• Marie Scholl (Kölner Journalistenschule)

Kein Bock auf Homeoffice

Probleme mit Konzentration, mangelnde Motivation, aber das Ziel fest im Blick: Ein Student quält sich durchs Homeoffice, um nach der Pandemie als Sportjournalist aus vollen Stadien berichten zu können.


Jann Philip Gronenberg sitzt zwischen einer lustlos platzierten Plastikpflanze auf seinem Tisch, neben ihm an der Wand hängt ein signiertes Fußballtrikot. Er ist 24, lebt alleine in Braunsfeld und studiert Sportjournalismus an der Macromedia Hochschule. Im Moment allerdings von Zuhause aus – und das macht ihm zu schaffen.


„Ich brauche immer Motivation von außen, um produktiv zu sein“, erzählt er. Beim Reden streicht er sich durch seinen zwei-Wochen-Bart, den er sich stehen lässt, damit er, „nicht aussieht wie 12“.


Nur deshalb hat er aufgeräumt: Weil er wusste, dass er interviewt wird. Und damit ist Jann Philip direkt beim Thema: Die Tücken des Homeoffice.


Für den 24-jährigen Studenten ist vieles schwieriger geworden, seit er wegen Corona von Zuhause aus an seiner Bachelorarbeit feilt und Seminare belegt. Nebenher arbeitet er noch beim Express als Sportredakteur, zurzeit ebenfalls aus dem Homeoffice. Volle Auslastung vor dem PC in seiner Wohnung also.


Sieht man seinen Schreibtisch, muss man nicht lang rätseln, was Jann Philip so macht. Abgesehen vom Rocket-Beans-Poster über seinem Bett schreit jedes Detail seiner Einrichtung: Fußball! Die Tüten vom Fanshop des Vereins Crystal Palace an der Wand, die Taktik-Bücher im Regal, die Pinnwand mit Tickets, Fotos mit Spielern und einem Screenshot aus einem Sportschau-Beitrag von ihm. Der erinnert ihn vielleicht bei zähen Online-Vorlesungen daran, wofür er das eigentlich macht. Denn am heimischen Schreibtisch am Ball zu bleiben, fällt Jann Philip schwer. „Sportjournalismus ist meine Leidenschaft!“. Leider sind in seinem Studium nun aber nur noch Fächer wie Business Planning übrig, die ihm nicht so viel Spaß machen.


Und hier kommt wieder die äußere Motivation ins Spiel: Genau die fehlt ihm nämlich, wenn er zuhause sitzt und sich nicht mit seinen Kommilitonen in der Uni gegenseitig anfeuern kann. Und es ist nicht so, als wäre im Online-Semester weniger zu tun: Vier Module muss er bearbeiten, und die nächste Deadline sitzt ihm auch schon im Nacken. Die Abgabe seiner Bachelorarbeit ist im Januar. Eigentlich wollte er im jetzigen Semester schon alle Module fertig haben und sich nur noch um die Bachelorarbeit kümmern, doch ihm fehlen Antrieb und Struktur. Jetzt heißt es: Voller Workload in diesem Semester. Dabei fehlt der Ausgleich, ein Feierabendbier mit Kollegen nach getaner Arbeit beim Express oder ausschweifende Touren durch Kölner Cocktailbars.

Im Moment verbringt er stattdessen fünf Stunden am Tag vor dem Computer, es waren aber schon mal weniger. Als er noch nicht genau wusste, wie er seine Bachelor-Arbeit angehen sollte und die Uni gleichzeitig lange nicht klar sagte, was in Prüfungen drankommt, stresste ihn das enorm. „Ich hatte mehr Freizeit als erwartet, aber musste eigentlich was tun“. Das Resultat: Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit – und das schlechte Gewissen als ständigen Begleiter.


Weniger Probleme mit der Produktivität hat er bei der Arbeit beim Express: „Die Kollegen erwarten Output von mir“. Das heißt: Rumsitzen und Prokrastinieren ist nicht, wenn der Chef dir per Teams über die Schulter guckt – „genau diese Fremdmotivation brauche ich“.


Parallel zu Uni und Arbeit geht Jann Philip ein weiteres großes Projekt an, an das er (eigentlich) schon seit Jahren einen Haken setzen will: Seinen Führerschein. Für den hat er lange gespart. Regelmäßig schaut er sich online Theoriestunden an.


Um nicht den Überblick zu verlieren und seinen Tag zu strukturieren, hängt nun ein Kalender in seinem Zimmer. Auslöser war eine kleine Katastrophe. Am Abend vor einer Klausur im Sommer traf ihn die Erkenntnis: „Morgen schreibe ich ja gar nicht Business Planning, sondern Economics!“ – er hatte zwei Klausurtermine vertauscht.



Beim Lernen Pausen machen oder zwischendurch an die frische Luft gehen helfen ihm bei der Konzentration übrigens nicht. „Ich muss mich da einfach eisern hinsetzen. Pausen lenken mich nur ab. Dann stehe ich am Fenster und vertiefe mich direkt in etwas anderes“, sagt Jann Philip.


Die Arbeit und das Lernen online sind einfach nichts für ihn, doch leider geht es nicht anders. Für seine Hochschule zahlt er monatlich trotz Stipendium mehrere hundert Euro, die muss er sich zu einem Teil selbst erarbeiten. Eine Pause kann er sich da nicht erlauben. Hinzu kommen die Kosten für den Führerschein, den er sich mühsam zusammengespart hat.

Doch für ihn lohnt sich das, denn er hat ein klares Ziel vor Augen. Wenn er sein Studium 2021 abgeschlossen hat, will er ein Volontariat machen – am liebsten bei einer großen überregionalen Tageszeitung, einem Fußballverein oder beim Internetsender Rocket Beans TV. Erfahrung konnte der gebürtige Hamburger schon sammeln: Er arbeitete lange für Spiegel Online und einen regionalen Fußball-Fernsehsender. Und wenn es so weit ist, kann er hoffentlich nicht aus dem Homeoffice, sondern aus vollen Stadien berichten: „Ich will endlich wieder die Atmosphäre aufzusaugen! Das hat mich schon als kleines Kind begeistert.“


Was vermisst er: Mit Kommilitonen nach den Seminaren quatschen

Was studiert er, wo: Sportjournalismus, Macromedia Hochschule

Welches Semester: 9


Eine Kooperation mit Student*innen der Kölner Journalistenschule unter Leitung von Ismene Poulakos


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