• Verena Bauer

Wohnen mal anders

Wohnen in Köln ist teuer. Vor allem zu Beginn des Semesters ist es für Studierende schwierig, bezahlbaren und zentralen Wohnraum zu finden. Es gibt jedoch auch Wohnkonzepte, die deutlich günstiger sind als klassische WGs oder Einzimmerwohnungen. Wir stellen euch drei Konzepte alternativer Wohnformen vor.


Zuhause als Arbeitsplatz

Wenn Laura von der Uni zu ihrer Arbeit fährt, fährt sie nicht in ein Café oder ein Büro. Sie fährt nach Hause. Denn Laura hat keinen gewöhnlichen Nebenjob, sie wohnt auch in keiner gewöhnlichen Student:innen-WG. Sie wohnt bei einer Familie, und als studentischen Nebenjob betreut sie die drei Kinder: Julia*, Luise* und Paul*. Zu ihren Aufgaben gehört es, sie rechtzeitig in die Schule oder ins Bett zu bringen und sich um sie zu kümmern, wenn ihre Eltern Anne und Christoph Uhlmann* keine Zeit dafür haben. Manchmal übernimmt sie auch kleinere Aufgaben im Haushalt, etwa Wäsche falten. Doch Laura wird nicht bezahlt - zumindest nicht mit Geld. Ihr Lohn ist der Wohnraum. Für das Apartment, in dem sie wohnt, muss sie außer den Nebenkosten keine Miete bezahlen.


Wohnraum gegen Arbeitszeit

Dieses Konzept heißt „Wohnen für Hilfe” und ist auf der dazugehörigen Website so erklärt: Es soll „Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen aus verschiedenen Generationen zusammenzuführen“. Konkret heißt das: Senior:innen, Menschen mit Behinderung, Familien oder Alleinerziehende bieten Zimmer für Studierende an. Für jeden Quadratmeter überlassenen Wohnraum leisten die Studierenden eine Stunde Hilfe im Monat. Nur die Nebenkosten müssen die Studierenden selbst übernehmen. Diese Hilfstätigkeiten können vielfältig sein. „Typischerweise helfen die Studierenden im Haushalt, im Garten, betreuen die Kinder oder sind einfach nur da, um Gesellschaft zu leisten”, sagt Sandra Wiegeler vom Projekt „Wohnen für Hilfe“. Ausgeschlossen seien Pflegeleistungen jeglicher Art. „Die Studierenden sind keine ausgebildeten Krankenpflegerinnen oder Krankenpfleger”, sagt Sandra Wiegeler. Außerdem würde durch die studentische Pflege die gleichberechtigte Partnerschaft ins Ungleichgewicht gebracht.


Familiäres Zusammenleben

Laura und Familie Uhlmann haben ein enges Verhältnis. „Am Ende von jeder Woche besprechen wir die nächste Woche. Da schauen wir dann, wann Anne und Christoph mich brauchen, wie ich Zeit habe und wie es für uns alle passt“, sagt sie. Im Schnitt helfe sie acht Stunden pro Woche, manchmal mehr, manchmal weniger. Um den Überblick zu behalten, schreiben sie die Arbeitsstunden auf.

Sie treffen sich aber nicht nur, um die Aufgaben für die kommende Woche zu klären. „Wir essen auch ab und zu mal zusammen. Wir fragen oft nach, ob Laura mit uns zu Abend isst”, sagt Anne. Allerdings funktioniert das nicht immer. „Häufig ist sie dann noch nicht zuhause“. Im Sommer sitzen die drei häufig zusammen auf der Terrasse. Bestimmte Regeln, die ihre Wohngemeinschaft von einer gewöhnlichen Studierenden-WG unterscheidet, haben sie nicht. „Ich glaube, die einzige Regel ist nur, dass ich das Apartment nicht völlig demoliere“, sagt Laura und lacht. Trotzdem muss sie Rücksicht nehmen: Urlaube solle sie frühstmöglich mit Anne und Christoph absprechen, damit sie sich darauf einstellen können, aber auch für spontane Reisen findet sich immer eine Lösung. „Anne und Christoph kommen mir da echt entgegen”, sagt sie.


Distanz statt Nähe

Auch Eric hat sein Zimmer über „Wohnen für Hilfe“ gefunden. Er wohnt bei einem Paar, das beruflich viel unterwegs ist. „Ich bin für das Haus-Sitting zuständig.”, sagt er. Dazu gehören Wäsche waschen, Pflanzen gießen und im Winter den Schnee zu schippen. Er wohnt – genauso wie Laura – in einem separaten Apartment. Mit dem Paar, bei dem er wohnt, hat er nur wenig Kontakt. Sie sehen sich normalerweise nur einmal pro Woche, manchmal seltener. Meistens teilen sie ihm die Aufgaben für die kommende Woche per SMS mit. Ihr Verhältnis beschreibt Eric als distanziert. „Am Anfang in den ersten zwei Monaten bin ich mal nach oben in ihre Wohnung gekommen und hab ‘Hallo’ gesagt, wollte quatschen und fragen, wie‘s ihnen geht. Dann haben sie mir ganz schnell klargemacht: Oben ist ihr Platz und unten, also in meinem Apartment, das ist meiner“, sagt er und erzählt, dass er sich in seinem Zuhause mehr Gemeinschaft wünscht und er deshalb überlegt, auszuziehen.


