• Lukas Homrich (Kölner Journalistenschule)

Trainingscamp Homeoffice

In Robins Keller lehnen Scheiben-Gewichte und Langhanteln an der Wand, unter der Treppe zwei eingeklappte Rudergeräte: ein Keller wie viele. Doch anders als in gewöhnlichen Hobbykellern trainieren hier amtierende Europameister.

Robin Goeritz rudert für die U-23 Nationalmannschaft und – so ganz nebenbei – studiert der 21-Jährige an der Uni-Köln Jura im siebten Semester. Ähnlich wie Robins Vorlesungen, findet auch das Interview per Video-Chat statt.


„Ich geh mal wieder nach oben. Viel mehr gibt es hier ja nicht zu sehen“, sagt Robin, während er die Treppe zu seiner Wohnung in Köln-Lindenthal hochsteigt.


Vor zwei Wochen ist Robin mit seinem langjährigen Teampartner Julius Christ in eine WG gezogen. Zusammen gewannen sie Anfang September die Europameisterschaft im Vierer. Die Kader-Athleten trainieren acht- bis zehnmal pro Woche. Training ist für die Ruderer derzeit nur in Zweier-Teams erlaubt. Da kommt es gelegen, dass die beiden jetzt auch in einem Haushalt wohnen.


© Bild: Paul Hense


Jetzt im Frühherbst wird noch draußen trainiert: manchmal im Vorgarten, manchmal in der Einfahrt. Zusammen mit seinem Teampartner schleppt Robin fast täglich aus dem Keller die schweren Trainingsgeräte, die ihm der Kölner Ruderverein zu Verfügung gestellt hat. „Es ist schon ein bisschen nervig, die Sachen immer hoch zu schleppen“, findet Robin. Doch trotz der ungewöhnlichen Umstände ist es mittlerweile Trainingsalltag.


„Als es im März mit dem Lockdown losging, hatte ich Probleme mich zu motivieren“, erinnert sich Robin. Damals war nicht

absehbar, ob es weiter internationale Wettbewerbe geben würde. Eine Absage hätte bedeutet, dass monatelanges intensives Training umsonst gewesen wäre.


Als klar wurde, dass die Europameisterschaft wegen der sinkenden Infektionszahlen unter strengen Hygieneauflagen im September stattfinden würde, war das eine große Erleichterung für Robin und seinen Teampartner. Sie hatten wieder ein klares Ziel vor Augen. Auch der zehn-wöchige Ausfall von Julius wegen einer Rückenverletzung, konnte die beiden nicht bremsen: „Ich glaube, dass wir sogar durch die Situation stärker geworden und daran gewachsen sind“, sagt Robin rückblickend.



Er und sein Teampartner haben sich an das ungewöhnliche Training gewöhnt. Online-Vorlesungen an der Uni sind bei

dem harten Trainingsalltag für Robin eigentlich sehr praktisch. Die Fahrzeiten fallen weg und er kann sich den Tag besser einteilen. Abwechselnd schaut er Vorlesungen, kocht, trainiert und lernt. Eigentlich praktisch – aber trotzdem zieht es ihn in die Uni. „Ich bin früher gerne in die Bibliothek gegangen, weil ich diese räumliche Trennung mag“, sagt er. Wenn er vom Lernen nach Hause komme, habe er seine Ruhe: „Da wo ich schlafe und wohne, will ich nicht die ganze Zeit lernen.“ Genauso sei es beim Sport. Eine klare Trennung zwischen Training, Studium und Freizeit ist ihm sehr wichtig.


Robin vermisst die Lernatmosphäre der Uni-Bibliothek und der Hörsäle – kurz, die Ruhe. „Zuhause ist mein Lernfluss schneller gestört“, sagt er. Auch die Online-Klausuren nerven ihn. Bei E-Klausuren seien plötzlich andere Fähigkeiten wichtig wie zum Beispiel schnelles Tippen: „Das ist eigentlich ein Skill für das Berufsleben und wurde in den Klausuren bisher nicht gemessen.“ Robin ist mit den Klausuren unzufrieden.


Von seiner eigenen Fakultät wünscht er sich mehr Entgegenkommen. „Wenn man Erleichterung wie Klausurverlegungen will, muss man meistens sehr dafür kämpfen“, sagt er: „Besonders entgegenkommend sind die nicht.“ Oft antworte das Prüfungsamt nicht mehr auf seine Fragen. Dann werde ihm später gesagt, er hätte ein bestimmtes Dokument schicken müssen. „Das würde ich liebend gern tun. Aber wenn mir das vorher keiner sagt, habe ich keine Chance.“


Robin bekommt für das letzte Jahr immerhin ein Frei-Semester, weil er in der intensiven Vorbereitung auf die EM viele Veranstaltungen verpasste. In der Vorbereitung auf Wettbewerbe muss sein Studium oft in den Hintergrund treten. Dabei werden viele Probleme und Ausfälle nicht kompensiert.


Robin möchte aber keine Extrawurst: „Ich will mich da ungern den Leuten aufdrängen und sagen: ‚Ich bin hier der tolle Leistungssportler.‘“ Es gebe schon genug Leute, die ein Theater um ihren Leistungssport machen würden.


Robin definiert sich nicht nur über seinen Sport. Er legt Wert auf Abwechslung von der leistungsorientierten Ruderwelt.


„Ich treffe mich auch gerne mal mit Leuten, die nichts mit Rudern zu tun haben“, sagt er. Über Videochats hält Robin Kontakt mit seinen Freunden. In virtuellen Lan-Partys spielen sie „Among us“ und trinken das ein oder andere Kölsch.


So versuche er, den Sinn für die Dinge und Realitäten außerhalb seiner Athleten-Bubble nicht zu verlieren, sagt Robin: „Das ist die große Gefahr, wenn man zu einem Bundesstützpunkt geht. Das geht so ein bisschen am echten Leben vorbei.“

Robin wünscht sich jetzt eine schnelle Rückkehr in seinen alten Studien- und Trainingsalltag, um bestmöglich für seinen Traum - Olympia 2024 in Paris - vorbereitet zu sein. Das Potenzial sei da, meint Robin. Doch vorher hätte er gerne sein Staatsexamen in der Tasche - und würde gerne nochmal die Uni-Bibliothek von innen sehen.

© Bild: DRV/Schwier

Eine Kooperation mit Student*innen der Kölner Journalistenschule unter Leitung von Ismene Poulakos

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