Sonntagskolumne: Geschichten aus der Stadt - Mein Körper

Ich stehe am Bahngleis. In meiner Skinny Jeans, mit Kopfhörern in den Ohren schaue ich Richtung Gleis und warte auf meinen Zug. Wahrscheinlich wirke ich sehr geistesabwesend, so wie es meistens der Fall ist, doch ich bemerke ihn trotzdem. Im Augenwinkel kann ich den Mann genau sehen, wie er ungeniert meinen Körper mustert. Auf den Lippen ein lüsternes Lächeln, in den Augen ein gieriger Blick. Unangenehm. Er macht ja nichts, er schaut ja nur. Aber ist schauenwirklich nichts? Ich fühle mich in keiner Weise bedroht, weil es ein sonniger Tag ist, ich mich inmitten von vielen Menschen befinde und mein Beobachter in gut fünf Metern Abstand zu mir steht. Aber trotzdem macht sein Blick etwas mit mir. Ich fühle mich unwohl und auf mein Äußeres reduziert. Also ist das im Prinzip schon eine Art Belästigung. Oder? Oder nicht? Ich fühle mich jetzt schlecht, weil ich ein Kleidungsstück trage, das meinen Körper betont und wünsche mir nichts sehnlicher als einen langen Pullover, der meine Hüften bedeckt. Dabei ist es doch sein Blick, der mich stört, nicht meine Hose. Doch sofort ist dieser Zweifel an mir selbst da, denn es ist ja meine eigene Schuld. Wenn ich mich auf irgendeine Art aufreizend kleide, brauche ich mich nicht wundern, wenn ich die Blicke der Männer anziehe.


Oder doch? Natürlich nicht. Das ist diskriminierender und sexistischer Unsinn, aber um das zu erkennen, braucht es diesen kurzen Moment des Innehaltens und der Reflexion über den eigenen Körper. Trotzdem kommt es mir vor, als würde dieser Schritt aus einem tief verankerten Automatismus heraus von vielen Frauen übersprungen. Stattdessen gehen unsere Gedanken natürlicherweise zur Selbstverantwortung über. Wie eine Art kollektives Erbe der Frau. Ratternd fährt eine Bahn ein, zum Glück nicht meine Linie, denn mein Beobachter steigt ein und verschwindet so aus meinem Leben. Ich spüre, wie ich aufatme und meine zuvor intuitiv angespannten Muskeln sich langsam wieder entspannen. In Gedanken gehe ich in der Zeit zurück und auch wenn ich bei weitem keine Expertin für Geschichte bin, fällt mir auf, dass es nie anders war. Frauen wurden jahrelang vom Mann als Patriarch unterdrückt, misshandelt und dann oftmals selbst für das Geschehene verantwortlich gemacht. Wer kann es uns also verdenken, wenn es schwerfällt, diesen einerseits eindeutigen und andererseits doch schwer erkennbaren Übergang zur sexuellen Belästigung zu erkennen und zu definieren? Seit Jahrhunderten leben wir in Angst. Auch das ist Bestandteil dieses bereits erwähnten kollektiven Erbes. Die konstante Furcht vor Übergriffen, vor allem sexueller Art, tragen wir Frauen doch alle in uns, so kommt es mir vor. Unzählige Geschichten über zwielichtige Verfolger auf dem Heimweg oder über ungefragt erhaltene freizügige Bilder habe ich mir schon von meinen Freundinnen anhören müssen.


Und in jeder einzelnen Geschichte war es ein männlicher Protagonist, der sie in den Zustand des Unwohlseins versetzt hat. Mein Blick fällt auf eine Frau, die ein paar Meter links von mir an einem Laternenpfahl lehnt. Sie trägt einen kurzen Rock und ein tief ausgeschnittenes, hautenges Oberteil. Das Outfit schmeichelt ihrer Figur sehr und überlässt nur wenig der Fantasie des Betrachters. Ich finde sie sieht sehr gut aus. Ich schaue mich um, doch außer meinem hat sie scheinbar keinen weiteren Blick auf sich gezogen. Sie hat wohl einfach Glück gehabt. Oder? Ich spinne den Faden weiter und frage mich, inwieweit diese kollektive Angst unseren, meinen Alltag bestimmt. Und obwohl ich ehrlich sagen muss, dass ich persönlich kaum Erfahrungen mit Belästigungen, welcher Art auch immer, gemacht habe, komme ich zu dem Schluss, dass die Angst vor sexuellen Übergriffen doch regelmäßig präsent ist und das Leben vieler Frauen prägt. Auch meins.


