Warum sind die da? Warum tun die das?

May 20, 2020

Verschwörungstheoretiker und Gegendemonstrant*innen streiten auf dem Roncalliplatz. (Bilder: NT)

 

Es ist Samstag und ich stehe auf dem Roncalliplatz auf der Rückseite des Kölner Doms. Zwei Lager stehen bzw. sitzen sich hier gegenüber: Auf der einen Seite stehen vor allem junge Menschen mit Bannern und Plakaten gegen Faschismus, rechte Verschwörungstheorien und mit Forderungen nach Solidarität. Gegenüber sitzen ca. 100 demonstrierende Personen, deren Forderungen so verschieden sind wie ihr Aussehen: Mit Pappschildern protestieren sie gegen alles mögliche: Gegen Hygiene-Maßnahmen, gegen 5G- Strahlung, gegen Bill Gates und noch gegen ein paar andere Dinge. Hippies in Goa-Hosen flechten Blumen, sonnenbebrillte junge Männer mit Kampfhunden und Tattoos sitzen daneben. Von verpeilten Normalos mit verschlissenen Jeans über Hollister-Girls bis zum Allzweckjacken-Hooligan ist alles dabei. Eine Querfront von Esoteriker*innen, rechten Regierungskritiker*innen, Impfgegner*innen und Merkel-Feind*innen sitzt hier zusammen, als ob es das Normalste der Welt wäre. Sie sind auf jenen Zug aufgesprungen, den verschiedene Verschwörungsgurus wie Ken Jebsen, Bodo Schiffmann oder Attila Hildmann in Deutschland in den letzten Wochen zum Rollen gebracht haben. Ob man nun gegen die Politik der Bundesregierung, gegen die New World Order oder gegen Impfungen ist, scheint nicht so wichtig zu sein. 

 

Weil eine offizielle Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung kurzfristig abgesagt wurde, sitzen die Personen nur lose beieinander. “Ja, und wenn du dann zu denen hingehst sagen die, wir sitzen hier doch nur, wir sind gar keine Versammlung” sagt ein Polizist im Gespräch mit einem Kollegen. Eine Passantin spricht ihn darauf an, wer hier eigentlich für was demonstriert, doch auch er kann es nicht in einem Satz erklären. Die einzige sinnvolle Unterteilung lässt sich darin machen, wer eine Maske trägt und wer nicht. In der losen Zusammenkunft der Yoga-Reichsbürger-Hippie-Gurus ist keine einzige Person mit Mundschutz zu sehen. Auf der anderen Seite stehen die antifaschistischen Gegendemonstrant*innen in großem Abstand zueinander und tragen geschlossen Mundschutz. Die Demonstration ist vom Bündnis Köln gegen Rechts unter dem Namen “Gegen Verschwörungstheorien und Antisemitismus“   angemeldet.    Da    beide   Gruppen   direkt    beieinander       Zwangsimpfungen. Das Thema der Stunde.

stehen   und   sich   teilweise   vermischen,   ist   auf   den

ersten Blick schwer zu differenzieren, was hier passiert. Antifas stehen mit großen Bannern gegen Verschwörungsideologien zwischen meditierenden Omis, deren Mundschutz in Versalien “Corona-Lüge” schreit. Es fühlt sich komisch an, mich hier auf der Seite der Gegendemonstration zu positionieren. Warum sitze ich nicht bei den Hippies? Warum solidarisiere ich mich nicht mit friedlich biertrinkenden, etwas verrückten Opas? Vermutlich sind es, abgesehen davon, dass die Verrückten sich nicht um Mindestabstand scheren, die antisemitischen Symbole und solche der Reichsbürgerideologie, die mich auf Distanz halten. Das Polizeiaufgebot auf dem Platz wirkt verhältnismäßig groß, über zehn Mannschaftswagen und mehr als hundert Polizist*innen runden das merkwürdige Bild ab.

 

“Warum sind die da?

Warum tun die das?”

-Fraktus 2011, “All die armen Menschen”

 

