• Maurice Mommer (Kölner Journalistenschule)

Einmal Oxford und zurück

Nach der Vorlesung rudern gehen, mit Kumpels echten englischen Gin trinken und dabei noch eine der besten Ausbildungen der Welt genießen: Für Max Möbus aus Bergisch Gladbach sollte das im Spätsommer 2020, mit dem Masterstudium in Statistik, an der University of Oxford Realität werden. „Diese Mischung wollte ich erleben und darauf habe ich mich echt gefreut“, erzählt er. Es sei für ihn ein gewissenhaftes Studieren dort. Denn unter motivierten Student*innen lerne es sich nicht nur besser, sondern auch das Drumherum mache es so besonders: Die Jahrhunderte alten Bibliotheken, große Parkanlagen und Veranstaltungen renommierter Absolventen.

Es ranken sich eben viele Legenden rundum das altehrwürdige Gemäuer, in dem auch Max einen Teil seiner Lebensgeschichte schreiben will.

Doch dann kommt ihm die Pandemie in die Quere, die England besonders hart getroffen hat. Trotzdem hat Max daran geglaubt, nach Weihnachten wieder zurückzukehren. „Das Komische ist, ich habe meinen Koffer gepackt und dachte, dass ich zwei oder drei Wochen später wieder da sein werde“, erzählt er. Nur wenige Wochen eines stark eingeschränkten und dennoch aufregenden Oxfordlebens liegen da hinter dem 22 Jährigen. „Hätte ich beim Packen schon gewusst, dass ich jetzt drei Monate oder sogar länger weg bleiben würde, wäre ich sehr enttäuscht und traurig gewesen“.

Die Zeit in Oxford, für die Max hart gearbeitet und auf die er sich sehr gefreut hat, ist nach nur zwei Monaten vorbei. Nun nimmt er ausschließlich vor dem Bildschirm am Unileben teil. „Ich wäre gerne unter Normalbedingungen dort, aber trotzdem ist studieren gerade mit das Beste was man machen kann“, findet er. Max ist dennoch froh, wenigstens ein bisschen Zeit dort erlebt zu haben und unter anderem bei der Willkommenszeremonie ein Bild in der traditionellen Robe, dem Sub Fusc, in authentischer Umgebung bekommen zu haben. Auch ein paar Bibliotheksbesuche und Vorlesungen in historischen Sälen waren möglich. Mit dabei auch immer Max Kommiliton*innen, von denen er einige persönlich kennengelernt hat. Zwar nur durch Plexiglasscheiben und mit Maske, aber zehn bis zwanzig Prozent, der knapp 60 Studierenden aus seinem Master, habe er wenigstens schon mal live gesehen.


Jetzt sieht Max Tag nicht mehr so abwechslungsreich aus, wie er es sich eigentlich vorgestellt hatte. Statt morgens den Tag im knapp 600 Jahre alten Cottage mit seinen fünf Mitbewohnern zu starten, wacht er alleine im Haus seiner Mutter in Refrath, Bergisch Gladbach auf. Ein Backsteinbau, immerhin 120 Jahre alt, aber dennoch kein wirklicher Trost für das entgangene Oxford-Abenteuer. „Hier kann ich auf jeden Fall länger schlafen“, sagt Max. In Oxford würde er oft schon um 8:30 Uhr in der ersten Vorlesung sitzen. Zuhause kann er sich das aufgrund der Vorlesungsvideos frei einteilen und startet erst gegen 10:30 Uhr, „je nachdem wie groß der Gin am Abend vorher war“, fügt er scherzend hinzu. Durch die aufgenommenen Videos der Professoren sei es tagsüber sowieso viel entspannter. Die Vorlesungen und Seminare hätte man sonst immer persönlich besuchen müssen, da vor der Pandemie nicht mit Lehrvideos gearbeitet wurde.