Denn welche Frau läuft allein ganz und gar sorgenfrei im Dunkeln nach Hause? Keine. Und wie oft habe ich mich aufgrund des Verhaltens oder der reinen Anwesenheit eines Mannes schon unsicher gefühlt? Zu oft. Selbst wenn nie etwas passiert ist. Allein aufgrund der körperlichen Überlegenheit des Mannes, ist die Angst Teil von uns. Die Gewissheit, falls jetzt etwas passiert, werde ich mich nicht wehren können, weil ich körperlich unterlegen bin, weil ich zu schwach bin. Wir tragen diese Furcht so selbstverständlich mit uns, dass wir sie kaum noch bewusst wahrnehmen und für normal halten, doch ich finde, sie verkörpert ein entsetzliches Drama der Menschheit. Während ich einen ungeduldigen Blick auf die Anzeigetafel am Bahngleis werfe merke ich, dass ich diese besagte kollektive Angst durch meine Überlegungen in eine kollektive Wut verwandelt habe. Ja, ich koche innerlich und bin stinksauer auf jeden einzelnen Mann und jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen. Ich denke an meinen Papa, an meinen besten Freund und an den Falafelverkäufer meines Vertrauens. Endlich kommt meine Bahn. Ich steige ein und bleibe gleich rechts von der Tür stehen, es sind ja nur drei Stationen. Mir gegenüber steht ein junger Mann in meinem Alter. Er sieht nett aus und lächelt mich an. Ein hübsches Lächeln. Verlegen schmunzle ich zurück und schaue beschämt auf den Boden. War ich gerade eben nicht noch stinkwütend auf jeden Vertreter des männlichen Geschlechts? Ein charmantes Lächeln und alles ist verziehen? Ich erschrecke kurz vor mir selbst und verspüre das Bedürfnis mich zu entschuldigen, wenn mir auch selbst nicht so ganz klar ist, bei wem. Das geht jedenfalls in die völlig falsche Richtung und ist keinesfalls auch nur ansatzweise die Lösung, denke ich mir und beobachte die vorbeiziehenden Häuser. Natürlich kann ich nicht jeden beliebigen Mann verantwortlich machen für die Gräueltaten, die an Frauen begangen wurden. Das weiß ich und ich möchte auf keinen Fall mit dreisten Unterstellungen um mich werfen. Wenn man es wagen möchte, hier an einen Lösungsansatz zu denken, dann muss dieser auch ein gemeinsamer sein. Einer kollektiven Angst kann nur durch ein Kollektiv entgegengewirkt werden. Ein Kollektiv aus Frauen und auch aus Männern. Ein Kollektiv aus Menschen. Mir raucht der Kopf. Ich bin immer wieder fasziniert davon, wohin meine Gedanken beim Bahnfahren manchmal abschweifen. Der Zug hält quietschend an meiner Station. Vor dem Hinausgehen werfe ich noch einen verstohlenen Blick auf mein Gegenüber, dann überquere ich die Straße und laufe los Richtung nach Hause.



Da kommt mir noch ein neuer Gedanke. Bisher haben sich meine Gedankengänge nur um die reine Theorie gedreht. Ohne etwas verharmlosen zu wollen, will ich doch klarstellen, dass diese Angst, wie ich sie beschrieben habe, größtenteils von hypothetischen Ereignissen, von theoretischen Annahmen und einem großen Was-Wäre-Wenn herrührt. Was ist also mit den Frauen, deren Erlebnisse darüber hinausgehen, bei denen sich dieses Hirngespinst entwickelt hat zu einem echten Gespenst, manifestiert zum realen Horror? Gedrängt, überredet oder gar gezwungen, etwas mit ihrem Körper zu tun, was sie eigentlich nicht wollen. Sexuelle Nötigung. Vergewaltigung. Wie erholt man sich von so etwas? Wie verzeiht man so etwas? Uff. Bei aller Liebe zu meinen Gedankenkarussellen, die sich oft drehen und drehen und nicht aufhören, bis sie eine Lösung gefunden haben - hier stoße ich an meine Grenzen. Diese Fragen kann ich nicht beantworten, ja es steht mir gar nicht zu, sie zu beantworten. Das übersteigt mein Vorstellungsvermögen, sei es auch noch so ausgeprägt. Ich bin mittlerweile so tief versunken in meinem Denkprozess, dass ich gar nicht merke, wie ich schaudere, weil mich dieses Thema so bewegt. Erst, als mich eine Dame mittleren Alters nach dem Weg fragt, komme ich wieder zurück in meine Realität. Sie hat kastanienbraun gefärbtes Haar und einen grauen Ansatz. Ihr Parfüm riecht unangenehm intensiv, aber ihre Augen sind warm und sie strahlt eine angenehme Ruhe aus. Ich erkläre ihr, wo sie lang muss und sie bed


ankt sich. Auch nach einigen Schritten kann ich ihr Parfüm noch riechen. Ich versuche den Faden wieder aufzugreifen und lande mehr oder weniger bei meinem Ausgangspunkt. Wo ist die Grenze? Ab wann darf ich mich zurecht bedroht oder gar belästigt fühlen und wann bin ich gelenkt von der Angst vor fiktiven Geschehnissen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht mal, ob man das wissen kann. Ich weiß nur, dass ich nicht voller Angst durchs Leben gehen will. Ich möchte eine Balance finden. Ein Gleichgewicht zwischen Vorsicht und Naivität, zwischen Misstrauen und Wohlwollen. Jetzt bin ich fast vor meiner Haustür. Bevor ich ein letztes Mal abbiege, komme ich an ‚meinem‘ Falafelladen vorbei und winke dem Verkäufer meines Vertrauens lächelnd zu.

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