Wer sind diese Menschen und warum sind sie heute hier? Ich traue mich nicht, ein Gespräch anzufangen, da alle Kontakte zwischen Sitzenden und Gegendemonstrant*innen nur in Beschimpfungen enden, da fehlt mir leider die Motivation. Ich komme an einem älteren Paar vorbei, das sich zu dem bunten Haufen auf den Yogamatten gesellt hat. Die Frau erklärt dem Mann die schwierige Situation: “Die da (zeigt auf die Gegendemonstration) unterstützen die Regierung, die anderen nicht”. Dass die Antikapitalist*innen mit den Antifa-Bannern in den Augen dieser Frau Regierungsanhänger*innen sind, irritiert mich. Denn auf der Gegendemonstration von Köln gegen Rechts wird in diesem Moment eine Rede gegen die Politik der Bundesregierung in Hinsicht auf die griechischen Flüchtlingslager Moria etc. gehalten. Ein paar Meter weiter höre ich einen Mann sagen: “Die da drüben meinen, die wär’n gegen Verschwörungstheorien. Das ham die echt geschickt umgedreht”. Seine Jungs und er werden heute einmal mehr ihre Paranoia bestätigt sehen. Der Verschwörungsglaube scheint dem Prinzip zu folgen, dass sogar Kritik am Glauben denselben stärkt. Je mehr Kontra gegeben wird, desto mehr bestätigt sich die paranoide und narzisstische Vorstellung, dass a) alle gegen mich sind und b) ich der einzige bin, der das durchschaut.

 

Kleine Liste der Merkmale von Verschwörungsideologien:

 

1) Ich (als Verschwörungstheoretiker) stelle mich in den Mittelpunkt, erfahre mich als wichtig: Bill Gates, die Bundesregierung und die Medien haben nichts Besseres zu tun, als alles erdenkliche zu unternehmen, mich zu täuschen. Narzisstische Selbstüberhöhung pur.

2) Für einen unsichtbaren Virus, dessen Ausbreitung und Konsequenzen ich nicht verstehe, habe ich eine simple Erklärung: Die Eliten haben es auf mich abgesehen. Diese Fertigmeinung verhält sich zur differenzierten Argumentation wie der industriell gefertigte BigMac zu einem mit verschiedenen Zutaten aus dem Garten gemachten Salat: Der BigMac macht satter.

3) Ich muss unfassbar schlau sein, denn ich habe ja spannende Informationen über reptiloide Halbmenschen aus der Hohlerde, das habe ich auf YouTube gesehen. Ich habe die Welt verstanden, und das, ohne auch nur ein Buch zu lesen oder gar studiert zu haben. Ich verstehe mehr von Virologie als Virolog*innen, ich bin einfach die und der Geilste!

 

Na, ist doch super, nur Vorteile!​

Was mich deprimiert: Bei einer Demo wie dieser wird niemand schlauer, hier wird auch niemand ernsthaft politisiert. Egal, welcher Meinung man ist, man fühlt sich in ihr bestärkt. Das einzige was hier heute passiert, ist eine Welle der Solidarität unter den Verrückten, die sich gegenseitig in ihrem Irrglauben bestätigen und die virtuelle Echokammer so auf die Straße tragen. Radikalisierung funktioniert auch auf der Straße. So werden gegenüber der Polizei von Seiten der Esoteriker*innen mehr blöde Sprüche geklopft, mehr Provokationen gemacht als von Seiten der Antifa (die nun wirklich kein gutes Verhältnis mit der Polizei hat). Auch der Auftritt der Polizei ist auffallend anders als bei Demonstrationen, auf denen ich bisher war. Das gequälte Gesicht eines Polizisten, der gerade Personalien eines Verschwörungsexperten aufnimmt, erinnert an das eines Vaters, dessen Kinder mal wieder etwas Peinliches gemacht haben. Vielleicht könnte man die peinlichen Kinder besser ernst nehmen, hätten sie eine klare politische Agenda. Denn eines haben Verschwörungsideologien von “Deutschland ist eine GmbH” über “Bill Gates will uns alle totimpfen”, “Merkel ist ein Echsenmensch” bis hin zu “Der Jude George Soros steckt hinter den Migrationsbewegungen nach Deutschland und will uns            

Polizeimodus des Tages: Genervt aber          vernichten” gemein: Sie sind eigentlich überhaupt nicht

freundlich.                                                          politisch, sie setzen sich mit den eigentlichen Fragen und

                                                                             Problemen des demokratischen Diskurses gar nicht auseinander. Sie blenden die realen Gefahren für die Menschen, die meist viel zu offensichtlich sind, als dass man sie als Verschwörungen bezeichnen könnte, aus. Der menschengemachte Klimawandel, die Rodungen im Amazonas unter dem brasilianischen Präsident Bolsonaro, das von der EU beabsichtigte Sterben verzweifelter Menschen auf dem Mittelmeer, die Inhaftierung kritischer Journalist*innen in Ländern, die wirklich Diktaturen sind, werden kaum thematisiert. Und warum nicht? Mal ganz im Ernst, warum?

