rolltreppe zu fahren, so habe ich schon mal die maximale Anzahl an Kalorien verbrannt. Auf dem Weg komme ich an Hunderten Bäckereien und Cafés vorbei, aus denen es wunderbar nach frischem Gebäck duftet. Das ist der Nachteil an der Großstadt. Einmal das Haus verlassen und man ist sofort in Versuchung. Man kann sich kaum retten vor dem ständigen Angebot an Essen und Trinken. Jetzt ist es halb zehn und mein Magen fängt an zu knurren. Aber ich muss stark bleiben. Ab heute fasten, das hatte ich mir ja schließlich vorgenommen und so früh werde ich nicht aufgeben. Bis 13 Uhr habe ich durchgehalten, doch jetzt ist Mittagspause und ich gehe mit den anderen in die Mensa.

 

Wir sitzen zu fünft an einem Tisch und ich beobachte meine Freundinnen beim Essen. Ich schaue mich um. Rund 300 Leute unterhalten sich und schaufeln Kartoffelsalat, Nudeln und Pudding in sich hinein. In der Luft der verlockende Geruch von frischen Pommes, um mich herum schmatzende Leute und das Klappern von Besteck auf den Tellern während sich der Hunger in meinen Magen bohrt und mir das Wasser im Mund zusammenläuft. Ich bin versucht nachzugeben und wie alle anderen normal zu Mittag zu essen, aber ich kann nicht. Es ist als würde sie, meine andere Seite, mir mit ihrer knochigen Hand den Mund zu halten. Und ich bin dankbar dafür. Plötzlich bin ich wahnsinnig stolz auf mich, fast wie berauscht. Ich fühle mich unglaublich stark, weil ich nicht zu dieser Masse essender Menschen gehöre und mich den Schreien meines Körpers nach Nahrung widersetze. Das ist wieder so ein Moment, in dem der Hunger mein bester Freund zu sein scheint. Ich schwebe. Ich schiebe den Salat auf meinem Teller hin und her, schneide meinen Gemüsefladen in mundgerechte Stückchen und tue so, als würde ich aufmerksam das Gespräch verfolgen. Zwischendrin esse ich ein paar vereinzelte Salatblätter, lege das Besteck ab, um von meiner Diät-Cola zu trinken und keiner merkt etwas. Immer wieder faszinierend, wie leicht man alle austricksen kann. Schon ist die Pause rum und während die anderen ihre Tabletts wegbringen, schmeiße ich den Rest auf meinem Teller in den Müll und laufe voller Euphorie zu meiner nächsten Unterrichtsstunde.

 

Ich bin etwas zu früh dran, sodass ich vor dem Zimmer warte, als mein Blick an einem Mädchen hängen bleibt. Sie lehnt an der Wand mir gegenüber und isst einen Schoko-Muffin, während sie vertieft auf ihren Handybildschirm schaut. Sie trägt ein hautenges Oberteil mit einem runden Ausschnitt, der ihre hervorstehenden Schlüsselbeine und das leichte Heben und Senken der Haut über ihrem Brustbein betont. Ihr Bauch ist flach. Perfekt. Wie kann man so eine Figur haben und gleichzeitig solch eine Kalorienbombe essen? Und das alles scheinbar ohne schlechtes Gewissen? In meinem Weltbild lässt sich das nicht vereinen.

Auf dem Nachhauseweg merke ich, dass mir schwindelig wird und das ist gar nicht gut. Ich darf auf keinen Fall umkippen, dann denken die Leute nämlich, dass etwas nicht stimmt. Also mache ich noch schnell einen Abstecher in den Supermarkt bevor ich nach Hause gehe. Ich laufe durch die Gänge und merke sofort, dass das keine gute Idee war. Zu viel Auswahl, ich verliere den Fokus und vergesse, was ich eigentlich wollte. Äpfel, gefrorene Beeren, Haferflocken… Aber wie viele Äpfel? Zwei oder drei? Ich nehme den dritten Apfel und lege ihn wieder hin. Vier Mal geht das hin und her, bis ich mich dazu entscheide, ihn dazulassen.  Und es wird nicht besser. Ich laufe ziellos durch den Laden, vergleiche Zutatenlisten, Kalorienangaben und Preise und vergesse immer wieder, was ich ursprünglich kaufen wollte. Es ist 16 Uhr und mittlerweile habe ich so starken Hunger, dass ich an mich halten muss, mich nicht wahllos an den Lebensmitteln zu vergreifen. Panik steigt in mir auf, es kommt mir vor, als würden die riesigen Regale auf mich zukommen und diese Masse an Essen erschlägt mich. Meine Augen lassen sich nicht mehr fokussieren und ich höre meinen eigenen hektischen Atem. Das Herz schlägt mir bis in die Ohren.  Ich stelle den Korb neben mir ab und renne nach draußen. Eine halbe Stunde lang bin ich durch den Supermarkt geirrt, um jetzt ohne Einkauf nach Hause zu laufen. So fest ich kann balle ich meine Hände zu Fäusten, bis ich spüre, wie meine Nägel in das Fleisch meiner Handinnenfläche schneiden. Egal, dann esse ich eben nichts. Kreislaufprobleme kann jeder mal haben, das ist ganz normal.

 

Doch abends wird der Hunger unerträglich, ich kann an nichts anderes mehr denken. Auch Eiswürfel lutschen und Kaugummis kauen hilft nichts mehr. Ich bin kurz in Versuchung mir im Internet Motivation zu suchen, um durchzuhalten, aber da landet man nur auf irgendwelchen kranken Seiten von Magersüchtigen, die sich gegenseitig zum Hungern animieren. So bin ich ja schließlich nicht. Ich bin nicht krank, sondern diszipliniert. Im Gegensatz zu denen, habe ich die Situation im Griff. Ist ja nicht so, als hätte ich eine Essstörung, ich will nur ein bisschen abnehmen, so wie viele andere auch. Wie ferngesteuert bewege ich mich in die Küche und werfe einen Blick in den Vorratsschrank. Ich öffne die Kekspackung und nehme einen heraus, nur um daran zu riechen. Wie kann etwas nur so verlockend duften? Ein kleiner Bissen? Ich habe ja heute quasi noch gar nichts gegessen. Und schon passiert es: Ich esse den Keks und zwar den ganzen. Ich stopfe einen nach dem anderen in mich hinein, bis die Packung leer ist. Ich öffne eine weitere während mir Tränen über das Gesicht strömen, doch ich spüre sie kaum. Dann plötzlich wird mir klar, was ich Schreckliches getan habe. Ich bin so ein Versager. Ich kippe einen knappen Liter Wasser hinunter, sodass mir schlecht wird und renne ins Bad, um mich meines Mageninhalts zu entledigen. Doch es funktioniert nur so halb… wieso fällt mir das immer so schwer? Nicht einmal kotzen kannst du, flüstert die Stimme in meinem Kopf. Ich hasse sie. Ich hasse sie so sehr. Ich kann nicht mehr. Völlig erschöpft und verheult gehe ich ins Bett. Ab morgen. Ab morgen wird alles anders.

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