Unterstützung bei Unstimmigkeiten

Das Projekt „Wohnen für Hilfe“ gibt es seit 2005. Es wurde unter der Beteiligung der Kölner Seniorenvertretung ins Leben gerufen und aus Landesmitteln finanziert. Seit 2009 übernehmen die Stadt Köln und die Universität zu Köln die Finanzierung.

Doch nicht nur um die Vermittlung kümmert sich das Team von “Wohnen für Hilfe”, sondern auch um die Betreuung. „Wir beraten unsere Wohnpartnerschaften, wenn Probleme auftreten“, sagt Wiegeler. Das sind meistens nicht geklärte Unstimmigkeiten. „Entweder motivieren wir die Personen dann, sich zusammen zu setzen und ihre Wünsche und Erwartungen zu formulieren oder wir setzen uns alle zusammen, um die Probleme aus der Welt zu schaffen und Lösungen zu finden.“ Das klappt jedoch nicht immer – im schlimmsten Fall zieht der:die Studierende wieder aus. So wie Katharina*. Auch sie hatte ein Zimmer bei einer Mutter mit zwei Töchtern vermittelt bekommen. Sie sollte der jüngeren Tochter bei den Hausaufgaben helfen. Katharina sagt, dass sich alle gut verstanden haben, die Mutter ihr dann aber plötzlich ohne Vorwarnung Vorwürfe gemacht habe. „Die Mutter hat mir gesagt, dass ich es nicht gut genug mache und dass sie jemanden Älteren braucht. Ich war ungefähr im selben Alter wie ihre richtige Tochter und das fand sie wohl komisch.” Am nächsten Tag sei sie dann ausgezogen. „Ich war dort nicht mal sieben Tage und es kam total aus dem Nichts”, erzählt sie.


Laura hingegen fühlt sich wohl bei der Familie Uhlmann, obwohl sie sich am Anfang nicht sicher war, ob „Wohnen für Hilfe” das Richtige für sie wäre. Sie habe Bedenken gehabt, weil sie noch nie davor Kinder betreut habe. „Ich habe zwar viele Cousins und Cousinen, aber ich habe nie richtig auf die aufgepasst“, sagt sie. Laura entschloss sich, trotz Zweifel bei Familie Uhlmann einzuziehen. Ausschlaggebend für sie waren nicht nur die hohen Mieten in Köln, sondern auch der Wunsch nach einer familiären Atmosphäre. Sie bereut ihre Entscheidung nicht und sagt, es gefalle ihr zu sehen, wie sich die Kinder mit der Zeit an sie gewöhnen und ein Vertrauensverhältnis zu ihr aufbauen. „Außerdem ist es super, dass Anne und Christoph mir bei Problemen helfen“, sagt sie. Anne hat ihr sogar beim Umzug von Aachen nach Köln geholfen – denn Laura hat keinen Führerschein.


Inklusive WG und selbstverwaltetes Studierendenwohnheim

Es gibt Studierende, die ähnliche Wohnmodelle gefunden haben, die aber nicht zum Projekt „Wohnen für Hilfe” gehören. So wie Celina und Lea. Celine wohnt zusammen mit drei anderen Studierenden und fünf Menschen mit Behinderung in einer inklusiven WG in Rodenkirchen, Lea im Schmittmann-Kolleg, einem selbstverwalteten Studierendenwohnheim in der Kölner Südstadt, das 24 Studierenden ein Zuhause bietet. Hier sind die Bewohner:innen selbst für die Zimmervergabe, die Mietverträge, Abrechnungen und die Sauberkeit im Waschkeller und der großen Gemeinschaftsküche verantwortlich. Die genauen Aufgaben werden jedes Semester neu zwischen den Bewohner*innen verteilt.


Arbeit und Freizeit vermischt sich

Die Zimmer im Schmittmann-Kolleg werden über WG-Gesucht vergeben. Celine dagegen hat ihre WG über einen Aushang des Vereins „Inklusiv Wohnen Köln“ am Schwarzen Brett der Uni gefunden. Der Verein wurde 2013 von Eltern von Menschen mit Behinderung ins Leben gerufen, die sich für ihre erwachsenen Kinder ein lebendiges Wohnumfeld wünschen, so heißt es auf der Homepage. Seit Oktober 2017 wohnen hier 18 Menschen in zwei WGs.

Inzwischen wohnt Celine seit mehr als einem Jahr in der WG. „Am Anfang war es sehr intensiv, da habe ich viel zusätzliche Zeit in die WG gesteckt”, sagt Celine. Ihre Arbeit habe sich mit ihrer Freizeit vermischt, ihr blieb nur wenig Zeit für Freund:innen und für sich allein. Inzwischen hat sich das aber geändert: „Ich habe gelernt Abstand zu nehmen und andere Dinge aufholen, die ich in dem ersten Jahr vernachlässigt habe“, sagt sie.


