• Patrizia Tensing (Kölner Journalistenschule)

Holpriger Start ins Doktorandenleben

Simon Brandkamp steht kurz vor seiner Promotion. Trotz seines großen Ehrgeizes zweifelt er manchmal an seiner Entscheidung. Schuld ist die Corona-Isolation.

Ein Lichtstrahl fällt auf das Gesicht von Simon, er kneift die Augen zusammen. Sein WG-Zimmer ist nach Osten gerichtet, die Sonne scheint morgens auf seinen Schreibtisch. Durch die lange Fensterfront ist sein Arbeitsplatz immer hell. Obwohl seine Mitbewohner*innen ihn um das Licht beneiden, freut sich Simon schon auf seinen neuen Arbeitsplatz. Gerade klickt er sich durch einen Katalog mit Bürobedarf. „Ich suche mir grade einen neuen Bildschirm für mein zukünftiges Büro in der Uni aus“, erzählt er stolz. Die Vorfreude darauf mache die Arbeit für ihn leichter. Ein gut ausgestattetes Büro, Tür an Tür mit Kolleg*innen ersetzt monatelanges, einsames Arbeiten aus dem WG-Zimmer.

Simon Brandkamp studiert Volkswirtschaftslehre an der Universität zu Köln und befindet sich in den letzten Zügen seines Masterstudiums. „Economic Research heißt der Studiengang und ist eigentlich schon promotionsvorbereitend“, erklärt der 27-jährige. Nach seinem Masterabschluss fängt Simon im Sommer 2021 mit seiner Promotion an und forscht im Bereich Marktdesign und Regulierung von Energiemärkten. Dafür wird er dann endlich von seinem WG-Zimmer in ein Büro im Universitätsgebäude ziehen können.


Einer Mitarbeiterin der Uni Köln soll er nun mitteilen, welche Hardware er für seine zukünftige Arbeit als Doktorand braucht. Damit sein Büro gut ausgestattet ist und er direkt mit der Arbeit beginnen kann. „Ich habe hier jetzt zum Beispiel zwei Bildschirme ausgesucht. Einer würde vielleicht reichen, aber zwei sind natürlich besser“, sagt Simon. Er lacht und fährt sich durch die blonden, abstehenden Haare. Ansonsten lebt der Student eher nach dem Motto „weniger ist mehr“. Sein Zimmer ist sehr minimalistisch eingerichtet. Deko ist kaum vorhanden, unnötige Gegenstände mag er nicht. Auch im Katalog sortiert er aus. Dort gelistet: Ein Selfie-Ringlicht mit Stativ und ein Greenscreen für den perfekten Social-Media-Auftritt. „Das brauche ich aber nicht. Ehrlich gesagt wusste ich bis grade nicht mal, was dieses Ringlicht überhaupt ist.“

Momentan arbeitet Simon noch von seinem WG-Zimmer aus an der Masterarbeit. „Mir fällt es eigentlich nicht schwer, mich auch über einen längeren Zeitraum konstant zu motivieren,“ gibt Simon zu. Im Gegensatz zu einem Großteil seiner Freund*innen hat der Student keine Motivationsprobleme. Auch schon zu Schulzeiten und im Bachelorstudium konnte er sich selbst gut anspornen und hat immer frühzeitig mit der Arbeit für größere Abgaben angefangen. Deshalb sei es ihm anfangs auch nicht schwergefallen, sich für eine Promotion nach dem Studium zu entscheiden. Das bedeutet: Langfristige Deadlines, große Projekte und vor allem selbstständiges Arbeiten. Oft arbeiten Promovierende über Monate hinweg allein an einer Forschungsfrage. Es ist das Alleinsein, das dem Studenten jetzt Probleme bereitet und ihn zweifeln lässt.

