Sonntagskolumne: Kölner Karneval 2020 – Eine Bilanz

February 26, 2020

Nun ist das jecke Treiben wieder vorbei. Auf der Zülpicher Straße beseitigt die AWB die Überbleibsel des feuchtfröhlichen Schlachtfeldes, das zuvor gesäumt war mit grölenden Ravern, quietschenden Leo-Girls und lallenden Strampelanzug-Trägern. 

 

Was bleibt nach Fastelovend außer Konfetti und Leberproblemen? Ist die Essenz von Karneval wirklich nur Alkoholgenuss im Kostüm? 

 

Auch als Kölner Imi habe ich mich ins Karnevalsgeschehen gestürzt. Nicht selten jedoch höre ich den Satz, dass das närrische Treiben nicht mehr das zu sein scheint, was es einmal zu sein versprach. Einige Kölner begehen Karnevalsflucht oder meiden die Hochburgen der Kostümrowdys. Vergessen scheint die christliche Tradition, der Völlerei zu frönen, und anschließend ab Aschermittwoch dem Fleische lebe wohl zu sagen. Daher kommt nämlich das Wort Karneval ursprünglich: Carne val! – Fleisch, leb wohl! 

 

Dieses wohl gesittete Vorhaben mag im 21. Jahrhundert marginal sein. Was die Kölner abgesehen vom fehlenden christlichen Traditionsbewusstsein jedoch mehr ärgert, ist der maßlose Genuss von Alkohol. Wie das Münchner Oktoberfest lockt nun der Karneval Touristen und Ortskundige von nah und fern zum Trinken. Diese Entwicklung ist nichtsdestotrotz nicht modern. Bereits die Römer ehrten beispielsweise nach dem Ende der Winteraussaat zwischen dem 17. und 19. Dezember ihren Gott Saturn zu den sogenannten Saturnalien. Sie organisierten ein öffentliches Mahl und tranken – wie soll es auch anders sein – literweise Wein. 

 

Erstmals erwähnt wird der Begriff Fastnacht in dem Werk Parzival von Wolfram von Eschenbach. Dort heißt es 1206: „dass auch die Marktweiber in Dollnstein nicht besser streiten könnten an Fasnacht“ (408, Z. 8-9). Liebe Kölner, es ist leider wahr: die Dollnsteiner aus Bayern rühmen sich mit damit, die ersten gewesen zu sein. 

Exzesse sind seit jeher ein fester Bestandteil der fünften Jahreszeit. Es ging sogar so weit, dass der Erzbischof eingreifen musste. Der Kölner Erzbischof Wilhelm von Gennep verbietet 1353 sogar seinen Klerikern Bier und Wein zu verkaufen oder auszuschenken. Trinkfest scheinen die Rheinländer schon immer gewesen zu sein. 

 

Im 17. Jahrhundert hat der Rat der Stadt Köln mehrmals die „Mummerey und Heidnische Tobung“ verboten. Jedoch wollte sich die Bevölkerung dies nicht nehmen lassen. Als Schutz vor den Exzessen wurde eine Schutztruppe initiiert, aus der später die Roten und Blauen Funken hervorgehen. Bis heute erinnert ihre Kleidung an den militärischen Ursprung. 

Auch die Franzosen sprachen Prohibitionen aus, aber es half nichts. Die Jecken feierten weiter. Was fehlte ihnen noch? Ein Motto und das leitet sich ab, wen wundert es noch, von einem Trinkspruch. Circa 1804 rufen die Kölner zum ersten Mal „Kölle Alaaf!“. Organisierten zunächst die Zünfte die Fastnacht, übernehmen nun festordende Komitees das Management. 1823 zieht der erste Rosenmontagszug durch die Gassen und Straßen der Rheinmetropole. 

 

Der kurze historische Abriss suggeriert eins: Der Kölner Karneval ist ein Fest des Volkes. Sie organisieren seit knapp 200 Jahren ihren Umzoch durch die Veedel. Sie kritisieren in Büttenreden die Obrigkeiten. Sie und alle anderen feiern zusammen – unabhängig ihres sozialen Standes oder ihrer Herkunft. 

 

Karneval beinhaltet also noch mehr Werte als ein Kölsch-Wettsaufen. Vielleicht kennt ihr dieses Gefühl, wenn man als Aschenputtel, SWAT-Team oder Flamingo durch die Straßen trekkt, man gehört einfach dazu. Unweigerlich entsteht eine Gruppe, deren Mitglieder alles sein können und dürfen, ohne verurteilt oder zur Rechtfertigung gezwungen zu werden. Das ist nämlich Karneval – und dafür braucht es keinen Alkohol. 

 

Vielleicht sollten wir alle unsere Gier nach Kamellen am Rosenmontag oder unsere Sucht nach gesteigertem Blutalkohol für einen Moment außer Acht lassen und uns fragen, warum diese vorurteilsfreie Gesellschaft nur zur fünften Jahreszeit funktioniert. 

 

Es kann nicht immer nur der Nubbel die Verantwortung übernehmen und brennen ...

 

 

 

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