Und ?! Gehst du noch zur Schule oder arbeitest du schon?

Wem dieser Satz bekannt vorkommt, der weiß vielleicht was damit gemeint ist. Für viele Studierende die aus Arbeiterfamilien kommen, ist es nicht selten schwer ihre Verwandten für ihr Studium zu sensibilisieren. Vor allem wenn die Eltern, Tanten und Onkel einst zu Zeiten des Wirtschaftswunders nach Deutschland gekommen sind und man selbst nun in dritter Generation ihnen zu vermitteln versucht, dass sich die Verhältnisse seitdem mehr als nur einmal verändert haben. Und zugegeben: Es ist mittlerweile ganz schön frustrierend gegen eine alte Sicht der Dinge anzukämpfen und sich zusätzlich noch ums eigene Vorankommen zu kümmern, gerade jetzt in Zeiten von Corona.

Es beginnt ja schon mit dieser allgemeinen Ansicht meiner Familie, dass Studium gleich angenehmes, sorgloses Leben ist. Man schiebe ja eine „ruhige Kugel“, während andere tatsächlich arbeiten müssen. Und wenn meine Verwandten die Wahl hätten, dann würden sie ja auch viel lieber wieder zur Schule gehen und Studieren sei ja schließlich nichts anderes als die Schule. Schließlich wüsste man nicht wo das Problem liegt einen Arbeitsplatz zu finden. Es gäbe ja „an jeder Ecke“ Betriebe, bei denen man für eine Beschäftigung „am Fließband oder hinter der Kasse“ anfragen könne und dabei richtig gutes Geld verdient, anstatt in meinem Alter seine Zeit mit so was wie einem Studium zu verplempern. Dies sei ja keine Arbeit. Es sind solche Äußerungen, die mich denken lassen, ob so manch Verwandter die letzten 40 Jahre Arbeitsmarkt schlicht ausgeblendet hat. Ein Studium bedeutet nicht gleich, dass man offene Türen vorfindet. Schon gar nicht, wenn Arbeitergeber nichts mit deinem Studienfach anfangen können. Hinzu kommen die bekannten Sätze wie: „Studierst du immer noch? Warum arbeitest du nicht?“. „Wie lange machst du das schon? Und du hast immer noch kein Job?“ Es kann einen ziemlich runterziehen, wenn man versucht bei verwurzelten Weltansichten das eigene Studium von A bis Z zu erklären.

Dabei steckt hinter diesen Bemerkungen nicht zwingend eine böse Absicht. Es ist das mangelnde Verständnis, das einen ziemlich schnell unter verzweifelten Rechtfertigungszwang stellt. Zusätzlich wird meine Motivation hart auf die Probe gestellt, wenn keine Form von Anerkennung zu spüren ist, sondern eher der Eindruck entsteht das Studium sei eine sinnlose Belastung. Es ist nämlich nicht leicht den Kraftaufwand, die Geduld und Hindernisse, die ein Studium mit sich bringen physisch sichtbar zu machen, vor allem als Arbeiterkind. In manchen Punkten kann ich die Skepsis in der Familie verstehen: Finanzielle Belastungen, Schulden, Zukunftssorgen, Arbeitsperspektiven.

Gleichzeitig wächst die Wutader auf dem Hals, wenn Familienangehörige eine Karriere bei Mekkes oder bei Ford als gelungene Alternative zum Studium vorschlagen und damit das gesamte Studium desjenigen auf null und nichtig setzen. Es sind auch die Kleinigkeiten wie der Unterschied zwischen Bachelor- und Masterstudium oder mein Fach Mittelalterstudien für die meine Familienmitglieder einfach nicht zugänglich sind, was einen schon reizen kann. Es ärgert mich auch, erklären zu müssen, dass man tatsächlich auch bis 19 Uhr und später in Seminaren an der Uni sitzt und man nicht schon am frühen Nachmittag wieder Feierabend hat. Es ist diese allgemeine Verkennung des Weges, den man eingeschlagen hat und einen herunterzieht. Natürlich ist das Studium mit Risiken verbunden, da es heutzutage längst keine Garantie für einen sicheren Arbeitsplatz mehr ist. Gleichzeitig ist es aber immer noch eine Chance, persönlich mehr im Leben zu erreichen. Vor allem dann wenn man diese auch bekommt, was auch nicht selbstverständlich ist. Auch ich habe Tage, an denen ich an meinem Studium zweifele, bezüglich der fortgeschrittenen Zeit und ob sich das Ganze am Ende lohnt, dennoch bin ich so weit gekommen im Studium, dass der Abschluss nicht mehr weit ist. Trotzdem ist es nervig, wenn die Familie so tut, als würde ich meine Zeit verschwenden, anstatt richtig arbeiten zu gehen und von ihr als eine Art gescheiterte Existenz angesehen werde.

Für alle die jetzt denken: „Oh Gott! Was hat der denn für eine Familie?“. Natürlich wurde ich nicht von meiner Familie verstoßen. Schließlich hat mich meine Mutter schon sehr oft unterstützt und tut es immer noch. Trotzdem kann sie meine Entscheidung, ein Studium zu beginnen, nicht nachvollziehen. Auch meine anderen Verwandten werden sich vermutlich nie dafür begeistern können was ich da im Studium mache, lassen mich aber in dieser Hinsicht in Ruhe, auch wenn ich einen vorwurfsvollen Blick ernte, wenn ich jedes mal mit meinem Studium antworte, wenn die Frage lautet: „Und... was machst du inzwischen, gehst du noch zur Schule?`“ Es ist eher die Haltung zu meinem Studium, dass vermutlich in weit mehr Familien ähnlich ist, als gedacht. Zumal wenn sich die Kinder für eine akademische Laufbahn entscheiden und damit einen anderen Weg einschlagen, als ihre Eltern für sie vorgesehen haben. Wenn man dann auch noch erzählt, dass das Studium noch etwas Zeit in Anspruch nimmt, wird sich nur noch an den Kopf gefasst. Ich denke die Lösung lautet: Geduld und Nachsicht auf beiden Seiten.

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