• in Kooperation mit der Kölner Journalistenschule

Quarantäne mit der WG

Zwei Stunden lang steht Lukas Stüker in der Küche. Er brät Pfannen voller veganer Würstchen und stampft Berge von Kartoffeln. Der 24-Jährige kocht für acht seiner 24 Mitbewohner*innen. „Danach hatte ich Muskelkater in den Händen vom Kartoffelschälen“, lacht er. Im September letzten Jahres musste seine ganze WG, das „Schmittmann-Kolleg“ in der Kölner Südstadt, für zwei Wochen in Quarantäne. 24 Menschen auf drei Stockwerken, die sich nicht nur von der Außenwelt, sondern auch untereinander isolierten. Eine Bewohnerin war positiv auf das Coronavirus getestet worden. So kompliziert ist das, wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenleben.

Seit drei Jahren wohnt Lukas Stüker im Schmittmann-Kolleg, einem selbstverwalteten Haus von Studierenden. Das „Schmittie“, wie es die Bewohner*innen nennen, wurde in Gedenken an den NS-Widerständler Benedikt Schmittmann gegründet. Studierende können dort für relativ wenig Geld wohnen und müssen im Gegenzug verschiedene Aufgaben im Haus übernehmen. Das geht von Küchendiensten bis hin zum Instandhalten der kleinen Bibliothek im Haus. Im letzten Wintersemester hatte Lukas das Amt des Haussprechers inne. Dabei geht es vor allem darum, das Semesterprogramm im Haus zu planen. Jedes Studienhalbjahr gibt es ein Thema, mit dem sich das ganze Haus für ein halbes Jahr beschäftigt. Im Wintersemester war es ‚Soziale Ungleichheit‘. Lukas organisierte beispielsweise Workshops oder Vorträge für alle Bewohner*innen.

Lukas ist einer dieser 24 Bewohner*innen. Er studiert Medizin im zehnten Semester an der Uni Köln. Eigentlich wäre er bald mit seinem Studium fertig, hat aber wegen drei Corona-Semestern beschlossen, es noch etwas in die Länge zu ziehen. Einmal noch den Uni-Alltag live erleben, Freunde finden, Spaß haben, erwachsen werden. Das bedeutet Studieren für den 24-Jährigen. Es geht ihm nicht nur ums Pauken: „Das Fachliche könnte ich mir auch Zuhause selber anlesen. Dafür muss ich nicht in die Uni gehen.“

Seitdem die Vorlesungen online stattfinden, schaut er sie sich nicht mehr so häufig an. „Es ist ja auch etwas Soziales, in eine Vorlesung zu gehen, seine Freunde zu sehen, Kaffee zu trinken und dann in die Mensa zu gehen“, sagt Lukas. Er lerne schneller und effizienter, wenn er sich den Stoff selber beibringe. Seitdem die soziale Komponente seines Studiums wegfällt, versucht der 24-Jährige, so wenig Zeit wie möglich vor dem Schreibtisch zu verbringen. Der Spaßfaktor des Lernens gehe verloren, erzählt er.

Auch die Klausuren haben für Lukas Stüker an Bedeutung verloren. Die Noten seien in seinem Studienfach generell nicht so wichtig – und gerade während der Pandemie habe er keine Motivation gehabt, viel zu lernen und gute Ergebnisse zu erzielen. „Ich hab‘ nur zugesehen, dass ich die Dinger bestehe“, sagt er. Sein Notenschnitt ist ungefähr gleichgeblieben, die gemeinsame Anstrengung und das Gefühl von Zusammenhalt fehlen dem Studenten jedoch. Deshalb schreibt er Prüfungen lieber vor Ort: „Man geht gemeinsam hin, das ist natürlich auch kacke, aber dann ist man auch gemeinsam fertig und feiert!“


Seine Mitbewohner*innen sind für den 24-Jährigen in der Pandemie besonders wichtig. Ob Quiz- oder Filmabende, im Schmittie ist immer was los. Mal online auf Zoom, mal in kleinen Gruppen in Präsenz. Doch als eine Mitbewohnerin positiv auf das Coronavirus getestet wird, müssen die Studierenden kreativ werden. Gemeinsam beschließen sie, sich auch untereinander für zwölf Tage zu isolieren. Bei geteilten Bädern und nur einer Küche gestaltet sich das ziemlich kompliziert: Lebensmittel werden gesammelt online bestellt, einmal am Tag belegt eine Person für zwei Stunden die Küche und kocht für ihr gesamtes Stockwerk. Ob afrikanischer Linseneintopf oder Hackbraten, die Bewohner*innen probieren viel aus. Für die Benutzung der Bäder sprechen sie sich in WhatsApp-Chats ab, auf dem Flur müssen alle Maske tragen.

Um die Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten, verbringen die Studierenden online viel Zeit zusammen. Es gibt ein 24-Stunden Zoom-Meeting, in das sich jede*r einwählen kann, wenn er/sie Lust hat zu quatschen. Morgens trifft man sich zum Kaffee, abends zum Wein. Oft kommen alle für gemeinsame Online-Spieleabende zusammen.

Auch Lukas bleibt während der Quarantäne in engem Kontakt zu seinen Mitbewohner*innen. Das hilft ihm, psychisch besser mit der Situation klarzukommen. „Ich hab‘ auch viele meiner besten Freunde hier im Haus,“ erzählt er. „Wenn es mir schlecht geht, hab ich es nicht weit, um mal nach Hilfe zu fragen. Oder jemand kommt auf mich zu und fragt, wie es mir geht.“ Wenn er alleine ist, spielt er viel Bass und hört Musik. Pink Floyd, The Police oder The Doors zum Beispiel. Mit einem Plattenspieler hört er die alten Platten seines Vaters, die er Lukas per Post zugeschickt hat.

Wirklich produktiv ist er in der Zeit nicht. „Ich habe gemerkt, dass mich das emotional richtig fertig macht. Oft habe ich versucht, was zu machen und bin dann gescheitert.“ Besonders in dieser Situation habe er gemerkt, dass sein Studium nicht immer die erste Priorität haben muss und beschlossen, dass seine psychische Gesundheit vorgeht. Damit nimmt er den Druck von sich, immer viel zu leisten, erzählt er.

Während der Quarantäne ist der 24-Jährige Haussprecher des Schmittmann-Kollegs, weshalb er sich verantwortlich für den Ablauf fühlt. Das sei nicht einfach zu managen gewesen. Trotzdem spricht Lukas durchweg positiv vom Zusammenhalt im Haus. „Es ist immer ein herzliches und ultra-produktives Miteinander“, sagt er. Während der Quarantäne sei dieser Zusammenhalt besonders wichtig gewesen, damit alle das Alleinsein gut überstehen konnten. „Die oberste Devise war, dass wir immer aufeinander aufpassen“, sagt der 24-Jährige.

Auch auf sich selbst! Seine psychische Gesundheit ist dem Medizin-Studenten wichtiger geworden als die Leistung im Studium. „Für mich war’s die Erkenntnis: Wenn’s nicht klappt, klappt’s nicht“, sagt er und zuckt mit den Schultern. „Ich bin mir da selber gegenüber sehr großzügig.“

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