• Patricia Geyler

Heimat

Die Kisten sind gepackt, alle Klamotten, Bücher und der andere Kram verstaut. Als letztes noch schnell den Kaktus in den Kofferraum, und mit einem Schwung – Autotür zu. Die Eltern umarmen, das ein oder andere Tränchen verdrücken, der Mama den Rücken tätscheln. Und dann geht es los - ein ganzes Leben, oder ein ganzer Lebensabschnitt, wie man es eben nimmt, in einem Auto. Unendlich viele Möglichkeiten und Freiheiten liegen in der Zukunft. Zum einen ist das ganz wunderbar und aufregend, zum anderen aber auch irgendwie beängstigend und beklemmend.

Dann, wenn man irgendwo angekommen ist und sich der erste Trubel gelegt hat, kommt das Schreckgespenst namens „Heimweh“. Oft sind es die ganz banalen Dinge, wie das gute Essen der Oma, der niedliche Dialekt der Tante, vielleicht vermisst man sogar die kleinen Alltagsstreits, von denen man sich noch vor wenigen Wochen so weit wie möglich weggewünscht hat. Man vermisst die Sicherheit, die Nähe der Familie und die gewohnte Umgebung – kannte man doch jede Ecke in- und auswendig, dort wo man aufgewachsen ist.

Früher reichte oft schon eine Klassenfahrt oder das sommerliche Zeltlager, um das unangenehme Gefühl von Unvollständigkeit und Vermissen auszulösen. Plötzlich hat man dann doch wieder Heimweh und möchte wie der Außerirdische E.T. nichts sehnlicher als „nach Hause telefonieren“.


Heimweh taucht als Sehnsucht nach etwas Vertrautem in der „Fremde“ auf. Was genau die „Fremde“ ist, ist sehr individuell und schwer zu generalisieren. Soziologisch gesehen richtet sich der Begriff auf das Gefühl der Einsamkeit, den Verlust von vertrauter Umgebung sowie den damit verbundenen Strukturen und wird oft als schmerzhafte Leere empfunden. Das Zurückkehren verschafft zwar meist kurzzeitig Linderung, sobald man aber den vermissten Ort wieder verlässt, kehrt der Schmerz nicht selten mit doppelter Heftigkeit zurück. Es scheint ein Teufelskreis zu sein.

Spätestens an diesem Punkt fragt sich wohl jeder: Wo gehöre ich eigentlich hin? Wo bin ich zuhause?

Durchaus eine schwierige Frage. Beginnen wir auf der Suche nach Antworten erstmal ganz banal. Der Duden definiert „Heimat“ ziemlich platt und sachlich als „Land, Landesteil oder Ort, in dem man (geboren und) aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zuhause fühlt“.

Eine Familie sitzt an einem Esstisch und macht ein Selfie. Es ist weihnachtlich geschmückt.
Foto von Nicole Michalou von Pexels

Im Wesentlichen gibt es drei Dimensionen, aus denen sich das Gefühl von Heimat zusammensetzt: die räumliche, die soziale und die emotionale Dimension.

Bei der räumlichen Dimension kommt es auf den genauen Ort, die Landschaft, die Wohnung oder das Haus an, das man als Heimat definiert – also darauf, wo man aufgewachsen ist und was dort besonders prägend war. Demnach können ganz unpräzise „die Berge“, aber auch ganz konkret das Kinderzimmer im Elternhaus vermisst werden.

Die soziale Dimension stellt dagegen auf Beziehungen und Bindungen ab, die wir mit dem Ort assoziieren, den wir Heimat nennen.

Zuletzt die emotionale Dimension, diese spielt die wohl bedeutendste Rolle.

Es handelt sich dabei um ein subjektives Empfinden des Einzelnen an einem bestimmten Ort und in einer bestimmten Gesellschaft. Dies wird maßgeblich durch die dortige persönliche Entwicklung, das Erlebte und die damit verbundenen Empfindungen beeinflusst.


Dieser dreidimensionale Begriff entwickelte sich allerdings erst im Laufe der Zeit. Historisch betrachtet ist der Heimatbegriff mit einer geographischen Orientierung verbunden, er findet seinen Ursprung im Germanischen. Hier entstand das Wort „heim“, das so viel bedeutet wie „Dorf“, „Haus“ oder „Wohnort“. Im Mittelalter dagegen war Heimat ein juristisch geprägter Begriff. Eine Heimat zu haben bedeutete Haus und Hof zu besitzen. Das „Heimatrecht“ gab den Bürgern damit die Berechtigung zum Aufenthalt, sowie dazu, einer Arbeit nachzugehen und sich an einem festen Ort niederzulassen.