Max bleibt dennoch seinem gewohnten Sechs-Stunden-Tag treu, sodass die Tage aktuell meist bis 17 oder 18 Uhr gehen. Danach baue er mental ab und brauche den sportlichen Ausgleich. Am University College London, wo er seinen Bachelor in Statistik abgeschlossen hat, spielte er Fußball in der A-Mannschaft. Zeitweise sogar als Kapitän. In Oxford wollte er daran anknüpfen, aber auch einer der traditionellen Rudermannschaften beitreten. Solche Aktivitäten vermisse er besonders.


Als Max 2017 nach England kam, um am University College London Statistik zu studieren, lag der Master in Oxford noch in weiter Ferne. Sein exzellentes Abitur und Stipendien hatten ihm zwar alle Türen geöffnet, aber erstmal blieb der Masterstudiengang an einer Elite Uni ein Traum. Kurz vor dem Bachelorabschluss Anfang 2020 kommt dann die überraschende Zusage. „Ich habe mich sehr gefreut und war zuversichtlich“, sagt er.

Die entscheidenden Abschlussprüfungen hatte Max zu dem Zeitpunkt noch nicht geschrieben. Er hatte aber keine Sorge, denn schriftliche Klausuren seien seine Stärke.

Als die Universitäten in Großbritannien ab April Online Klausuren angesetzt haben, kamen jedoch erste Zweifel auf. Es war unklar wie die Prüfungen ablaufen und vor allem stieg die Sorge, ob seine Leistung noch ausreicht. Der Druck in London sei groß gewesen, den die Meisten träumten von den renommierten Universitäten in England. Trotz der Umstände erhielt Max die endgültige Zulassung und blieb bei der Entscheidung nach Oxford zu gehen.


Jetzt sitzt Max knapp acht Autostunden von der geschichtsträchtigen Eliteuniversität entfernt, im heimischen Refrather Wohnzimmer. Die Homeoffice Organisation der Universität laufe sehr gut, „das hat mich etwas überrascht“, fügt er hinzu. Er höre viel von Problemen bei anderen Unis. Für ihn seien nur die stets gleichen Outfits der Professoren, in den vor produzierten Videos inzwischen etwas nervig. „Man verliert so den Bezug zum neuen Tag und fühlt sich ein wenig verloren“, sagt er. Dennoch stehe ihm auch jederzeit ein Betreuer zur Seite, sollte es Fragen geben. Wenn Max gelöste Übungen an die Professoren schickt oder fachliche Probleme hat, kriege er auch persönliche Rückmeldungen. Die Vorträge mit bekannten Absolvent*innen oder Größen aus Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft würden ebenfalls reibungslos online laufen, berichtet er.

Trotzdem braucht Max einen Tapetenwechsel im Homeoffice, denn die Ablenkung zuhause ist zu groß. Er legt sich mal eben ins Bett oder beschäftigt sich mit anderen, vermeintlich nützlichen Dingen und räumt sein Zimmer auf oder informiert sich über die neusten aufstrebenden Start-Up Unternehmen. Max sieht seine Produktivität schwinden.

So macht er sich nun mehrmals die Woche auf den Weg zu seiner Oma. Bei ihr hat er seinen neuen Arbeitsplatz eingerichtet. Er läuft morgens gegen 10 Uhr zu ihrem Haus und verbringt seinen klassischen Sechs-Stunden-Tag am „alten und vernünftigen Schreibtisch“ seines Opas, wie er sagt. Wenn gegen Nachmittag seine Oma für eine Kaffeepause an der Tür klopft, freut sich Max über die willkommene Pause. „Ich finde es schön, auf die Weise mehr Zeit mit ihr zu verbringen“, erzählt er.


Letztendlich wird die Geschichte von Max in Oxford wohl zum Großteil in Refrath geschrieben. Hunderte Kilometer vom Alltag als Elitestudent entfernt. Trotzdem gibt er die Hoffnung nicht auf und ist allzeit bereit nach England zurückzukehren. „Ich bin letztendlich dankbar, dass es trotzdem noch stattfindet und ich bin sehr froh über das Niveau auf dem es läuft“, sagt Max.

Vielleicht sind ihm noch ein paar Wochen oder Monate vor Ort vergönnt. Wenn nicht, wartet aber schon das neue Kapitel seiner Lebensgeschichte. Der Doktortitel in Zürich.

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