• Johanna Lauscher

„​War doch nur ein Kompliment” - Warum Sexismus mich so wütend macht

Montag, 6. Juli 2020

Es ist ca. 9 Uhr morgens, als ich durch die Unterführung am Deutzer Bahnhof laufe. Um mich herum jede Menge Menschen auf ihrem Weg vom einen zum anderen Bahnsteig. Ich laufe an einem Mann vorbei, etwa 50 Jahre alt, mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht. Schon von Weitem spüre ich seine Blicke auf mir. Er ruft mir hinterher. ​„​bsch. Hübsch bist du. Dreh dich doch mal um und rede mit mir. Ey!”. Mit jedem Wort wird seine Stimme lauter und aggressiver. Und ich, ich bin schlagartig wütend. Wütend, dass ich mich schon wieder in dieser Situation befinde. Wütend, dass ich schon wieder gezwungen werde, mir den Kopf darüber zu zerbrechen, wie ich reagiere. Wütend, dass mein Tag so beginnt. Also drehe ich mich um und sage so etwas wie: ​„​Finden Sie das eigentlich angebracht, was Sie hier tun?”. Was Besseres fällt mir in dem Moment nicht ein und es wieder mal ignorieren will ich auch nicht.

Ist meine Reaktion richtig? Keine Ahnung. Denn was ist schon die richtige Reaktion auf falsche Aktion. Der Fremde beginnt nun mich zu beschimpfen, bedient sich seines vulgären Vokabulars und ich frage mich, warum ich so höflich geblieben bin. Er ruft mir hinterher: ​„​Ja dann geh doch weiter du dumme Schlampe, was willst du jetzt. Fotze ey”. Um mich herum passiert währenddessen gar nichts. Keiner meiner Mitmenschen wirft mir auch nur einen Blick zu, gibt mir irgendwie zu verstehen, dass er oder sie im Fall der Fälle eingreifen würde. Stattdessen wenden sich die Blicke demonstrativ von mir ab. Als wäre das, was gerade passiert ist meine Schuld. Dass ein wildfremder Mann eine Frau zunächst verbal belästigt und ihr dann Beleidigungen durch den ganzen Bahnhof hinterher krakeelt, das scheint irgendwie business as usual zu sein. Meine Laune ist nun verdammt schlecht. Ich fühle mich verunsichert und alleingelassen.

Mittwoch, 3. Oktober 2018

Es ist der zweite Tag auf einer Motorradmesse in Köln und ich arbeite mal wieder als Hostess. Gestern 10 Stunden rumstehen, nett sein, Gäste begrüßen, Getränke servieren, rumstehen, aufräumen, Give-aways verteilen, Kaffee kochen, spülen, rumstehen. Dasselbe nochmal heute, morgen und übermorgen. Ich begrüße den Mittagstermin meines Vorgesetzten - drei Männer zwischen 50 und 70. Zeige ihnen wo sie Platz nehmen können und bringe ihnen Getränke. Nach dem Gespräch kommt einer der Männer zu mir. Er sagt mir, ich würde einen tollen Job machen und mein Arbeitgeber könne sich glücklich schät


zen, eine so engagierte Hostess zu haben. Soweit so gut. Was danach kommt ist allerdings gar nicht gut. Er fragt mich, ob ich auch ​„​andere Dienste anbiete”. Er würde mir viel Geld zahlen, um einmal mit mir ins Kino zu gehen, mich zum Essen einzuladen und danach in ein Hotel. Eigentlich wäre jetzt wohl der Zeitpunkt um geschockt zu sein. Ich hingegen bin lediglich geschockt darüber, wie unaufgeregt die Situation an mir vorbeizieht. Denn dieser Typ, der mit etwas Fantasie übrigens nicht nur mein Vater, sondern auch mein Großvater sein könnte, ist keinesfalls der Erste, der sich erdreistet mich so etwas zu fragen. Ich bleibe höflich, erkläre ihm aber bestimmt, dass sein Verhalten höchst unangebracht ist. Man kann doch nicht davon ausgehen, dass allein die Tatsache, eine Frau zu sein, reicht, um auch der eigenen Prostitution gegenüber nicht abgeneigt zu sein. Er lacht auf und sagt er habe ja nicht gewusst, dass ich mich so gut artikulieren kann, dass ich so gebildet bin. Ich frage ihn, ob es einen Unterschied machen würde, wie hoch der Bildungsgrad einer Frau ist, um ihr zu unterstellen, dass sie käuflich sein müsste. Er lacht wieder und sagt mir ich habe es ja faustdick hinter den Ohren. Ich muss mich inzwischen echt zusammenreißen nicht sehr ausfallend in meiner Wortwahl zu werden. Er zuckt mit den Schultern und sagt ​„​War ja nur ein Angebot”, dreht sich um und geht.

Dann steh ich da, an diesem verflixten Motorradstand und bin mal wieder fassungslos, was für einen sexistischen Bullshit ich mir gerade anhören musste. Wie gütig von dem gnädigen Herrn mir ein solch verlockendes ​„​Angebot” zu machen - endlich bezahlten Sex mit einem Opa, jippie! Endlich mal wieder wie ein Stück Fleisch behandelt werden, jay! Als ich die Erfahrung in Anschluss mit Arbeitskolleginnen teile, merke ich, wie ich an meine Grenzen stoße. Kichernd werden mir Dinge wie: ​„​War doch nur ein Kompliment” und ​„​Du ttest auch einfach Nein danke sagen können” entgegengebracht. In welchem Universum ist die Unterstellung, dass alle Frauen für Männer grundsätzlich käuflich erwerbbar sein könnten und diese ein regelrechtes Anrecht auf die Frage nach eben dieser Käuflichkeit haben ein Kompliment? Für was genau soll ich mich hier eigentlich bedanken? Achja, für das tolle Kompliment. In diesem Sinne: Vielen Dank dafür.

Ich bin wütend darüber, dass irgendein dahergelaufener Kerl die Macht hat, mir mit seinen Aussagen den Start in den Tag zu versauen. Ich bin wütend, dass ich mich danach schuldig fühle. Ich bin wütend über die Unterstellung, dass Frauen käuflich sind. Ich bin wütend über Frauen die mir sagen Sexismus sei ein Kompliment. Ich bin wütend, dass dies nur zwei Erfahrungen von Unzähligen sind. Und ich bin wütend, dass ich selbst so indoktriniert bin, dass ich beim Verfassen dieses Textes ständig das Gefühl habe mich rechtfertigen zu müssen. Typische Fragen, die einem entgegengebracht werden, sobald man von seinen Erfahrungen berichtet schwirren mir dann durch den Kopf - warum antwortest du denen überhaupt? Warum arbeitet man auch als Messehostess, wenn man ein Problem mit sexistischen Äußerungen hat? Und ganz wichtig natürlich, was hattest du eigentlich an? Daher meine abschließenden Worte an dieser Stelle: Ein ganz klares Fuck you an Männer, die dafür sorgen, dass ich und viele andere Mädchen und Frauen sich unwohl und unsicher fühlen und die dafür sorgen, dass ich in meiner Freizeit 6035 Zeichen zu diesem Thema verfasse, anstatt mich verdammt nochmal mit irgendetwas anderem zu beschäftigen.

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