Durch die Industrialisierung, welche die Lebensumstände der Menschen stark veränderte und das Städtewachstum beschleunigte, wandelte sich auch die Bedeutung und Definition des Heimatbegriffs stark. Viele Menschen fühlten sich entfremdet und entwurzelt.

Heimat stellte das helle Kontrastbild zu einer dunklen Realität dar, in der sich viele Menschen überfordert und unsicher fühlten. Durch die Politisierung im 19. Jahrhundert wird Heimat im sprachlichen Gebrauch zum Synonym von „Vaterland“ und entwickelt sich damit langsam in die Richtung dessen, was wir heutzutage meinen, wenn wir von Heimat sprechen.


Und wie ist das Ganze hier und heute? Betrachtet man die Zahlen des kleinen „Unikosmos“ Kölns, sind diese ziemlich aussagekräftig. Im Wintersemester 2017/2018 stammten ca. 74% der Studienanfänger an der Uni Köln aus NRW, lediglich 26% kamen aus anderen Bundesländern. Von den 74% der NRWler kamen sogar 18% aus dem Kreis der Stadt Köln. Spitzenreiter unter den anderen Bundesländern ist Baden-Württemberg, von dort kommen immerhin 3,5% der Erstis. Schlusslichter sind Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, mit jeweils 0,2%. Schön, und was sagt uns das? Viele junge Leute bleiben offenbar aus diversen Gründen gerne in unmittelbarer Nähe zur Heimat. Der Heimatbegriff und die damit verbundenen Gefühle haben demnach in der heutigen Zeit keinesfalls an Bedeutung verloren. Auch wenn fast alle gerne reisen, ein noch schnell eingeschobenes Auslandssemester, ein Praktikum in einer hunderte Kilometer entfernten Stadt oder ein längerer Urlaub schon fast zur Normalität gehören, finden doch die meisten ihren Weg früher oder später wieder zurück zu ihren Wurzeln. Vielleicht ist auch gerade die heutige Zeit, in der Reisen so einfach ist wie noch nie, in der Nationalitäten und Ländergrenzen zu verschwimmen scheinen und die Möglichkeiten unendlich sind, der Grund dafür, dass ein fester Ankerpunkt eine große Rolle spielt.


Jedoch stammen 26% der Studierenden ursprünglich nicht aus Köln oder NRW und sind damit Wahlkölner/innen. Spannend wird hier also die Bezeichnung Kölns als „Wahlheimat“. Dabei handelt es sich bei der „Wahlheimat“ per Definition um jeweils das Land oder den Ort, in dem sich jemand niedergelassen hat und sich zuhause fühlt, ohne dort geboren oder aufgewachsen zu sein. Man kann sich also auch Heimat „schaffen“, wenn man die Fähigkeit hat, sich dort wo man ist, wohl zu fühlen. Natürlich soll das nicht heißen, dass sich jeder überall wohl fühlen kann und soll – denn wie sagt man hier in Köln so schön- jeder Jeck ist anders. Wie wir gelernt haben, spielen bei der Entwicklung des Heimatgefühls viele unterschiedliche Faktoren eine Rolle. Zum einen natürlich der Ort selbst, an dem man sich befindet, die Menschen die dort leben und deren Verhalten, die Beziehungen die man sich aufbaut, die Art und Weise, in der soziale Interaktion stattfindet und die Möglichkeit der Eingliederung in die Gesellschaft eine zentrale Rolle. Umso mehr dieser Faktoren für den Einzelnen möglichst zufriedenstellend erfüllt sind, desto mehr entsteht ein Gefühl des „Angekommenseins“ und der Verwurzelung.

Manchmal mag sich dieses Gefühl aber auch nicht so recht einstellen oder scheint mit dem Wechsel in einen neuen Lebensabschnitt wieder zu vergehen. Das Zuhause wird plötzlich zum bloßen Wohnort, man bekommt wieder Heimweh. Auch das kommt häufig vor. Durch eigene Veränderung oder durch die der Außenwelt kann ein Wohnort auch nur zeitweise Heimat sein – quasi als eine Art Lebensabschnittsbegleiter. Und dann? Begibt man sich wieder auf die Suche.


Und das Fazit?

Nicht jeder kann, muss und soll sich überall wohl fühlen. Heimat ist nicht unbedingt ein starrer Begriff, er kann sich mit uns verändern, kann aber auch eine gleichbleibende Konstante im Leben eines Einzelnen darstellen, die vor dem Abtreiben im Meer der Möglichkeiten schützt.

In jedem Fall aber gilt es zu bedenken, dass Heimweh ein nicht nur negativ behafteter Begriff sein sollte, erinnert es doch irgendwie stets daran, dass man seinen Anker bereits auf einem oder mehreren Fleckchen Erde auf der großen weiten Welt ausgeworfen hat.

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