• von Nikolaus Thiess

Wer das nicht liest ist doof



Ich beobachte seit ein paar Monaten, dass es hier in Deutschland eine wachsende Tendenz zu Verschwörungsideologien gibt. Diese Tendenz existiert in allen Milieus. In Bezug auf Covid-19 gibt es sie vor allem bei Almans. Was meine ich mit “Alman”? (Kleiner Spoiler: weder die Hautfarbe noch die Religion. Ich kenne schlimme Almans, die beten zu Allah. Es kann jeden treffen.) Jedenfalls sind Almans die Menschen, die humorloser, phantasieloser, renitenter sind als beim Durchschnitt. Almans überzeichnen das eigentliche Klischee des Deutschen. Ein eigentlicher Deutscher sticht im internationalen Vergleich bereits durch sein freundliches, aber überpünktliches und etwas regelversessenes Verhalten heraus. Das ist nicht schlimm, sage ich mir, das verzeiht man ja schließlich auch Leuten mit Autismus. Der Alman ist ein Zustand, den man hart trainieren muss. Als Deutscher kannst du geboren werden, zum Alman wirst du.


Ich stelle die Behauptung auf: Wir Almans haben die Tendenz, nur schlecht mit Regeln umgehen zu können. Wenn ich jedes Mal, dass ich durch die Innenstadt laufe, Menschen sehe, die gegen Merkel demonstrieren, dann ist das interessant und irgendwie nicht so gut. Sie sind alle so weiß und so deutsch und so unfassbar mittelmäßig. Selbst diejenigen, die sich mit Schildern behängen, Federn in den Haaren tragen, Räucherstäbchen anzünden und sonstige Pseudohippiekacke abziehen. Kein echter Hippie ist so. Kein echter spiritueller Mensch braucht verkrampft zu grinsen, um seine Chakren zu spüren. Ihr seid dumme Almans, Outfit hin oder her. Warum sind diese Menschen von ein paar Hygiene-Regeln so überfordert, dass sie wertvolle Stunden des entspannten Lockdowns auf Demos verschwenden? Ich weiss es nicht, aber ich weiss, dass der Umgang mit Regeln und mit Autorität gelernt werden muss. Wenn mir von Verschwörungsheinis Schläge angedroht werden, dann deshalb, weil die Leute nicht gelernt haben, was der zivilisierte Umgang miteinander gebietet.


Ich verzichte auf das Zitieren, weil ich zu faul bin und weil es nicht wahrer wird, was ich sage, wenn ich zitiere. Auch wenn ich in der Stimmung wäre, dann würden mir keine Almans einfallen, die man zu dem Thema gut zitieren kann. Eher würde ich Sigmund Freud (Wiener, Jude) zitieren, der nach dem Ersten Weltkrieg eine Art Abrechnung mit dem Mensehen schrieb (“Das Unbehagen in der Kultur”) und in etwa behauptet, dass der Mensch ein asoziales, zerstörerisches Wesen ist, der auf Kultur angewiesen ist, um sich nicht selbst zu vernichten. Der Titel besagt bereits, dass diese Kultur mit ihren Regeln dem Menschen nicht behagt und der Mensch trotzdem lieber Sandburgen eintritt als Sandburgen zu bauen. Es ist ein Buch voller Pessimismus. Es gibt die Erfahrung wieder, dass die zerstörerischen Triebe des Menschen in einem Weltkrieg münden können, wenn sie nicht durch die Kultur gebremst werden.

Einen Völkermord später schreibt Theodor Adorno (ebenfalls kein Alman, ebenfalls Jude) über die Schwierigkeit der “Erziehung zur Mündigkeit”. Er ist der Meinung, dass Autorität und Autonomie sich gegenseitig bedingen. Wer ohne Autorität erzogen werde, ohne Regeln und Verbote, könne niemals eine echte Autonomie erwerben. Adorno spricht damit eine ziemlich universelle Wahrheit aus: Manche Situationen erfordern Autorität, Einschränkungen und Regeln. Das Beispiel, welches Adorno anführt, ist das eines Piloten im Flugzeug; niemand würde in ein Flugzeug steigen, in dem der*die Pilot*in nicht die komplette Kontrolle hat.

Die Frage ist also nicht, ob es Regeln braucht. Auch auf den Querdenkerdemos würde sich vermutlich kein Mensch gegen das Konzept von Autorität aussprechen, ganz im Gegenteil: Die Regellosigkeit der Menschen, die den Reichstag stürmen oder verkünden, die Verfassung abschaffen zu wollen, schlägt schnell in Gewaltphantasien um. Bezeichnenderweise schlug bereits die Französische Revolution, der erste große europäische Vorstoß in Sachen Freiheit, in die Schreckensherrschaft um. Das Resultat war, dass statt der allgemeinen Freiheit auf lange Sicht nur die bürgerliche Freiheit erkämpft wurde und wir jetzt im Kapitalismus leben. Danke für gar nichts, Robespierre (dummer Alman!!).

Die Frage ist, wie viel Autorität gut ist, um gesellschaftliche Konflikte zu lösen. Pädagogisch betrachtet ist jede Form von Autorität nur dann gut, wenn sie dazu da ist, überwunden zu werden. Gesetze sind also dazu da, sich überflüssig zu machen. In diesem ‘Angle’ sind die Einschränkungen und Strukturhilfen der Regierung in der Pandemie nachvollziehbar, denn sie werden überflüssig, sobald sie ihre Wirkung erreichen. Eine andere Pädagogenplattitüde ist “so viel wie nötig, so wenig wie möglich”. Das macht die Sache komplizierter, denn welche Einschränkungen nötig sind, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, weiss man erst hinterher.

Bis dahin kann man nur hoffen, dass diejenigen, die schon völlig im Verschwörungssumpf stecken, nicht durchdrehen und rumballern. Ein Arbeitskollege von mir hatte vor ein paar Tagen Gesprächsbedarf zum Thema “Masken”. Immer gerne, aber eins hat mich gestört: Er hat es nicht geschafft, darüber zu reden, ohne von “denen” auf der einen Seite und “dem Volk” auf der anderen Seite zu sprechen. Da wurde das Gespräch irgendwie uninteressant. Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen gerade mit einer Situation konfrontiert sind, in der sie meinen, Antworten finden zu müssen. Das ist ok, aber “die da oben” ist erstmal gar keine Antwort, und “das Volk” ist eine gefährliche Antwort. Und was war überhaupt die Frage? Um bei der pädagogischen Perspektive zu bleiben: Die Gesellschaft muss dem Individuum Angebote machen, die konstruktiver sind als das Geschwurbel der YouTube-Gurus vom “Volk” und von der “Lügenpresse”. Die Kultur darf dem Menschen nicht das Angebot des “Volkes” machen, denn dann fängt dieses Volk womöglich an, Scheiße zu bauen, und dann wird Sigmund Freud wieder depressiv und schreibt noch so ein schreckliches Buch. Was könnte ein alternatives Angebot zur Imagination des “Volkes” sein? Wer bietet Antworten, die nicht in eine problematische Richtung führen? Ich weiss es nicht.

Was war noch gleich die Frage?



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