• Marie Averbeck

Kampf um jedes Kilo - Wenn Menschen untergewichtig sind

Die einen müssen Essen nur angucken und werden schon dick, die anderen nehmen einfach nicht zu, egal was sie essen. Was für viele nach einem absoluten Wunschtraum klingt, ist für Untergewichtige oft ein Problem. Alina muss jeden Tag aufpassen, kein Kilo zu verlieren und auch KSZ-Redakteurin Marie kennt das Problem, zu dünn zu sein.


Der morgendliche Blick auf die Waage macht Alina jedes Mal nervös. Hat sie wieder abgenommen? Alina gehört zu den etwa 4 Millionen Menschen in Deutschland, die an Untergewicht leiden. Vor allem betroffen sind Frauen unter 50 Jahren. Dem gegenüber stehen fast 40 Millionen übergewichtige Deutsche.

Menschen mit einem sehr niedrigen BMI haben kaum Appetit, wenig Hungergefühl oder Magen-Darm-Erkrankungen, die die Aufnahme von Kalorien erschweren. Und dann gibt es natürlich auch noch die, die kerngesund sind, gefühlt den ganzen Tag essen, aber trotzdem kein Gramm zunehmen. Wahrscheinlich haben die meisten Menschen so Jemanden im Bekanntenkreis und der/die ein(e) oder andere beneidet den guten Stoffwechsel. „Das Problem hätte ich auch gerne.“ Oder „Iss doch einfach mal öfter einen Burger, dann löst sich das Problem von ganz allein“, sind nur zwei von vielen ähnlichen Aussagen, die auch ich oft höre. Jahrelang fühlte ich mich zu dünn, auch wenn es sich nur um leichtes Untergewicht handelte. Morgens habe ich selten Hunger, der Appetit kommt erst im Laufe des Tages. Große Portionen im Restaurant schaffe ich nur selten, obwohl ich eigentlich sehr gerne esse. Dazu kommt, dass Stress bei mir schnell zu Appetitlosigkeit führt. Und auch wenn die Worte gut gemeint waren: Helfen taten sie mir kein bisschen. Denn für mich war mein Untergewicht ein Problem und Fast Food aß ich schon genug, ohne dass dies irgendeinen Erfolg brachte.

Ab wann spricht man überhaupt von Untergewicht? Das ist meist bei einem BMI unter 19 der Fall. Bei einer Frau mit einer Größe von 1.63 m wäre das zum Beispiel ein Gewicht von unter 50 Kilo. Solange der BMI nur leicht unterschritten wird und keine Mangelerscheinungen vorliegen, muss nicht zwangsläufig etwas unternommen werden, ist die verbreitete Meinung von Ärzt/innen. Doch auch wenn es sich nur um leichtes Untergewicht handelt, stellt das für viele Betroffene ein Problem dar, denn viele fühlen sich nicht hübsch. Hinzu kommen Probleme, passende Kleidung zu finden. Ein BMI von unter 16 wird als starkes Untergewicht bezeichnet. Folgen können zum Beispiel eine erhöhte Infektanfälligkeit oder Osteoporose sein.


Ende 2019 brütete ich wie jedes Jahr über guten Neujahrsvorsätzen und beschloss, dass es dieses Mal endlich klappen sollte: Ich wollte 2020 fünf Kilo zunehmen und damit Normalgewicht erreichen. Dies war nicht mein erster, aber wie sich zeigen sollte, mein erfolgreichster Versuch. Langsam, aber allmählich, stieg die Zahl auf meiner Waage. Dieser Weg war schwer: Ich versuchte jeden Morgen etwas zu essen, auch wenn das bedeutete, dass das ungesunde Schoko-Müsli das Brot ablöste. Ich versuchte regelmäßig zu essen. Ohne eine Kleinigkeit zu essen dabeizuhaben, ging ich nicht mehr aus dem Haus. Während der Zoom-Meetings löffelte ich Schoko-Puddings, einen Vorteil hat das digitale Semester zumindest: Ich muss damit nicht bis zur Pause warten. Und ein Snack kurz vor dem Schlafengehen durfte auch nicht fehlen. Ich aß auch, wenn ich keinen Appetit hatte und Dinge, die ich nicht sonderlich mochte. Hochkalorische Shakes begleiteten mich von nun an beinahe täglich. In fast jedem meiner gekochten Essen landete Sahne oder Olivenöl.


Manchmal war ich erschöpft. Es ist anstrengend zu essen, wenn man eigentlich keine Lust dazu hat. Manchmal war ich frustriert, wenn ich am nächsten Tag unerklärlicherweise doch wieder ein Kilo weniger wog. Manchmal war ich kurz davor aufzugeben. Doch nun habe ich es geschafft: Ich habe 6 Kilo zugenommen, womit ich selbst schon fast nicht mehr gerechnet hätte.

In der Facebook-Gruppe „Wir wollen zunehmen“ tummeln sich fast 3000 Mitglieder. Alina ist eine von ihnen. Seit 3 Jahren versucht sie, mehr an Gewicht zuzulegen. Doch durch ihren stressigen Arbeitsalltag ist die regelmäßige Einnahme von Mahlzeiten schwierig. Es kam schon vor, dass sie gefragt wurde, ob sie magersüchtig sei. Das war verletzend, aber verübeln konnte sie es den Leuten auch nicht. Sie glaubt, dass dahinter einfach Unwissenheit steckt.

In der Gruppe ist man sich einig: Es muss mehr Verständnis für Menschen mit Untergewicht geben, das ist kein Luxusproblem, sondern kann die betreffende Person enorm belasten. Lea, ein anderes Mitglied der Gruppe, hat in den vergangenen 6 Monaten insgesamt 9 Kilo zugenommen. Eine Ernährungsberaterin half ihr dabei, indem sie zusammen Ernährungspläne erstellten. Laut BMI ist sie immer noch nicht ganz im grünen Bereich, doch sie ist nun rund um zufrieden mit sich. Auch die Gruppe war eine Unterstützung: „Ich hatte keine Ahnung, dass so viele betroffen sind. Ein paar Tipps von Mitgliedern konnte ich umsetzen und der Austausch hat geholfen, wenn ich mal wieder verzweifelt war. Geteiltes Leid ist halbes Leid.“

Dieses Jahr können bei mir gerne noch ein paar Kilo dazukommen, doch der Stress hat nachgelassen. Ich habe gemerkt: Mit zu viel Druck lässt sich wenig erreichen, kleine Rückschritte gehören dazu. Egal ob man zu- oder abnehmen möchte oder muss, beides ist ein steiniger Weg, doch am Ende wartet der Stolz über den Erfolg.

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