9 Meter über dem Boden

April 5, 2020

9 Meter Höhe, schwindelerregend, der Boden ewig weit entfernt, jedoch deutlich erkennbar: Das aufmunternde Lächeln des Trainers und der fragende Blick meiner Kletterpartnerin. „Alles in Ordnung?“, will sie wissen, was ich bejahe. Ich kenne Corinna erst seit einer halben Stunde, aber dennoch vertraue ich ihr gerade mein Leben an. Ich muss verrückt sein, denke ich. Dennoch ergreife ich den letzten Griff und bin endlich am Ziel. Stolz drehe ich mich erneut um und rufe „Zu“. Corinna zieht das Seil in das Sicherungsgerät ein und ich signalisiere ihr mit dem Kommando „Ab“, dass ich nun bereit bin heruntergelassen zu werden. Endlich spüre ich wieder festen Boden unter den Füßen. Meinen ersten Besuch in einer Kletterhalle habe ich erfolgreich bewältigt.

 

Auch wenn diese Situation mittlerweile einige Jahre zurückliegt, denke ich immer wieder an meine erste Erfahrung in einer Kletterhalle zurück. Gerade jetzt, denn mir  fehlen nicht nur die Kneipen, Kino- und Restaurantbesuche, sondern natürlich auch der regelmäßige Gang in die Halle. Das Klettern begleitet mich nun schon seit über drei Jahren. Alternativen habe ich bisher noch nicht gefunden, leider besitze ich kein eigenes Seil, mit dem ich Touren in der freien Natur machen könnte. Mir bleibt nur die regelmäßige Joggingrunde und ein paar Übungen für zu Hause um halbwegs fit zu bleiben.

 

Schon als Kind erklomm ich regelmäßig die große Zypresse im Garten meiner Eltern. Es war für mich das Größte mich an den Ästen hochzuhangeln und irgendwann ganz oben in der Spitze anzukommen, auch wenn der Blick nach unten stets für ein mulmiges Gefühl sorgte. Später kam im Urlaub auch mal ein Klettersteig durch die fantastische Natur Südfrankreichs und ein Ausflug in den Hochseilgarten hinzu. Es vergingen jedoch Jahre, bis ich auch mal eine Kletterhalle von innen sah. Ich entschied mich für die Abenteuerhallen in Kalk, eine Sport- und Freizeiteinrichtung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Die Halle wird von der Stadt gefördert und kann daher auch studentenfreundliche Preise anbieten. Außerdem können Studenten der Uni Köln in vergünstigten Kursen des Hochschulsport und Unisports in verschiedenen Hallen Klettern und Sichern lernen.  

 

Auch wenn ich jahrelang Anhängerin des Lebensmotto „Sport ist Mord“ war, hatte ich zum ersten Mal seit langem wieder Spaß an Bewegung. Bald kamen die ersten Erfolgserlebnisse und ich freute mich über jeden noch so kleinen Fortschritt.

Klettern kann das Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, seine eigenen Grenzen besser einzuschätzen, stärken. „Der wichtigste Muskel beim Klettern ist der Kopf“, hat die Kletterlegende Wolfgang Güllich, einmal gesagt. Darüber hinaus bedeutet es ein komplexes Ganzkörpertraining, bei dem Koordination, Beweglichkeit und Kraft verbessert werden.

 

Bei meinem letzten Besuch in der Halle wusste ich nicht, dass das für viele Wochen, vielleicht auch Monate das letzte Mal gewesen ist. Vielleicht ist an der Weisheit, dass wir die Dinge immer erst richtig zu schätzen wissen, wenn sie nicht mehr da sind, tatsächlich etwas dran. Ich bleibe optimistisch und freue mich darauf, hoffentlich bald wieder an die Wand gehen zu können.

 

 

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