Simons betreuender Professor – sowohl für die Masterarbeit als auch für die Promotion – sitzt in Kalifornien, sein Zweitprüfer an der amerikanischen Ostküste. Die meisten Absprachen hätten auch ohne Pandemie digital ablaufen müssen. Das sei aber auch gar nicht die größte Herausforderung für den Studenten. Schwieriger sei es, generell in den Ablauf einer Promotion reinzukommen. Normalerweise finden Vorbereitungsseminare statt, bei denen sie sich mit den Professor*innen austauschen können. Diese finden nun nur online statt. Eventuelle spontane Zusammenkünfte und Diskussionen nach den Seminaren fallen weg. Das erschwert den Einstieg in die Community der Professor*innen und den persönlichen Kontakt zu diesen, findet Simon. Von seinem zukünftigen Doktorvater wisse er beispielsweise keine privaten Details, was sonst üblich sei. Auch der Austausch zwischen den Promovierenden fehle. „Man bekommt viel weniger Inspiration von den anderen, die auch grade an ihrer Promotion arbeiten und im gleichen Stadium sind. Normalerweise würde man eine Forschungsidee mit den anderen Promovierenden schnell auf dem Gang oder an der Kaffeemaschine besprechen. Das geht jetzt halt nicht mehr“, erklärt der Student. Regelmäßiger Austausch und Feedback seien vor allem am Anfang einer Promotion sehr wichtig.

Organisierte Zoom-Meetings als Ersatz könnten für Simon eine Alternative darstellen. Bislang funktioniere das noch nicht wirklich gut. Die Hürde, sich mit jemandem individuell zum Brainstormen oder zum Feedback-Gespräch zu treffen, sei oft zu hoch. „Das ist ein bisschen wie auch im Alltag: Leute, die man vorher in größeren Gruppen getroffen hat, fragt man jetzt ja auch nicht unbedingt, ob sie sich zum Zoomen oder Spazierengehen treffen wollen“, erklärt der 27-jährige. Auch auf der zwischenmenschlichen Ebene gehe dadurch viel verloren. Simon versucht deshalb, die raren Kontakte möglichst zu intensivieren – auch privat.


Seine Masterarbeit beschäftigt ihn in den letzten Wochen und Monaten sehr stark und nimmt den Großteil seines Lebens ein. Es gibt wenige Dinge, mit denen er sich ablenken könnte. Unproduktive Tage, an denen Zweifel aufkommen, treffen ihn deshalb besonders hart. „Es ist nicht so, dass ich nicht auch andere Optionen nach dem Masterstudium gehabt hätte. Vor allem jetzt im Home Office stelle ich mir häufiger die Frage, ob die Entscheidung für die Promotion wirklich die richtige war“, sagt Simon. Für die Promotion hat er eine Stelle bei einer Unternehmensberatung ausgeschlagen, bei der er vorher schon als Werkstudent tätig war. Er hätte ein höheres Einkommen haben können und Kolleg*innen, die er schon kennt. Vor allem deshalb möchte er jetzt gute Leistungen erbringen. Um sich selbst zu beweisen, dass er die richtige Entscheidung getroffen hat. Dafür ist der 27-jährige auch bereit, überdurchschnittlich viel zu arbeiten. „Ich definiere mich ehrlich gesagt schon stark darüber, dass ich gut bin in dem, was ich mache“, sagt er. Wenn seine Prüfer mit seiner Masterarbeit nicht zufrieden wären, würde ihn das sehr stören.

Sein Ehrgeiz ist aber auch ein Antrieb, trotz Pandemie und Home Office motiviert weiterzuarbeiten. Und auch die letzten Zweifel hofft Simon zu vertreiben, spätestens wenn er endlich wieder in Gemeinschaft arbeiten kann.

UPCOMING EVENTS: 

Ihr habt Lust bei uns mitzumachen und eine Sonntagskolumne oder einen Artikel zu schreiben , kommt vorbei!

 

FOLGE DER KSZ: 

  • Black Facebook Icon
  • Black Twitter Icon
  • Black YouTube Icon

RECENT POSTS: 

Die Kölner Studierenden-zeitung erscheint einmal im Semester mit einer Auflage von 9.600 Exemplaren und behandelt Themen rund um den Campus: Ob Hochschul- oder Stadtpolitik, Kunst und Kultur sowie aktuell relevante Gesellschaftsthemen.

Die KSZ wird von jungen engagierten Menschen in Teamarbeit realisiert. Bei uns arbeiten angehende Medienwissenschaftler*innen, Mediziner*innen, Jurist*innen und Designer*innen sowie Schüler*innen und Absolvent*innen der Kölner Journalistenschule.