 

Vielleicht weil es schöner ist, selbst das Opfer zu sein. “Schaut mal, wie schlecht es MIR geht!”. Dass Deutschland ein Land der Waffenexporte (in Krisengebiete) und Textilimporte (aus sog. Schwellenländern, wo es uns halt egal ist, ob da mal ‘ne Fabrik einstürzt und die Leute beschissene Arbeitsbedingungen haben) ist, macht uns im globalen Maß gesehen neben unserem CO2-Ausstoß eher zu Täter*innen und Zerstörer*innen. Doch in der Vollpfostenlogik der Irren vom Roncalliplatz sind sie diejenigen, die sich verteidigen müssen, die Widerstand leisten müssen. Und Widerstand gegen die bestehenden Verhältnisse kann man natürlich auch dann leisten, wenn man grade das neue Oberteil von Primark (3 Euro, von denen 2,99 an die Marke, den Vertrieb und die Logistikfirma gehen*) gekauft hat und sich mit Bier und Markensonnenbrille (79 Euro*) in die Sonne setzt, natürlich auf der neuen Yogamatte (59 Euro*). Die Verhältnisse, gegen die man dann demonstriert, sind aber selbstverständlich nicht globaler Hunger, Ungleichheit, Umweltkatastrophen oder Lobbyismus großer Konzerne, sondern man übersetzt einfach die eigene Blödheit, die Verzweiflung oder die drogenindizierte Psychose von damals, als dieser eine Haschbrownie mal zu krass gekickt hat, in ein politisches Statement.  Oder  man  benutzt  den  Hass  auf  Bill  Gates  und  das       Nationalismus darf nicht fehlen.

Geblöke  von  der “Meinungsfreiheit” als Bewältigungsmechanismus

für die eigene Hilflosigkeit. Die eine Erklärung für den Glauben an Verschwörungstheorien existiert nicht, und es wäre verblendet, irgendwelche monokausalen Zusammenhänge zu unterstellen. Doch wozu der Glaube an derartige Theorien führt, zeichnet sich immer deutlicher ab, seit die Demonstrationen gegen die Corona-Politik der Bundesregierung in Deutschland breiten Zulauf erfahren.

 

Fazit: 1.) Verschwörungsideologien sind extrem interessant und unterhaltsam. Ich selbst bin Fan von Dokumentationen über UFOs, Morgellons und die Pyramidenverschwörung. Das ist oft tolles Entertainment. Ich würde diesen Quatsch aber nie Leuten erzählen, die nicht damit umgehen können, denn wer solchen idiotischen Theorien ernsthaft anhängt und sie propagiert, macht sich daran mitschuldig, dass das reale Unrecht auf der Welt dadurch nicht kleiner wird, sondern größer.

2.) Es ist ein neues Bild auf diesen Demos zu sehen, eine neue Bewegung steht in den Startlöchern. Doch auch wenn die Personen heterogen erscheinen, sind sie in ihrer Feindschaft gegenüber allen, die eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Konsequenzen von Corona wünschen und auf einem wahrhaftig politischen Weg darüber diskutieren, geeint. Das erinnert stark an die Anfänge von AfD oder Pegida, welche unzählige unpolitische Menschen (die AfD hatte den stärksten Zulauf bei der letzten Bundestagswahl von Stimmen vorheriger Nichtwähler*innen) mobilisieren konnte und immer noch kann. Diese Bewegungen lassen stumpfe Wut nach politischer Empörung aussehen, übersetzen Überforderung in gruppenbezogenen Menschenhass und sind ein großartiges Sammelbecken für sämtliche Personen aus dem rechten und rechtsalternativen Spektrum. Die gemeinsamen Feindbilder machen aus einer heterogenen, lustigen Masse der Verrückten einen Ideologieapparat, in dem die Hippies und Waldorf-Anhänger*innen ihre “friedliche” Kritik am Impfen formulieren können, während Hardcore-Faschos dies als Zuspruch dafür verstehen, dass sie ungestraft Andersdenkende, Migrant*innen und Journalist*innen bedrohen und angreifen. Und es bleibt nicht beim Verprügeln: Die Attentäter von Hanau und Halle, um nur zwei Beispiele zu nennen, hatten sich beide in solchen alternativen, rechtsextremen Parallelgesellschaften aufgehalten, bevor sie ihre Morde begingen. Wenn also Corona-Experten wie Dr. Xavier Naidoo, Prof. Med. Detlef Soost oder Til Schweiger jetzt Verschwörungsideologien propagieren, Deutschland ernsthaft als Diktatur bezeichnen oder ihre Meinung darüber äußern, es gäbe keine Meinungsfreiheit, ist das eine ernstzunehmende Gefahr. Denn eines zeigt sich immer wieder: Ideologien zu erlernen und zu verinnerlichen, ein absurdes Weltbild aufzubauen, sich von Angst treiben zu lassen und sich zu radikalisieren ist leicht. Schwierig ist es, aus diesem Zug wieder auszusteigen, wenn er einmal an Fahrt aufgenommen hat.

 

*alle Angaben ohne Gewähr

 

 

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