Klare Arbeitszeiten durch Dienstplan

Die Zeiten für die Arbeit sind in einem Dienstplan festgelegt. „Jeder hat einmal in der Woche morgens Dienst, also von 6 bis 8 Uhr, einmal in der Woche am Nachmittag, also von 16 bis 22 Uhr, und einmal im Monat ein komplettes Wochenende von Freitagnachmittag bis Montagmorgen“, erklärt Celine. Zu den Wochenenddiensten gehören allerdings nur die Tage, nachts habe sie frei. Außerhalb der Dienstzeiten hat sie Freizeit, die sie unabhängig von der WG gestalten kann. „Ich kann Freunde einladen, mich in mein Zimmer zurückziehen und mein Ding machen“, sagt Celine. „Wie in einer richtigen WG.“ Neben dem Dienstplan gibt es verschiedene Regeln, die die WG selbstständig aufgestellt hat, um das Zusammenleben zu vereinfachen. „Dazu gehört auch, dass die Zimmer der Studenten ohne Absprachen für Bewohner tabu sind, da wir auch unsere Privatsphäre für Unisachen oder ähnliches brauchen.” Außerdem versuchen die Bewohner:innen, im Wohnzimmer Handys möglichst nicht zu benutzen. „Das Wohnzimmer ist ein Ort der Begegnung und Kommunikation”, sagt Celine und beschreibt das aktive WG-Leben: „Wir kochen gemeinsam, planen Aktivitäten wie zum Beispiel Klettern in der Kletterhalle und essen am großen Gemeinschaftstisch.“ Die Bewohner:innen mit Behinderung haben außerdem verschiedene Termine, zu denen sie entweder von Studierenden oder FSJ-ler:innen begleitet werden, zum Beispiel zum Schwimmen, ins Jugendhaus oder zur Krankengymnastik. „Außerdem helfen wir den Bewohnern, eigenständig Dinge zu erledigen, wie zum Beispiel kochen, Wäsche waschen, aufräumen oder einkaufen gehen.“


„Eine Klassenfahrt, von der man nie abgeholt wird“

Auch bei Lea im Schmittmann-Kolleg ist das WG-Leben geprägt von einem starken Zusammenhalt. Sie und ihre Mitbewohner:innen machen häufig Spaziergänge am Rhein, Filme- oder Spieleabende oder gehen am Wochenende zusammen feiern. „Es ist eine Klassenfahrt, von der man nie abgeholt wird“. Einmal im Semester fahren sie sogar alle zusammen in den Urlaub. Sie genießt die Gemeinschaft, in der jede:r trotzdem genug Freiräume hat. Feste Pflichttermine gibt es nur wenige. Zweimal im Semester essen alle Bewohner:innen zusammen, dreimal im Semester gibt es Hausversammlungen, an denen alle teilnehmen sollen.


Die Zimmer sind günstig, sie kosten je nach Größe zwischen 230 und 250 Euro warm. Sie sind alle möbliert – einer der wenigen Nachteile, der Lea einfällt, wenn sie von ihrem Wohnheim erzählt. „Das nimmt einem natürlich etwas Gestaltungsfreiraum“, sagt sie. Ansonsten gerät sie ins Schwärmen, wenn sie von ihrem Zuhause erzählt: „Dadurch, dass wir so viele sind, kann jede und jeder einen eigenen Alltag haben, und trotzdem ist man nie alleine“, sagt sie. So gibt es etwa keine festen Frühstücks- und Abendessen-Zeiten, trotzdem trifft man zu bestimmten Zeiten eigentlich immer jemanden in der Küche.


Kommunikation als Basis

Wenn man Laura nach den Nachteilen ihrer WG fragt, muss sie lange überlegen. „Manchmal fällt es mir schwer, sich zurückzuziehen”, sagt sie dann. Das liege daran, dass ihr Arbeitsplatz gleichzeitig auch ihr Zuhause ist. Sie erzählt von einem Wochenende, an dem sie eigentlich frei hatte und ausschlafen wollte – da hätten die Kinder an ihrem Fenster geklopft, weil sie mit ihr spielen wollten. Sich abzugrenzen und auch mal „Nein” zu sagen, das falle ihr schwer. „Aber auch dabei lerne ich dazu“, sagt sie. Sie bekomme hier sehr viel zurück. „Man hat einen anderen Umgang irgendwann - auch zu sich selber, weil auch Kinder einfach direkter und ehrlicher sind und genau das hat mir glaub ich davor auch sehr gefehlt. In meinen anderen WGs war viel so hintenrum und teilweise lief da die ganze Kommunikation über Zettel ab, anstatt dass miteinander gesprochen wurde.“ Ihr Alltag mit der Familie Uhlmann sieht anders aus – Kommunikation und Vertrauen spielen eine große Rolle. „Das weiß ich sehr zu schätzen.”


*Name(n) geändert

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